Evelyn Schels: Marianne Koch – Ärztin auf dem roten Teppich. Reihe „Lebenslinien“ (BR Fernsehen)

Der Stoiker irritierte sie

23.04.2018 •

23.04.2018 • Als Zuschauer mit einem Faible für Film und namentlich Sergio Leone lauert man natürlich darauf, dass sie auf ihre Zusammenarbeit mit dem legendären Regisseur zu sprechen kommt. Marianne Kochs Porträtistin Evelyn Schels deutet an, dass da etwas kommen werde, indem sie schon früh jenen berühmte Soundtrack-Musik einspielt, die sich inzwischen verselbständigt hat, so dass sie von vielen gar nicht mehr in Verbindung gebracht wird mit dem Film, zu dessen Erfolg sie erheblich beigetragen hat. Die Erzählerstimme in dem Porträt erwähnt Hollywood, dann ist von einem italienischen Film aus dem Jahr 1964 die Rede, „Für eine Hand voll Dollar“. Der Regisseur, Sergio Leone – für Marianne Koch ein Unbekannter. Der bot ihr eine Rolle an, die sie nach der ersten Lektüre des Drehbuchs gar nicht annehmen wollte: „Das ist ein reines Gemetzel. Was soll denn das? Und der Held ist der allerübelste Verbrecher“, so beschreibt sie ihre damalige Reaktion. Und fügt entwaffnend offen an: „Dann haben sie mich bestochen. Dann habe ich viel Geld gekriegt.“

Es wäre interessant zu wissen, ob sie, der europäische Leinwandstar, wohl gar eine höhere Gage bekam als ihr männlicher US-amerikanischer Partner. Und der irritierte sie erst einmal gewaltig. Der erste Drehtag, kurze Probe, die Kamera läuft. „Er hat nichts gemacht“, erzählt Marianne Koch, als sei es gestern gewesen: „Der soll jetzt [...] den ganzen Film tragen?“ Die Zweifel hielten zwei Tage an. Dann kamen die ersten Muster. Die Großaufnahme. Die Erinnerung ist spürbar noch präsent: „Und dann machte es wffff! ‒ und der war so da. Der brauchte nichts zu machen.“ Der Stoiker hieß Clint Eastwood. Und er hat seitdem noch so einiges gemacht.

Diese Passage aus dem Film über die Schauspielerin und Ärztin Marianne Koch hätte aus Fan-Perspektive gerne auch länger sein dürfen, aber sie wurde mit Recht kurz gehalten. Denn es gibt so viel mehr zu erzählen aus dem Leben dieser Frau. Das 45-minütige Porträt ist inhaltlich dicht gepackt, aber nie hektisch oder sprunghaft. Das liegt an Marianne Koch selbst, auch mit 86 Jahren eine gewandte, hellwache Erzählerin. Sie ist noch immer als Moderatorin tätig und als Autorin populärmedizinischer Bücher.

Ihre Familiengeschichte und Berufsbiografie böten Stoff für mehrere Filme. Oder eine Fernsehserie. Marianne Koch wurde 1931 geboren. Ihre Mutter war für die damalige Zeit ungewöhnlich selbständig, hatte das Abitur gemacht, als Sekretärin gearbeitet, saß in jeder Hinsicht selbst am Steuer. Und war alleinerziehende Mutter. Resultat einer unglücklichen Liebesgeschichte, die – fast wie in einem Kitschroman – über 30 Jahre später noch ihre Erfüllung finden sollte. Kochs Vater war der durch seine Forschungen und Innovationen über Deutschland hinaus bekannte Arzt Rudolf Schindler, der als Jude von den Nazis verfolgt wurde und in die USA emigrierte.

In gewisser Hinsicht folgte Marianne Koch den Eltern, machte Abitur, begann ein Medizinstudium. Ein Semesterferienjob führte sie in die Münchner Bavaria-Studios. Eine Fotografin nahm sie wahr, lud sie zum Vorsprechen ein – und sie bekam die Rolle. „Ich kann’s mir eigentlich nicht erklären“, sagt sie ohne Koketterie, „ja, dann ist es halt ganz gut gegangen.“

Ohne jede schauspielerische Ausbildung erhielt sie Hauptrollen in typischen deutschen Nachkriegsfilmen. Kostümschinken, Melodramen, Heimat- und Landsergeschichten. Aber 1954 auch neben Gregory Peck in dem in Westdeutschland gedrehten Spionagethriller „Das unsichtbare Netz“. In den Sechzigern folgten die damals üblichen europäischen Koproduktionen, Krimis, Abenteuerfilme, Western. Zwischendurch immer wieder auch Fernseharbeiten, 1956 schon „Die Entführung aus dem Serail“ des findigen TV-Pioniers Kurt Wilhelm, eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (BR). Derselbe Sender war auch verantwortlich für den ARD-Unterhaltungsdauerbrenner „Was bin ich?“ mit Robert Lembke. Dort gehörte Marianne Koch zum Rateteam. „Wir haben uns dahingesetzt und haben Spaß gehabt“, reminisziert sie, „und das hat man auch gemerkt.“

Im Alter von 40 Jahren nahm sie ihr Medizinstudium wieder auf, wurde Ärztin, ab 1997 mit eigener Praxis. Nicht fehlen darf natürlich ihre Mitwirkung bei der 1974 begonnenen Radio-Bremen-Talkshow „3 nach 9“. Recht hat sie, wenn sie vor der Kamera konstatiert: „Das war damals ‒ heute ist das ja auch brav und gebügelt wie alles im Fernsehen ‒, aber das war damals eine wilde Sendung. Muss man wirklich sagen.“ In Ausschnitten sieht man sie streitbar gegen die Verschwägerung von Pharmaindustrie und Bundespolitik wettern. Regisseur Mike Leckebusch ließ einblenden: „Chaos extra drei!“

Hinter Marianne Koch liegt ein ereignisvolles Leben, private Niederschläge inbegriffen. Zu reichhaltig ist diese Biografie, als dass man ihr binnen 45 Minuten gerecht werden könnte. Und doch gelingt Evelyn Schels mit ihrem in der Reihe „Lebenslinien“ des BR Fernsehens ausgestrahlten Film ein aussagekräftiges Porträt, illustriert mit gut gewählten Ausschnitten aus Spielfilmen und dokumentarischem Material, wohlaustariert mit aktuell aufgenommenen Interviewszenen. Das Ganze frei von Retroschwulst und elegischer Abschiedsstimmung. „Ich blicke eigentlich nicht gerne zurück“, sagt Dr. Marianne Koch zu Beginn des Films und fährt fort: „Was mich wirklich bewegt, ist eigentlich die Gegenwart.“

23.04.2018 – Harald Keller/MK