Fabienne Hurst/Patrick Wulf: Deutschland für ein Jahr – Der Traum vom Profibasketball. Reihe „Sportclub Story“ (NDR Fernsehen)

Geschichte eines Scheiterns

28.05.2019 •

Sportdokumentationen richten den Blick meist auf prominente Athleten aus dem schillernden Fußballgeschäft. Auch die sonntägliche Reihe „Sportclub Story“ des Dritten Programms NDR Fernsehen bedient gerne diese Ausrichtung, wie etwa mit dem Beitrag „Cristiano Ronaldo – Zwischen Lichtgestalt und Heldendämmerung“ (19.5.19). Dass die Reihe auch andere Möglichkeiten hat, zeigte die Dokumentation „Deutschland für ein Jahr – Der Traum vom Profibasketball“. Der Film von Fabienne Hurst und Patrick Wulf thematisiert eine hierzulande nicht ganz so populäre Sportart, den Basketball. Es geht auch nicht um einen Spitzenverein, sondern um die Shooters aus Neustadt am Rübenberge, einem idyllischen Städtchen in Niedersachsen. Der TSV Neustadt Shooters ist ein Klub aus der Provinz, seine erste Herrenmannschaft spielt in der Regionalliga Nord.

Um den Aufstieg in die 2. Basketball-Bundesliga zu schaffen, engagiert der ambitionierte Verein einen sogenannten „Importspieler“. So wie der Profifußball hierzulande oftmals auf Brasilianer setzt, so engagieren deutsche Basketballvereine meist Spieler aus den USA, jenem Land, in dem dieser Ballsport bekanntlich sehr viel weiter entwickelt ist als hierzulande. Einen Star wie Michael Jordan kann man sich in Neustadt am Rübenberge natürlich nicht leisten. Deshalb setzen die Verantwortlichen ihre Hoffnungen in Brandon Roberts, einen unbekannten College-Spieler aus Alabama. Seine Profikarriere hatte der 23-jährige Afroamerikaner eigentlich längst abgeschrieben, denn er verdiente sein Geld in den USA durch einen Job im Baumarkt. Wie für viele andere Basketballer, die es nicht in die gut bezahlte US-Profiliga NBA geschafft haben, bietet der Vertrag im Ausland für Brandon nun die womöglich letzte Chance, doch noch Geld mit der von ihm so geliebten Sportart zu verdienen. Der Traum lebt, aber die Realität wird sich als steinig erweisen.

Der Film beginnt mit Brandons Ankunft auf dem Flughafen. Die Kamera begleitet ihn dann beim Kennenlernen seiner Mitspieler in der Sportler-WG und zeigt, wie der junge Mann den Kulturschock zu bewältigen versucht. Schon das Aussprechen des zungenbrecherischen Städtenamens Rübenberge erweist sich als Prüfung. Wie der US-Amerikaner sich jenseits von Training und Spielen einlebt, wird im Film allerdings nur ansatzweise erfahrbar. Nach und nach erweitert sich die Perspektive auf Brandons berufliche Situation in Deutschland. Für sein Engagement bei den Shooters bekommt er gerade einmal 900 Euro im Monat. Dafür muss er nebenher sogar noch im Klub als Jugendtrainer arbeiten.

Eingeschoben in das Porträt des Provinz-Profis ist eine Episode über den US-Spielermarkt. Die Dokumentation begleitet Marvin Willoughby, einen erfolgreichen Ex-Basketballer, der nun für eine Hamburger Profimannschaft aus der 2. Bundesliga neue Spieler verpflichten soll. Eine Anlaufstelle ist Las Vegas. In die Stadt im US-Bundesstaat Nevada kommen Basketballer aus dem ganzen Land. Sie müssen 500 Dollar zahlen, um unter den Augen interessierter Funktionäre aus aller Welt ihr Können zur Schau zu stellen. Verdeutlicht wird damit die berufliche Perspektive junger Basketballer, die eine gewisse Qualität haben, um lukrative Profiverträge zu ergattern.

Bei Brandon Roberts, so viel wird nach und nach deutlich, reicht das spielerische Potenzial nicht ganz aus. Statt wie erhofft um den Aufstieg spielen die Shooters schließlich gegen den Abstieg. Für das Verfehlen der sportlichen Ziele wird hauptsächlich Brandon verantwortlich gemacht. Denn er ist der Importspieler, auf dessen Schultern die Hoffnungen ruhten. „Wenn das Team verliert, ist immer der Amerikaner schuld“, heißt es im Off-Kommentar. Wie in einem klassischen Sportfilm folgt die Dokumentation der Dramaturgie des Spielverlaufs. Wenn es im letzten Match der Saison um den Klassenerhalt geht, dann fiebert der Zuschauer mit. Obwohl Brandons Team das entscheidende Spiel für sich entscheidet, wird sein Vertrag mit dem Klub aus Neustadt am Rübenberge nicht für ein weiteres Jahr verlängert. Der junge US-Amerikaner konnte die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen.

Mit vielen Detailbeobachtungen zeigt der Film „Deutschland für ein Jahr“, wie sich die ambitionierten Ziele des Basketballers „an die Realität angepasst“ haben. Die halbstündige Dokumentation erzeugt eine große Nähe zu dem sympathischen Protagonisten, der mit seinem bescheidenen Salär auch noch seine kleine Tochter in der Heimat mitfinanziert. Da der Film die Mechanismen des Sportgeschäfts an der Grenze zum Amateurbereich ausleuchtet, wird allerdings auch klar, dass natürlich nicht jeder Athlet den großen Durchbruch schaffen kann. Die Dokumentation wird mit ihrer zurückhaltenden Machart ihrem Sujet gerecht. Die sehenswerte Langzeitbeobachtung mag dabei kein Film für einen Grimme-Preis sein, sie hebt sich aber von Routineproduktionen, wie sie oft in Rahmen von (formatierten) Reihen vorkommen, wohltuend ab. Sie erzählt die zu Herzen gehende Geschichte eines Scheiterns, deren melancholische Stimmung lange nachwirkt.

28.05.2019 – Manfred Riepe/MK