Fabrice Macaux: Fußball um jeden Preis (Arte)

Abdel ist nicht Zinedine Zidane

03.08.2020 •

Es beginnt mit einer scharfen Ansprache des Trainers in der Halbzeitpause eines Meisterschaftsspiels. Er wird laut, kritisiert die lasche Einstellung der Spieler, die sich wie Kinder benähmen. Er fordert mehr Einsatz und eine größere Kampfbereitschaft. Die anschließende Szene, die nach Logik des Schnitts aus der zweiten Halbzeit dieser Partie stammt, zeigt, wie die gerade noch kritisierte Mannschaft ein schönes Tor erzielt. Torschütze ist der (zu diesem Zeitpunkt) 19-jährige Abdelmalek Amara, den alle Abdel rufen; ihn hatte der Trainer bei seiner Kritik in der Pause als einzigen persönlich und direkt angesprochen. Nach dem Tor ist der Trainer zu sehen, der jubelt und sich mit jemanden, der hinter der Kamera steht, abklatscht.

Die Eingangssequenz der Dokumentation „Fußball um jeden Preis“ demonstriert, dass Regisseur Fabrice Macaux und sein Team die Nähe zu jenen Nachwuchsspielern suchten, die im Ausbildungszentrum des französischen Fußballklubs Le Havre Athletic Club (HAC) trainieren, das als eines der besten in Europa gilt (Paul Pogba etwa, 2018 Weltmeister mit Frankreich, stammt von hier). Die Kamera ist Zeuge, wie Abdel mit seinen Dribblings die Gegner heillos verwirrt. Sie beobachtet sein Training mit Beschleunigungsläufen und technischen Einheiten. Sie registriert eine gewisse Hilflosigkeit der Lehrerin, die sich im Internat um die schulische Bildung der Fußballtalente zu kümmern hat, als sie auf ihre Frage, wofür sich denn ihre Zöglinge interessierten, nur eine Antwort erhält: Geld. Und sie zeigt Abdel, den Protagonisten dieses Films, im Kreis seiner Freunde, mit denen er seine Freizeit zwischen den Wohnhochhäusern am Rande von Le Havre verbringt. Er scheint es, anders als seine Freunde, geschafft zu haben; der Fußball bietet dem in Rouen geborenen Sohn aus Algerien stammender Eltern die Chance des sozialen Aufstiegs.

Abdel, der seit fünf Jahren beim HAC trainiert wird und nun in der zweiten Mannschaft des Vereins spielt, steht in seinem letzten Ausbildungsjahr. Nun wartet der Stürmer auf ein Angebot für einen Profi-Vertrag. Sein Trainer sagt, dass Abdel für die besonderen Momente während eines Spiels sorgen kann: „Mit ihm gewinnt man Spiele“. Aber er deutet auch an, dass der junge Spieler mitunter nicht bei der Sache sei, sich nicht genug konzentriere und es an Disziplin mangeln lasse. Abdels Agent Djibril Niang erklärt ihm vor der Kamera, dass er für ein gutes Angebot in den letzten acht Spielen der Saison Bestleistungen abliefern muss. In diesem Gespräch ist Abdel eher skeptisch, er befürchtet nur einen Probevertrag zu erhalten. Aber es kommt noch schlimmer.

Die Offiziellen des Klubs aus Le Havre erklären ihm im Beisein der Kamera, dass er auf Grund seiner disziplinarischen Schwächen keinen Vertrag für die erste Mannschaft erhalten werde (sie spielt in der zweiten Liga). In diesem Gespräch schweigt Abdel weitgehend. Für ihn spricht sein Vater. Doch auch er kann die Argumente des Vereins nicht entkräften, die der Trainer noch einmal erläutert. Der Coach schließt an die Kritik des jungen Spielers auch so etwas wie Selbstkritik an: Man könne es auch so sehen, dass er und der Klub in ihrem erzieherischen Bemühen, den jungen Mann während der letzten fünf Jahre zu einem Profi-Fußballspieler auszubilden, versagt hätten. Man trennt sich. Das stürzt den Abdel in eine tiefe Krise. Die Eltern ermuntern ihn, es bei einem anderen Verein zu versuchen.

Nach einem Zeitsprung von sechs Monaten zeigt der Film, dass Abdel immer noch keine Perspektive gefunden hat. Ohne Vertrag hält er sich autonom fit und hofft, sich über Testspiele so weit profilieren zu können, dass ihm ein Verein einen Profi-Vertrag anbietet. Sein alter Trainer vom HAC empfiehlt ihn an den SC Bastia auf Korsika. Eine Zweitliga-Mannschaft zu der Zeit, aber vor allem weit weg von der Clique, mit der er in Le Havre immer herumhing. Die Vermittlung Abdels nach Bastia ist gleichsam eine letzte erzieherische Maßnahme. Mit der Vertragsunterzeichnung endet der Film. Recherchiert man heute nach, stellt man fest, dass Abdel nur ein halbes Jahr bei dem korsischen Verein blieb und anschließend zum algerischen Erstligisten MC Oran wechselte, bei dem er aber kaum zum Einsatz kam.

Der im Auftrag von Arte France produzierte Film (Originaltitel: „Aux pieds de la gloire“) hat seine Stärke darin, dass die Kamera Zeuge vieler Gespräche ist, die normalerweise jenseits der Öffentlichkeit stattfinden. Sie verdeutlichen etwas, was man als Fernsehzuschauer des Spitzenfußballs immer schon ahnte: dass auf jeden jungen Spieler, der in eine Spitzenmannschaft aufsteigt, Hunderte kommen, die dieses Ziel nicht erreichen. Nicht, weil es ihnen an Talent fehlt, sondern weil sie wie Abdel nicht gewillt oder auch nicht in der Lage sind, alles ihrem Ziel unterzuordnen. Gerade weil sie ihrem Ziel so nahe gekommen sind, ist die Enttäuschung umso größer. Abdel wirkt am Ende wie paralysiert; vom Spielwitz, der ihn auf dem Platz auszeichnete, ist im Alltag nichts mehr zu spüren.

Dem Film, der ohne Kommentar auskommt und der nur wenige Informationen über Schrifttafeln beisteuert, mangelt es an Konsequenz. Die Musiksuppe, die er auf seine Bilder legt, sorgt für eine künstliche Emotionalität, der der Film gar nicht bedurft hätte. Eine Drohnenaufnahme lenkt eher vom Geschehen ab, als dass sie diesem etwas beifügte. Überflüssig das Nachsynchronisieren von Atemgeräuschen bei einem Spiel Abdels, womit der Regisseur vermutlich Anklänge an den Film „Zidane – Ein Porträt im 21. Jahrhundert“ von Douglas Gordon und Philippe Parreno (2006) herstellen wollte, der ebenfalls mit diesem auditiven Mittel arbeitete. Doch Abdel ist nicht Zinedine Zidane, auch wenn der eine wie der andere über algerische Wurzeln verfügt. Und der Fernsehfilm (90.000 Zuschauer, Marktanteil 0,4 Prozent) überhebt sich mit der Erinnerung an den großen Kinofilm dann doch.

03.08.2020

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