Eva Kranenburg/Philipp Kadelbach: Parfum. 6‑teilige Serie (ZDFneo)

Spaß an der puren Grenzverletzung

22.12.2018 •

22.12.2018 • Mit dem doch etwas verkrampften Wortspiel „NEOriginal“ hat das ZDF für seinen Spartensender ZDFneo eine neue Marke geschaffen, die, so schreibt Frank Zervos, Leiter der ZDF-Hauptredaktion ‘Fernsehfilm/Serie I’, künftig für „besondere und ausgewählte Serien“ stehen soll. Die erste Produktion mit diesem Etikett ist die sechsteilige Serie „Parfum“, von der zunächst im November wöchentlich je zwei Folgen bei ZDFneo ausgestrahlt wurden und die zeitgleich, das heißt ab dem Starttag der ersten Folge, komplett in der ZDF-Mediathek verfügbar war (aus Jugendschutzgründen aber erst nach 22.00 Uhr). Ab dem 5. Januar 2019 werden die sechs rund 60-minütigen Folgen dann jeweils samstags um 21.45 Uhr im ZDF-Hauptprogramm gezeigt. Bei ZDFneo wurde die Ausstrahlung der ersten Episode gar arg großspurig mit einem Countdown eingeleitet.

Autorin Eva Kranenburg, Regisseur Philipp Kadelbach und Produzent Oliver Berben (Moovie) zeichnen gemeinsam für das Serienkonzept verantwortlich, das inspiriert ist von Patrick Süskinds Bestsellerroman „Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders“ aus dem Jahr 1985. Lässt Süskind seinen historischen Kriminalroman um einen soziopathischen Parfümeur im Paris des 18. Jahrhunderts spielen, so siedelt die neue Variante am Niederrhein und in der Gegenwart, zudem auf einer zweiten Ebene in der zwanzig Jahre zurückliegenden Jugend der Protagonisten.

In der Serie wird Süskinds berühmter Roman zum Auslöser der Vorgänge. Die dreizehnjährige Elena (Valerie Stoll) wird von vier Internatsschülern bei der Lektüre des Buchs angetroffen, liest ihnen daraus vor und inspiriert die Fünfzehnjährigen, sich ebenfalls mit dem Wesen der Düfte zu befassen. Sie trainieren ihren Geruchssinn und unternehmen Experimente, um Aromen einfangen und konservieren zu können. Sechste im Bunde ist Katharina (Franziska Brandmeier), eine frühreife Rothaarige, die um ihre Attraktivität weiß, mehr als nur flirtet und doch keinen der ihr förmlich verfallenen Bewerber als festen Partner auserkiest.

Fast alle Mitglieder der Clique sind Problemkinder. Sexuell missbraucht, vernachlässigt, gedemütigt, psychisch versehrt. Die verstörenden Erfahrungen bestimmen ihr eigenes Verhalten, sie üben Gewalt aus. Die wehrlose Elena wird mehrfach vergewaltigt und bleibt doch in der Gruppe, heiratet mit Roman Seliger (Oskar Belton, als Erwachsener gespielt von Ken Duken) sogar einen ihrer Peiniger, der sie weiterhin misshandelt und missbraucht und unverhohlen eine Affäre mit Katharina unterhält.

Mit dem Mord an der erwachsenen Katharina (Siri Nase), die als Sängerin frivoler Chansons eine bescheidene Karriere gemacht hat und sich als Künstlerin schlicht K nennt, beginnt die Geschichte. Der Mörder hat ihr Drüsen herausoperiert, ihre Haare abrasiert und auch ihren Darminhalt mitgenommen, wie die Obduktion später zeigt.

Nadja Simon (Friederike Becht) verstärkt die örtliche Mordkommission, die das ungewöhnliche Verbrechen aufklären soll. Die Leitung der Ermittlungen hat Staatsanwalt Grünberg (Wotan Wilke Möhring). Der verheiratete Grünberg ist Nadja Simons heimlicher Geliebter. Sie möchte eine feste Beziehung. Er lehnt das ab, mit Rücksicht auf seine Frau und seine Kinder. Die beiden Ermittler zeigen sich oftmals gereizt, Nadja, die als Fallanalytikerin mit dem Mord befasst ist, wirkt häufig geistesabwesend, findet aber dennoch die entscheidenden Hinweise, die in die Vergangenheit der Freundesclique führen, der Katharina angehörte, und die unter anderem einen weiteren Mord mit denselben Tatmerkmalen ans Tageslicht bringen.

Schon der knappen Synopsis lässt sich entnehmen, dass im Handlungskonzept sehr anspruchsvolle Themen angelegt sind. Erklärtermaßen möchten die Produzenten und der auftraggebende Sender an die Qualitäten „internationaler Serien“ anknüpfen. Wobei einmal mehr – wie so häufig auch im rezensierenden Journalismus – unklar bleibt, wie diese Qualitäten eigentlich genau definiert werden.

Gemessen an der vorliegenden Produktion war das Ausreizen gängiger Grenzen in der Darstellung das maßgebliche Kriterium. Die Auftaktepisode von „Parfum“ beginnt mit dem Kamerablick auf eine unbekleidete junge Frau. Sie bewegt sich lasziv. Da sie alleine ist, muss es sich um eine Regieanweisung handeln. Aus der Entfernung wird die Szene ‒ mit dem Auge der Kamera ‒ von einer erregt schnaufenden Person beobachtet. Ein voyeuristischer Blickwinkel, der über sechs Folgen beibehalten wird. Einige Ausschnitte dieser Art:

• Katharinas nackte und verstümmelte Leiche liegt auf den Steinfliesen, die Kamera nimmt sie ausgiebig in Augenschein.

• Bordellbetreiber Thomas Butsche (Trystan Pütter) weist eine seiner Prostituierten zurecht, die sich einem ungewaschenen Kunden verweigert hatte. Butsche würgt die Frau, die ihn anschließend oral befriedigen muss.

• In Folge 3 gibt es noch vor dem Vorspann eine Gruppensexszene unter Minderjährigen.

• Elena (als Erwachsene gespielt von Natalia Belitski) wird von ihrem Mann verprügelt und trägt dabei nur knappe Unterwäsche.

• Eine Prostituierte geht vor den Augen ihrer kleinen Tochter ihrer Arbeit nach.

• Elena wird nach der erneuten Vergewaltigung schwanger und versucht eine Abtreibung durch Einführen einer Stricknadel. Abends sitzt sie mit ihrem Vater (Karl Markovics) beim Abendbrot. Blut strömt aus ihrem Unterleib, sammelt sich auf dem Stuhl, auf dem Boden. Der Vater reagiert mit einem strafenden Blick und verlässt wortlos die Küche.

„Parfum“ enthält eine Fülle drastischer, explizit gefilmter Szenen. Diese Dramaturgie der Oberflächenreize und stetigen Schocks ergibt ein fiktionales Affektfernsehen, in dem die Tragik und das Leiden der Figuren für den Nervenkitzel ausgebeutet werden und nur als Vorwand dienen für eine Bildsprache am Rande der Gewaltpornographie. Perfide die Einbeziehung kleiner Kinder, erschreckend rückständig das Frauenbild. Die Protagonistinnen sind mehr oder minder willenlose, von Männern abhängige, sich Männern unterwerfende Opfer. Selbst Kommissarin Nadja Simon treibt aus Sehnsucht nach einem Mann, der sie nicht gut behandelt, fortwährend mit waidwunden Blicken durch das Geschehen.

Eine Ausnahme bei den Frauenfiguren bildet K, die (in Rückblenden) nach Art schwülstiger Romane und Filme des frühen 20. Jahrhunderts als unverfrorene, aus Männersicht gefährliche Verführerin in Erscheinung tritt. Selbst der schon reichlich betagte Internatsdirektor (Thomas Thieme), ein katholischer Familienvater, zählt zu ihren Liebhabern – eine männliche Sex-Phantasie, die aus einem „Schulmädchen-Report“ der 1970er Jahre stammen könnte. Das breite Ausmalen der sexuellen Eskapaden und Gewaltausbrüche in „Parfum“ hat vermutlich auch erzählökonomische Gründe – ohne diese Sequenzen reicht der Stoff bestenfalls für einen Zweiteiler. Eher weniger.

Internationales Niveau war bei „Parfum“ angestrebt (Produktion: Constantin Film und Moovie in Koproduktion mit Netflix und Beta Film), insofern müssen sich die Produzenten und der Sender entsprechenden Vergleichen stellen. Gerade in jüngster Zeit gab es mehrere Serienproduktionen, die im Thrillergewand von schwierigen, leidvollen Kindheiten erzählten. Vorneweg beim US-Sender HBO die atmosphärische und darin dem Klassiker „Twin Peaks“ nahekommende Gillian-Flynn-Adaption „Sharp Objects“ mit Amy Adams. Nicht ganz so gelungen, aber hochspannend ist „The Sinner“ mit Jessica Biel, eine auf einer Vorlage der deutschen Autorin Petra Hammesfahr basierende Serie beim USA Network. Jugendliche Sexualität ist hier jeweils ein Indikator für mangelnde Elternliebe, für seelische Leiden oder soziale Divergenz, nicht plakativ herausgestellter Selbstzweck.

„Sharp Objects“ und „The Sinner“ sind zwei Beispiele von vielen, die aufweisen, was der deutschen Produktion „Parfum“ so offensichtlich abgeht: Aufrichtigkeit und Lebensnähe im Umgang mit den Figuren, die Subtilität in allen Bereichen der – fotografisch durchaus bestechenden – visuellen Gestaltung. In dieser Hinsicht mangelt es an einer Regie, die symbolische Bilder findet und damit zu einer stärkeren Aussage gelangt als jene Serienschaffenden, denen aus Spaß an der puren Grenzverletzung der Sinn für das Wesentliche des Inhalts abhandenkommt.

22.12.2018 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 12/2019

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