Éric Toledano/Olivier Nakache: In Therapie. 35‑teilige Serie (Arte)

Hypnotische Intensität

12.06.2021 •

Filmische Darstellungen seelischer Behandlungen sind überaus populär. Zu den bekanntesten Formaten dieser Art zählt die israelische Serie „BeTipul“ („In Behandlung“) von Hagai Levi, die in zahlreichen Ländern adaptiert wurde, unter anderem in den USA unter dem Titel „In Treatment“. Nun passten die beiden Filmemacher Éric Toledano und Olivier Nakache dieses Konzept an die französische Situation an. Im Zentrum ihrer bei Arte ausgestrahlten 35‑teiligen Serie steht der Therapeut Philippe Dayan (Frédéric Pierrot), der wenige Tage nach Anschlägen vom 13. November 2015 in Paris – unter anderem auf das Bataclan-Theater – Behandlungen mit Patienten beginnt, deren Geschichten teilweise mit dem islamistischen Terror zu tun haben.

Adel (Reda Kateb), Mitglied einer Spezialeinheit der französischen Polizei, hat während des Einsatzes im Bataclan die Folgen des Massakers, bei dem 89 Menschen niedergemetzelt wurden, hautnah miterlebt. Ariane (Mélanie Thierry), eine junge Chirurgin, versorgte Patienten, die schwerverletzt überlebten. Für Camille (Céleste Brunnquell), eine junge Leistungsschwimmerin, soll Dayan eigentlich nur ein psychologisches Gutachten schreiben, findet dann aber heraus, dass das Mädchen von seinem übergriffigen Schwimmlehrer in einen Suizidversuch getrieben wurde. Außerdem behandelt der Psychologe noch das scheidungswillige Paar Leonora und Damien (Clémence Poésy, Pio Marmaï). Während auch seine eigene Ehe mit der Professorin Charlotte (Elsa Lepoivre) kriselt, begibt sich der Therapeut in Supervision bei der Psychologin Esther (Carole Bouquet), deren verstorbener Mann sein Lehranalytiker war.

Von Folge zu Folge entfaltet sich die Komplexität dieser recht unterschiedlichen Lebens- und Leidensgeschichten Schicht um Schicht wie beim Häuten einer Zwiebel. Wohl am meisten berührt das Schicksal von Adel, der nach seinem Einsatz im Bataclan an Blackouts leidet, diese Schwäche aber zunächst nicht mit seinem anfangs machohaften Männerbild in Einklang bringen kann. Über mehrere Therapie-Sitzungen hinweg schält sich heraus, dass seine Entscheidung, den Beruf eines Elitepolizisten zu ergreifen, eine symptomatische Reaktion auf die gebrochene Lebensgeschichte seines Vaters ist, der aus Algerien nach Frankreich eingewandert war und der niemals über jene „Schande“ gesprochen hatte, dass er in den 1970er Jahren als einziges Mitglied seiner Großfamilie ein islamistisches Massaker überlebte. Seither fühlt der Vater sich schuldig. Er glaubt, dass er die Islamisten durch seinen beruflichen Erfolg provoziert habe.

In dem Maß, in dem Adel gemeinsam mit dem Therapeuten die Geschichte seines Vaters enträtselt, reift in ihm ein fataler Entschluss. Im Gegensatz zu vielen Arabern seiner Generation, die sich islamistisch radikalisieren, schließt er sich einer paramilitärischen Gruppe an, die gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ kämpft. Dabei wird der Elitepolizist getötet. Daraufhin erscheint sein Vater in der Praxis des Psychologen und wirft ihm vor, mit seiner therapeutischen Arbeit bei Adel genau das bewirkt zu haben, wovor er seinen Sohn immer habe bewahren wollen, nämlich sich in den aussichtslosen Kampf gegen die Islamisten zu stürzen. Diese Geschichte, die mit dazu beiträgt, dass Dayan sein Berufsethos in Frage stellt, ist an Bitterkeit kaum zu überbieten.

Es überrascht, mit welcher Konsequenz Toledano und Nakache, die durch ihre Kinokomödie „Ziemlich beste Freunde“ (2011) weltbekannt wurden, sich nun auf einen ernsten Stoff und eine fernsehspezifische Ausdrucksweise eingelassen haben (zusammen sind sie für Buch und Regie verantwortlich). Die zwischen 20 und 30 Minuten langen Episoden – von denen Arte an sieben Donnerstagabenden jeweils fünf en bloc ausstrahlte – sind strukturiert wie Kammerspiele, in denen ‘nur’ geredet wird. Mit der klassischen Psychoanalyse, die als „Redekur“ berühmt wurde, hat die Serie „In Therapie“ trotzdem nur sehr wenig zu tun. Die Patienten liegen nicht auf der Couch. Patient und Therapeut sitzen einander gegenüber und haben, was die Psychoanalyse strikt vermeidet, Blickkontakt.

Dayan arbeitet nicht nach der klassisch analytischen Methode, die darin besteht, zuzuhören, derweil der Patient seine Assoziationen aus eigener Kraft zu deuten versucht. Der Therapeut dieser Serie redet stattdessen viel, sehr viel. Im Stil eines allwissenden Dozenten erklärt er seinen Klienten, aufgrund welcher unbewussten Mechanismen sie ihre Symptome ausbilden. Die Erzählung aus der Perspektive des allwissenden Therapeuten anzulegen, hätte durchaus schiefgehen können. Da aber auch der Psychologe nicht ohne Schwächen ist – und deshalb selbst zum Psychologen muss – und er auf Augenhöhe mit seinen Patienten agiert, akzeptiert man ihn als gebrochene Figur.

Mit Ausnahme zweier Szenen konzentriert sich das Geschehen in dieser französischen Serie auf das Behandlungszimmer. Die Bildsprache ist statisch. Auf inszenatorische Experimente wird verzichtet. In einer Szene ist Dayan überfordert damit, seine verstopfte Patienten-Toilette zu reparieren. In einer anderen ruft er völlig überfordert seine Frau zur Hilfe, weil er einen Fleck auf der Couch entfernen muss, der entstanden ist, nachdem eine hochschwangere Patientin eine Blutung hatte.

Solche symbolisch aufgeladenen Bilder werden zurückhaltend inszeniert. Die Stärke der Serie: Sie verzichtet auf Rückblenden. So konzentriert sich das Geschehen in Echtzeit auf die Erzählung der Patienten, die sich sukzessive dem traumatischen Kern ihrer Symptome annähern. Da die Falldarstellungen dieser Klienten, die ein Panorama der Gesellschaft abbilden, vielschichtig ausgeleuchtet werden – und jeder der Darsteller dabei in seiner Rolle aufgeht –, entwickelt die Serie eine hypnotische Intensität. („In Therapie“ ist in der Arte-Mediathek noch bis zum 27. Juli 2021 abrufbar.)

12.06.2021 – Manfred Riepe/MK

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