Eva Zahn/Volker A. Zahn/Isa Prahl: Was wir wussten – Risiko Pille (ARD/NDR)

Beziehungsdrama und Medizinskandal

12.11.2019 •

Fernsehfilme, die zeitgeschichtlich oder politisch relevante Themen behandeln, sind ein Markenzeichen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. „Was wir wussten – Risiko Pille“ (Westside Filmproduktion) ist ein fiktives Beziehungsdrama, in dem es um einen echten Medizinskandal geht: um eine in Deutschland trotz erheblicher medizinischer Einwände immer noch zugelassene Antibabypille mit riskanten Nebenwirkungen. Auf diesen Umstand aufmerksam zu machen, ist offensichtlich das journalistische Anliegen dieses vom NDR verantworteten ARD-Mittwochfilms, zu dem Eva und Volker A. Zahn das Drehbuch verfassten und bei dem Isa Prahl Regie führte. Der gewählte Filmtitel macht darauf auch sehr eindringlich, nahezu penetrant aufmerksam.

Umso mehr erstaunt es, dass es sich bei der eigentlichen Filmhandlung eher um ein Drama handelt, bei dem nicht etwa junge Mädchen, die die Zielgruppe dieses Medikaments sind, die Handlung tragen. Im Vordergrund steht vielmehr der Beziehungskonflikt eines in einem Pharmaunternehmen beschäftigten Mannes, der emotional zwischen zwei Frauen steht. Verschärft wird die amouröse Situation dadurch, dass dabei Berufs- und Privatleben tangiert sind. Denn seine neue Liebe ist eine ehrgeizige Kollegin, die als Teamleiterin die Markteinführung einer neuen Antibabypille leitet. So wechseln sich Szenen, die ihn in seiner beruflichen Sphäre zeigen ab mit solchen aus dem privaten Umfeld. Der Konflikt, um den es geht, ist in diesem Spannungsfeld angesiedelt.

Im Mittelpunkt des hektisch inszenierten Titelvorspanns steht ein Werbespot, der eine Antibabypille aggressiv als neues Lifestyle-Produkt für Jugendliche bewirbt. Der Spot nimmt dann aber bei seiner firmeninternen Präsentation ein unerwartet negatives Ende, das irgendjemand dort hineinmanipuliert und sich damit einen „schlechten Scherz“ erlaubt hat, wie einer der Anwesenden meint. Damit ist das Thema des Films angeschlagen und der sich daraus ergebende Konflikt. Anschließend wird der Hinweis „8 Monate vorher“ eingeblendet und es beginnt der vergleichsweise ruhige Erzählfluss der eigentlichen Filmhandlung mit einer intimen privaten Liebesszene.

Als Filmheld steht bei dem Geschehen vor allem der Mann im Vordergrund: Carsten (Stephan Kampwirth) ist trotz seiner Rolle, die ihn als Pharma-Angestellter der ‘Täterseite’ zuordnet, ein Sympathieträger, allerdings mit tragischen Zügen. Er zeigt Empathie und erleidet Verluste. An seiner Affäre mit der Kollegin Sabine (Nina Kronjäger) zerbricht seine Ehe. Wegen seiner beiden Töchter, die genau in dem Alter sind, die das Marketingkonzept für die neue Antibabypille als Zielgruppe ausgemacht hat, reagiert er besonders sensibel bezüglich der vermuteten Risiken des Verhütungsmittels, wodurch dann sowohl seine neue Liebe als auch sein weiteres berufliches Fortkommen Schaden leiden.

Carsten, der die Zulassung des Medikaments vorbereiten soll, verfasst einen Beipackzettel, der ausführlich auf die Nebenwirkungen (wie Embolien oder Schlaganfall) der neu entwickelten Pille hinweist. Doch einen solchen Beipackzettel lehnt der Geschäftsleiter ab, der hier von einem besonders zynisch agierenden Ekel namens Holger Schmitz-Wessel (Thomas Heinze) verkörpert wird. Zu den am aktivsten handelnden Personen in dem Pharma-Unternehmen zählen jedoch zwei Frauen: neben Sabine, die unbedingt Karriere machen will, ist es Nadine (Luise Wolfram), die Marketing-Fachfrau, die für die aggressive Werbestrategie verantwortlich ist. Und der Werbespot mit dem kruden Ende ist offensichtlich das Werk von Mitarbeitern, die den beiden Frauen ihre Karrierechancen vermasseln wollen.

Wer erwartet hätte, dass bei diesem Stoff auch das Eintreten der gefährlichen Nebenwirkungen Teil des Geschehens sein würde, sieht sich getäuscht. Dass sich die Werbung hier aggressiv an eine noch minderjährige Zielgruppe wendet, dass Mädchen bzw. junge Frauen einen Schlaganfall oder eine Embolie erleiden, mit den entsprechenden Folgen für die Opfer und deren Angehörige, dies wird in der Filmhandlung nur verbal beschworen. Erst ganz am Ende des Films werden kurz junge Frauen als Geschädigte gezeigt, wie sie auf öffentlicher Bühne über ihren Krankheitsverlauf berichten. Das einzige Gesicht, das man unter ihnen aus der Filmhandlung wiedererkennt, ist das einer Altenpflegerin, die Carstens Mutter im Altenheim versorgt hat und die im vorherigen Filmgeschehen eigentlich nur eine Nebenrolle gespielt hat.

Im Abspann wird sich dann allerdings mit dokumentarischen Mitteln auf reale Fälle bezogen: Es werden mit Bild und Text tatsächlich Geschädigte benannt und was ihnen an Nebenwirkungen passiert ist. Diese Thematik wird auch im anschließenden ARD-Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ (21.45 bis 22.15 Uhr) nochmals aufgegriffen. Damit wurde nachgeholt, was dem Fernsehfilm (3,88 Mio Zuschauer, Marktanteil: 13,1 Prozent) weniger gut gelungen war, nämlich dieses ernste und wichtige Thema im Rahmen einer fiktiven Spielhandlung angemessen zu verarbeiten.

12.11.2019 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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