Felix Benesch/Stefan Rogall/Regine Bielefeldt/Maike Rasch/Marcus Ulbricht/Neelesha Barthel: Jenseits der Spree. 4‑teilige Krimiserie (ZDF)

Schematisch anmutende Geschichten

25.10.2021 •

Der Freitagskrimi im Zweiten Deutschen Fernsehen ist ein nostalgisch anmutendes Format. Hier ermittelte einst Erik Ode alias „Der Kommissar“, hier wurde Horst Tappert als „Derrick“ legendär. Auf diesem Primetime-Sendetermin von 20.15 bis 21.15 Uhr werden heute weiterhin „Der Alte“, „Ein Fall für zwei“ und weitere nach ähnlich schlichtem Muster gestrickte Krimiserien ausgestrahlt.

Nun versucht das ZDF, dieses Genre neu zu beleben. Und das in einer Zeit, in der solche Sende­plätze – dank der Rückläufigkeit des linearen Fernsehens aufgrund des Booms von Streaming-Formaten – tendenziell an Bedeutung verlieren. Mit der in Berlin-Köpenick spielenden vierteiligen Serie „Jenseits der Spree“ will das ZDF an die Vergangenheit einer traditionellen Marke anknüpfen und gleichzeitig modische Strömungen der Gegenwart nicht aus den Augen verlieren. Die neue Reihe gibt sich trendy. Bereits die Optik des Vorspanns orientiert sich am Kaleidoskop-Motiv der Amazon-Krimiserie „Bosch“. Wiederkehrende Drohnenaufnahmen sollen die visuelle Gestaltung interessant erscheinen lassen.

Und dann ist da vor allem Jürgen Vogel, der Hauptdarsteller. Er spielt Robert Heffler, einen eigentlich taffen Kommissar, der zugleich aber auch eine witzige Figur verkörpert, die allerdings nahezu alle Klischees des Genres in sich vereint. So erfahren wir zu Beginn im Rückblick, dass Heffler eigentlich ein ziemlicher Draufgänger war. Bei einem Einsatz überschätzte er sich dann und wurde deshalb von einem Geiselnehmer angeschossen. Als traumatisierter Polizist schiebt er nun seit drei Jahren nur noch Innendienst. Da ein Kollege nach einem Fahrradunfall nur noch an Krücken durchs Büro hinken kann, wird Heffler von seiner Chefin dazu gedrängt, ausnahmsweise wieder in den Außendienst zu gehen. Er soll die neue, zwangsversetzte Kollegin Kay Freund (Seyneb Saleh) begleiten.

Und so nimmt Robert Heffler die Ermittlungen wieder auf. Er tut dies nur widerwillig, denn eigentlich fühlt er sich voll ausgelastet, zumal er auch alleinerziehender Vater ist; seine Frau musste unbedingt einen „Selbsterfahrungstrip“ machen und hat ihn deshalb im Stich gelassen. Da er seinen drei Teenager-Töchtern, die ihm gehörig auf der Nase herumtanzen, zunächst nicht verrät, dass er wieder im Außendienst Bösewichte jagt, bimmelt im Einsatz ständig das Handy. Die Unsitte, gemäß der Kommissare, während sie am Tatort eine übel zugerichtete Leiche inspizieren, sich via Mobiltelefon mit kratzbürstigen Töchtern zanken, wurde bereits in einschlägigen YouTube-Parodien veralbert.

Das Drehbuch versucht zwar, dieses Versatzstück des Fernsehkrimis humorvoll zu wenden, doch der Balanceakt zwischen komödiantischen Elementen und spannungsgeladener Ermittlungsarbeit funktioniert in „Jenseits der Spree“ nicht so wirklich. Das mag auch daran liegen, dass der routiniert anmutenden Regie (Folgen 1 und 2: Marcus Ulbricht, 3 und 4: Neelesha Barthel) kaum Szenen gelingen, bei denen man nicht das Gefühl hat, dass man sie in anderen Krimis so schon einmal gesehen hat. In der ersten Episode „Blutsbande“ etwa biegt der Bösewicht mit seinem Fluchtwagen in eine Seitenstraße, worauf der Streifenwagen mit lautem Tatütata an ihm vorbeirauscht. Derart unbeholfen anmutende Bilder erinnern an die Bildsprache des fließbandmäßig produzierten Vorabendkrimis.

Die inszenatorische Routine zeigt sich ebenso beim wiederkehrenden Kontrast der Schauplätze.
Während Heffler in einer schmucken, für einen Kriminalbeamten viel zu luxuriös wirkenden Fachwerk-Villa mit Gemüsegarten lebt, wohnen Verdächtige in kühl-modernistischen Designer-Palästen, die teilweise von hohen Mauern abgeschirmt werden. Die jeweiligen Kriminalgeschichten kreisen um Institutionen oder Organisationen, bei denen es um eine – für die Berliner Szene typische – Betonung des sozialen Engagements geht. So erzählt die zweite Episode „Tunnelblick“ von einem „Büro für Bürgerbeteiligung“. Ein Angestellter präzisiert: „Wir organisieren Möglichkeiten, an politischen Entscheidungen hier im Stadtviertel mitzuwirken.“

Wie diese Verquickung von bürokratischem Filz und Gutmenschlichkeit im Detail funktioniert, bleibt eher im Dunkeln. Das gilt auch für die Auftaktepisode, die von einem „Netzwerk der Menschlichkeit“ erzählt. Dieses besteht aus „Frauen aus ganz Deutschland, die Bürgschaften für Geflüchtete aus Krisenländern übernehmen“. Die junge Aktivistin, die diese Information gibt, hat eine Liebesbeziehung zu einem schwarzafrikanischen Migranten, der Opfer eines Gewaltverbrechens wird. Da man von dieser Liaison nur retrospektiv aus Dialogerzählungen erfährt, bleiben wichtige Charaktere nicht nur dieser Krimifolge schemenhaft. Und aus diesem Grund erscheinen die Plots ausrechenbar. Die Geschichten dümpeln artig vor sich hin.

An der Seite von Jürgen Vogel kann die Mithauptdarstellerin Seyneb Saleh insofern nicht so wirklich überzeugen, als mit ihrer Figur das Klischee der hartgesottenen Polizistin, die einmal sogar einen ihr körperlich deutlich überlegenen Finsterling über die Schulter wirft, überstrapaziert wirkt. Die Besetzung des Kommissars mit dem Charakterkopf Jürgen Vogel ist hingegen das Pfund, mit dem diese Krimireihe wuchert. Vogel hat komödiantisches Talent, kann aber auch den ungestümen Berserker geben. Diese beiden Aspekte vereint er unter anderem in jener Szene, in der er seine erst 13 Jahre alte, also noch minderjährige Tochter im Kinderzimmer mit einem anscheinend volljährigen arabischen Migranten erwischt, den er in Handschellen abführt. Diese Überreaktion ist witzig gemeint, wirkt aber aufdringlich.

Durch die vier Folgen dieser Serie, für die Felix Benesch (Folge 1), Stefan Rogall (2, 4) sowie Regine Bielefeldt und Maike Rasch (3) die Drehbücher schrieben, zieht sich das Motiv einer Rollenumkehrung. Während deutsche Protagonisten oft als zwiespältige Charaktere überzeichnet werden, erscheint ein Migrant wie der um seine Tochter besorgte Restaurantbesitzer in der zweiten Episode selbst dann noch menschlich, allzu menschlich, wenn er seinen Küchengehilfen schikaniert. Auf diese Weise vermitteln Kriminalfälle nebenbei meist politisch korrekte Botschaften. Aufgrund solcher doch etwas schematisch anmutenden Geschichten kommt „Jenseits der Spree“ (Produktion: Studio Zentral) nicht über uninspiriertes Mittelmaß hinaus. Da denkt man mit Wehmut an die preisgekrönte Serie „KDD – Kriminaldauerdienst“ zurück, die das ZDF von 2007 bis 2010 ebenfalls am Freitagabend zeigte (allerdings erst um 21.15 Uhr) und die wirklich markante neue Akzente setzte.

25.10.2021 – Manfred Riepe/MK

- - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Die Quoten für die Serie „Jenseits der Spree“

Folge 1: 5,46 Mio Zuschauer
(Marktanteil: 20,5 Prozent)

Folge 2: 5,45 Mio Zuschauer
(Marktanteil: 19,7 Prozent)

Folge 3: 5,45 Mio Zuschauer
(Marktanteil: 19,3 Prozent)

Folge 4: 5,32 Mio Zuschauer
(Marktanteil: 18,9 Prozent)

Quelle: ZDF/GfK

25.10.2021 – MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `