Eric Friedler/Barbara Siebert: Das Schweigen der Quandts (ARD/NDR Fernsehen)

Fesselndes Lehrstück

30.11.2007 •

Die Quandts gelten heute als die reichste Familie Deutschlands. Welche Rolle bei der Akkumulation des Geldes die Aktivitäten ihrer Vorfahren während der NS-Zeit spielten und wie „blutig“ das seinerzeit erwirtschaftete Geld war – darüber hielt sich die Diskussion bisher allerdings in Grenzen. Bis das Erste Programm der ARD am 30. September um 23.30 Uhr unangekündigt die Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“ sendete, die trotz der konspirativen Umstände der Ausstrahlung an einem Sonntag zur Mitternachtszeit 1,29 Mio Zuschauer (13,5 Prozent Marktanteil) für sich gewinnen konnte.

Der Film über die Verstrickung des Unternehmers und „Wehrwirtschaftsführers“ Günther Quandt und seines Sohnes Herbert in die verbrecherische NS-Politik war am Nachmittag desselben Tages beim Filmfest Hamburg gelaufen. Dort war er annonciert unter dem Titel „Die Familie“ – um wen konkret es ging, wurde im Festivalkatalog nicht erwähnt, auch die Autoren blieben ungenannt. Die Familie Quandt, die sich zu der Schuld ihrer verstorbenen Vorfahren jahrzehntelang nicht geäußert hatte, teilte wenige Tage nach der Ausstrahlung immerhin mit, dass sie die erste Fassung des Films „bewegt“ habe und man nun selbst einen Historiker beauftragen wolle, die Familiengeschichte zwischen 1933 und 1945 aufzuarbeiten. Am 2. November lief die 60-Minuten-Version noch einmal bei einem weiteren Festival: den Nordischen Filmtagen in Lübeck.

Die nun am 22. November im Dritten Programm NDR Fernsehen gezeigte Version ist 30 Minuten länger. Das wirkt sich auf folgende Themenkomplexe aus: Ausführlicher erzählt wird das Leben von Günther Quandts Sohn Harald, der Teil über das Konzentrationslager Hannover-Stöcken, das an die Quandt-Firma Afa angegliedert war, bekommt etwas mehr Raum, und das Ende des Films haben die Autoren noch einmal neu konzipiert. Sie referieren die – bisher ausschließlich schriftlichen – Reaktionen der Quandts auf ihre Recherchen und lassen diese Statements beurteilen. Eines der Opfer der Quandts, der im KZ Stöcken internierte dänische Widerstandskämpfer Carl-Adolf Soerensen, der in der Dokumentation ohnehin eine wichtige Rolle spielt, äußert sich dazu, außerdem der Wirtschaftswissenschaftler Herbert Schui und der Historiker Wolfgang Benz.

Die eindringlichsten Passagen des Films sind auf dem Gelände des ehemaligen KZ Stöcken entstanden. Hier fand, unter Mitverantwortung der Quandts, „Vernichtung durch Arbeit“ statt, wie es die Autoren formulieren. Die Firma Afa, für die die Häftlinge hier schufteten, war ein kriegswichtiger Betrieb, der an verschiedenen Standorten Batterien für Panzer, Radargeräte und U-Boote produzierte. Die aus dem KZ Neuengamme stammenden Opfer mussten ohne Schutzkleidung arbeiten und atmeten deshalb giftige Dämpfe ein, unter denen die Überlebenden auch später zu leiden hatten. Carl-Adolf Soerensen, den die Filmemacher überredet haben, noch einmal nach Hannover zu kommen, spürt die körperlichen Schäden heute noch. Ein anderer Überlebender, den die Filmemacher in Griechenland aufgespürt haben, sagt, die Internierten seien „ausgepeitscht“ worden „wie in der Antike“. Man habe „Wasser aus Toiletten“ trinken müssen.

Es dürfte für die Autoren Eric Friedler (Jahrgang 1971) und Barbara Siebert (Jahrgang 1964) der Höhepunkt ihres bisherigen Journalistenlebens gewesen sein, als der US-Amerikaner Benjamin Ferencz, einer der Ankläger in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, nach Prüfung einiger von ihnen herbeigeschaffter Dokumente sagte: „Hätten wir dieses Material damals gekannt, wären die Quandts als Kriegsverbrecher verurteilt worden.“ Die zentrale Frage, die der Film aufwirft, lautet: Wie konnte es passieren, dass diese Dokumente den Amerikanern nicht vorlagen? Die Autoren stellen sie ziemlich früh, aber halten verständlicherweise die Spannung lange aufrecht, ehe sie sie endlich beantworten: Das belastende Material sei im Besitz der britischen Besatzungstruppen gewesen, die es den Amerikanern vorenthalten hätten.

Zwischendurch enthüllt die spektakuläre Doku auch ein paar private bis bunte Details, etwa rund um die Ehe zwischen Günther Quandts Ex-Gattin Magda und dem NS-Propagandachef Joseph Goebbels. Der Zuschauer erfährt, dass deren Hochzeit auf einem Anwesen stattfand, das Quandt gehörte, und der hochrangige Feiergast Adolf Hitler im Schlafgemach des Besitzers genächtigt habe. Es lassen sich Argumente dafür finden, dass solche Informationen verzichtbar sind, andererseits ist es durchaus relevant zu zeigen, in welchem gesellschaftlichen Umfeld sich die Quandts bewegten.

Insgesamt fünf Jahre haben Friedler (Buch und Regie) und Siebert (Buch) gebraucht, um den Film, dessen internationale Vermarktung die Firma EOS Entertainment übernommen hat, fertigzustellen. Das liegt nicht nur an der sorgfältigen Recherche. Die Autoren mussten die Arbeit immer wieder unterbrechen, weil sich ihnen die Frage stellte, wie man einen Film über eine Familie drehen kann, die alle Interviewanfragen ablehnt. Der einzige, der sich schließlich doch zur Verfügung stellte, war der Rallyefahrer Sven Quandt. Er sagt, es sei „ein Riesenproblem in Deutschland, dass wir nicht vergessen können“, außerdem habe es „in anderen Ländern ganz ähnliche Dinge gegeben“. Und nicht zuletzt: „Dunkle Seiten gibt es in jeder Familie.“ Wenn man ihm wohl gesonnen ist, mag man ihn naiv nennen.

Die Reaktion der Familie Quandt auf die Erstausstrahlung war deshalb erstaunlich, weil sie einen Fortschritt bedeutete gegenüber dem, was Sven Quandt in dem Film sagt – und gegenüber der Reaktion des persönlichen Referenten der Quandts, der im Film in solider Türsteher-Manier verhindert, dass das NDR-Team bei der Verleihung des Herbert-Quandt-Medienpreises drehen kann. Dass unter den Mitteilungen der Familie nun die Telefonnummern des robusten Referenten aufgeführt sind, verbunden mit der Bitte, sich bei „Rückfragen“ an ihn zu wenden, hat schon etwas Groteskes. Der NDR hat sich, verständlicherweise, in Pressemitteilungen gerühmt, dass die Familie auf den Film öffentlich reagiert hat. In der 90-Minuten-Fassung wird allerdings auch deutlich, dass die bisherigen Stellungnahmen nur bemerkenswert kleine Fortschritte sind.

Genau besehen, ist etwa die Ankündigung, ein „unabhängiges Forschungsprojekt“ anzuschieben, nichts als infam. Da bekommen die Quandts quasi auf dem Silbertablett hochkarätige Recherchen geliefert – doch anstatt die umfassend dokumentierten Fakten anzuerkennen, anstatt einzugestehen, was ihre verstorbenen Verwandten angerichtet haben, teilt man mit, man werde forschen lassen. Nicht auszuschließen ist, dass der mittlerweile beauftragte Bonner Historiker Joachim Scholtyseck auf neue relevante Fakten stößt. Tatsache ist aber auch, dass die beiden NDR-Autoren und die wenigen Experten, die sich vorher mit der Causa beschäftigt haben, zumindest nicht weniger „unabhängig“ sind als ein von der Familie beauftragter Historiker. In der Doku spricht der Experte Herbert Schui von einer „Fortsetzung des Schweigens mit anderen Mitteln“. Die Strategie der Familie laute: „Kommt Zeit, kommt Gras.“

Es war eine Zeitlang die These verbreitet, über den Nationalsozialismus lasse sich im Fernsehen nichts Neues mehr erzählen, es sei bereits alles gesagt. Die Position resultierte zum Teil aus einem gewissen Überdruss an Filmen, wie sie Guido Knopp und seine Nacheiferer produzieren. „Das Schweigen der Quandts“ ist in vielerlei Hinsicht ein Beweis dafür, dass die Einschätzung völlig falsch war. Diese Doku präsentiert ja nicht nur inhaltlich etwas Neues, sie erweist sich auch unter filmischen Aspekten als Lehrstück. Eric Friedler und Barbara Siebert vermögen den Zuschauer mit Recherchen zu fesseln, sie versuchen nicht, ihn mithilfe von Effekten und anderen Gefühlsverstärkern zu überwältigen.

Darüber hinaus sind an manchen Stellen Ansatzpunkte für weitere Projekte auszumachen. Das gilt beispielsweise für einen Ausschnitt aus einem Hörfunk-Interview von 1980, in dem der bayerische Staatsanwalt Julius Herf, der für Günther Quandts Entnazifizierungsverfahren zuständig war, sagt, die Alliierten hätten „ihre schützende Hand über ganz große Halunken gelegt, denen wir nichts tun durften“. Wie und warum solche Entscheidungsvorgänge abgelaufen sind und welche Personen letztlich dafür verantwortlich waren – das sind Themen, um die sich demnächst die Kollegen Friedlers und Sieberts kümmern könnten.

• Text aus Heft Nr. 48/2007 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

30.11.2007 – René Martens/FK

Ein Film über die reichste Familie Deutschlands: „Hätten wir dieses Material damals gekannt, wären die Quandts als Kriegsverbrecher verurteilt worden“

Foto: Screenshot


Print-Ausgabe 3-4/2021

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `