Erol Yesilkaya/Sebastian Marka: Exit (ARD/SWR)

Ein Leben nach dem Tod

15.11.2020 •

Mit der Produktion „Exit“ ist ein neues Filmprojekt auf dem Fernsehfilm-Platz der ARD am Mittwochabend gestartet, das auf eine gemeinsame Initiative von Norddeutschem Rundfunk (NDR) und Südwestrundfunk (SWR) zurückgeht. Dabei geht es darum, dass bisher auf diesem Sendeplatz vernachlässigte fiktionale Stoffe umgesetzt werden sollen, die sich mit Zukunftsfragen auseinandersetzen. Die ARD hat den Film „Exit“, für den Erol Yesilkaya das Drehbuch verfasste und bei dem Sebastian Marka Regie führte, bereits eine Woche vor seiner Erstausstrahlung in die Mediathek eingestellt. Das weist darauf hin, welchen Zuschauern damit vor allem ein Angebot gemacht werden soll, nämlich denen, die nur noch selten lineares Fernsehen schauen, also dem jüngeren Publikum.

Aus diesem Alterssegment stammen auch die Protagonisten des Films: Vier junge Leute namens Linus (Friedrich Mücke), Malik (Jan Krauter), Bahl (Aram Tafreshian) und Luca (Laura de Boer), die im Rahmen eines Start-up-Unternehmens ein Programm zur künstlichen Intelligenz entwickelt haben, sind dabei, ihr Produkt für eine große Summe an den mächtigen Investor Linden Li (David Tse) zu verkaufen. Dieser Geschäftsmann asiatischer Herkunft wird sogleich als die Inkarnation eines Bösewichts präsentiert, von dem zu befürchten ist, dass er die Möglichkeiten dieses neuen Produkts missbrauchen wird.

Von den vier jungen Leuten aber hat zunächst allein Luca Skrupel, bezeichnenderweise die einzige Frau unter ihnen. Sie hat moralische Bedenken, während Malik und Bahl vor allem die enormen finanziellen Gewinnchancen in diesem Geschäft sehen. Linus hingegen zögert dann doch mit seiner Unterschrift unter dem Vertragsabschluss wegen der Einwände von Luca, zu der er eine enge emotionale Bindung hat. Daraufhin verschwindet die Bedenkenträgerin auf mysteriöse Weise über Nacht aus dem Hotel in Tokio, wo die vier jungen Leute während der Vertragsverhandlungen wohnen. Linus verdächtigt sofort Li, dass er Luca habe entführen lassen, und will daher erst dann den Vertrag unterschreiben, wenn er sie wiedergefunden hat.

Damit startet der Film weitgehend konventionell als spannende Erzählung im Krimi/Thriller-Format. Auch die Figurenzeichnung legt sogleich einen ziemlich klischeehaften Umgang mit Gut und Böse nahe, mit dem ‘wahren’ Helden Linus im Mittelpunkt, der von Anfang an tragische Züge hat, und mit der typischen Rolle, die die einzige Frau in dieser Spielhandlung innehat. Dann aber nimmt die Handlung des im Jahr 2047 angesiedelten Films einen Fortgang, der nicht nur die zunächst so eindeutige Unterscheidung von Gut und Böse in Frage stellt, sondern auch die im Film dargestellte Realität insgesamt. Weiß Linus zunächst noch bei der Suche nach Luca alle Möglichkeiten der ihm zur Verfügung stehenden digitalen Welt optimal zu nutzen, gerät er und mit ihm der Zuschauer alsbald in Zweifel, ob und wann er sich dabei tatsächlich noch in einer realen Welt aufhält oder sich doch schon in einer virtuellen befindet, als Teil einer Computer-Simulation.

Bei dem immer verwirrender und undurchschaubarer werdenden Wechsel der Welten spielen nicht nur Zukunftstechnologien wie etwa futuristisch anmutende Augenlinsen eine Rolle, sondern auch offensichtlich sehr altbackene Dinge wie Alkohol und Tabletten, von denen beispielsweise Linus exzessiven Gebrauch macht. Bald ist niemand mehr in der realen Welt, auf den er sich verlassen kann – nur in der virtuellen Sphäre gibt es sie offenbar noch: die Liebe zwischen zwei Menschen. Luca, die so früh aus der realen Handlung verschwundene, führt ein zweites Leben in der virtuellen Welt und ein drittes als sterbende Greisin am Ende ihres Lebens. Dass sich hinter der alten, weiß gekleideten Frau, die Linus in entscheidenden Momenten zur Hilfe eilt, Luca verbirgt, erfährt man erst ganz zum Schluss: Es ist die überraschende Pointe des Films, der damit auch noch die letzten verbliebenen Gewissheiten über das, was hier real oder bloß virtuell war, schwinden lässt. Und der so die Frage in den Raum stellte: Wo ist der Ausweg aus diesem Dilemma der mehrfachen Existenzen?

Die Handlung von „Exit“ (Produktion: Sommerhaus, Berlin) spielt nahezu ausschließlich in dem Hotel in Tokio, dessen Räumlichkeiten jedoch immer wieder virtuell erweitert werden. Dabei wird sehr kreativ mit visuellen Effekten gearbeitet, die dem Film dann auch seinen entscheidenden futuristischen Anstrich geben. Das Thema der Filmhandlung, die Verselbständigung von künstlich erschaffenen Wesen, ist eigentlich ein Klassiker der Science-Fiction-Gattung. Er wird hier wesentlich um einen Aspekt erweitert: um Menschen, die nach ihrem Tod als Dateien und Hologramme, als virtuelle Wesen eben, weiterexistieren, die so programmiert sind, dass sie auch eigenständig mit Personen der realen Welt kommunizieren können. So führen solche digitalen Kopien von Menschen gleichsam ein Leben nach dem Tod und scheinen unsterblich zu sein.

Dieser Film ist der erste von drei geplanten Projekten, zu dem sich der NDR und SWR mit dem „Futurium“ zusammengeschlossen haben, dem im September 2019 eröffneten Berliner „Haus der Zukünfte“, das „Museum, Bühne und Forum für offene Fragen der Zukunft“ sein will. Sie haben gemeinsam 2019 im Suhrkamp-Verlag unter dem Titel „2029“ einen Band mit elf fiktiven „Geschichten von morgen“ herausgegeben, die sich mit der nahen Zukunft beschäftigen. Zunächst sollen drei dieser Geschichten verfilmt werden.

Der mit „Exit“ im Auftrag des SWR erfolgten ersten Verfilmung liegt aus dem Buch die Erzählung „Nachspiel“ von Simon Urban zugrunde. Der Film (2,41 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,1 Prozent) geht jedoch sehr frei mit dieser literarischen Vorlage um. Verlorengegangen ist dabei vor allem die sanfte Ironie, der spielerische Charakter, der der Geschichte im Buch innewohnt. Der Film hat aus diesem Stoff eine bitterernste Geschichte gemacht, die in der Rigorosität, mit der ihre Grundidee durchgespielt wird, nicht nur den von Friedrich Mücke verkörperten Filmhelden ziemlich verwirrt zurücklässt. (Aufgrund einer um 20.15 Uhr ausgestrahlten „ARD-Extra“-Ausgabe zu Maßnahmen der Bundesregierung wegen der Corona-Pandemie begann der Film „Exit“ 20 Minuten später als ursprünglich vorgesehen.)

15.11.2020 – Brigitte Knott-Wolf/MK

` `