Eva Maschke: Vier werden Eltern (Arte/RBB)

Außergewöhnlich normal

06.05.2016 •

Eigentlich eine überschaubare Konstellation: zwei Männer (Thomas und Sebastian), zwei Frauen (Josefin und Cindy), zwei Kinder (Lucas und Leni). Und doch ist diese Regenbogenfamilie so ganz anders als die üblichen ‘Familienformate’. Denn die Papas und die Mamas sind homosexuell, die beiden Männer sind die Väter der Kinder. Wie es im Film heißt, seien die Erwachsenen wie Satelliten, deren Bahnen sich wegen des jeweiligen Kinderwunsches gekreuzt hätten. Eine Zufallsbekanntschaft mit Folgen. Josefin erklärt, sie habe geschaut, „mit wem sich meine Gene hätten paaren können“, und so gilt es auch für Cindy. Das klingt nicht nur extrem nüchtern, so war es wohl auch am Beginn der Viererbekanntschaft. Emotionen haben sich wohl erst später entwickelt, ohne dass dies explizit dargestellt würde.

Eva Maschke ist die Schwester von Thomas und hat daher einen unbefangenen Zugang zu der Familie, die sich durch Zufall bildet. Die Filmemacherin begleitet in ihrer Dokumentation „Vier werden Eltern“, die vom RBB ins Arte-Programm eingebracht wurde, über 15 Monate zunächst den heranwachsenden Lucas und später auch die nachgeborene Leni mit ihren Eltern. Die Autorin und Regisseurin gliedert den 50-minütigen Film nach den Jahreszeiten, eigentlich eher willkürlich, denn weder blüht im Frühling eine der Beziehungen auf, noch kriselt es im Herbst. Ein weiteres Strukturelement sind ‘Schmuckbilder’, in diesem Fall Aufnahmen vom nächtlichen Berlin, vom Ostseestrand oder Schwarzweiß-Fotos.

Der Film zeigt den Alltag. Und der stellt sich als weitgehend entspannt dar, übernachten doch die Kinder zwei bis drei Nächte bei dem einen, dann wieder bei dem anderen Paar. Dadurch, dass diese nicht zusammenwohnen, sondern die einen im Berliner Westen in Kreuzberg und die anderen in Lichtenberg im früheren Ost-Berlin, fallen lange Fahrtzeiten etwa zur Kita an. Ansonsten aber bleibt so für jedes der beiden Paare, wenn es ‘kinderfrei’ hat, Zeit füreinander. Manche (heterosexuellen) Eltern wünschen sich eine solche Organisation mit den kleinen Kindern, erst recht, wenn keine Großeltern oder andere Verwandte helfend einspringen können.

Der Student und der Politologe, die Krankenschwester und die Einzelhandelskauffrau kommen ausführlich zu Wort. Sie beschreiben ihre Motivation für den Kinderwunsch, berichten über Pläne und Ängste. Der Off-Kommentar der begleitenden Schwester Eva fügt diese O-Töne zusammen und kommentiert sie unaufdringlich. Ansonsten sehen wir Männer und/oder Frauen mit Baby auf dem Arm, mit Baby im Kinderwagen, auf dem Weg zur Kita, bei ein paar Urlaubstagen an der Ostsee, beim Zubettbringen. Normalität allenthalben, inklusive Plätzchenbacken im Advent und Bescherung unter dem Weihnachtsbaum.

Was zunächst revolutionär anmuten mag, entpuppt sich als durch und durch bürgerliche Familie, wenn auch in einer eher unüblichen Konstellation. Es ist viel zu organisieren, sicher mehr als in einer ‘normalen’ Familie. Aber umgekehrt gewinnen die Erwachsenen eine neue Freiheit trotz der Kinder, denn konkrete Verantwortung wird immer nur auf Zeit übernommen. Nebenbei erfährt der Zuschauer etwas über die juristischen Probleme, die eine solch atypische Elternschaft mit sich bringt, etwa die möglichen Streitereien um das Sorgerecht, die entstehen könnten. Allerdings wird der Eindruck erweckt, als seien dies alles keine unlösbaren Probleme.

Insgesamt sind es 50 aufschlussreiche Minuten ohne alle Aufgeregtheiten. Selten wird Familie im Fernsehen so konfliktfrei dargestellt. Man wünscht sich geradezu eine Art Langzeitbeobachtung, um zu sehen, wie es in dieser Regenbogenfamilie weitergeht, etwa wenn Lucas eingeschult wird. Mag sein, dass sich die Ängste der Erwachsenen von heute hinsichtlich eines möglichen Hänselns der Kinder, weil sie aus einer außergewöhnlichen Familie stammen, als gegenstandslos erweisen, weil die Gesellschaft dann wieder fünf Jahre weiter ist. Und dann würde man vielleicht auch erfahren, was die Großeltern von Lucas und Leni fühlen und denken.

06.05.2016 – Martin Thull/MK

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