Eoin Moore/Anika Wangard: Wendemanöver. Doppelfolge aus der Reihe „Polizeiruf 110“ (ARD/MDR/NDR)

Ostdeutsche Vereinigung ohne Mehrwert

04.10.2015 •

Das sei doch ein „beneidenswerter Zustand“, meinte der Rostocker Ermittler Alexander Bukow in seinem vorigen Fall („Sturm im Kopf“) über einen Verdächtigen mit Gedächtnisverlust. Dass dieser Zustand jedoch, ganz im Gegenteil, furchtbar sein kann, merkt er nun in der „Polizeiruf“-Doppelfolge „Wendemanöver“: Da wacht der wegen „erhöhter Impulsivität“ vom Dienst suspendierte Kommissar in seinem Auto auf, eine Waffe in der Hand, auf dem Beifahrersitz ein erschossener Bekannter. Und er weiß nicht, was passiert ist. Ein Albtraum.

So wird Bukow (Charly Hübner) zum Mordverdächtigen und zur Fahndung ausgeschrieben. Es folgen ein paar schöne Szenen zwischen ihm und seiner Kollegin Katrin König (Anneke Kim Sarnau), die der völlig abgerissene Bukow in seiner Not aufsucht. Sie weiß nicht, ob sie ihrem abgedrifteten Kollegen noch vertrauen kann, aber natürlich kann sie gar nicht anders, als ihn bei sich duschen zu lassen und ihm verschämt ein frisches T-Shirt durch den Badezimmertürschlitz zu reichen. Ohne große Worte funktioniert das Zusammenspiel dieser auf eine spröde Art sehr verbundenen Zwei. Und es ist dieses Duo, das in diesem Doppel-„Polizeiruf“, bei dem die Rostocker zusammen mit ihren Magdeburger Kollegen Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Jochen Drexler (Sylvester Groth) ermitteln, eindeutig die Seele des Ganzen bildet, das den Laden zusammenhält und überdies für den nötigen Drive sorgt.

Es ist kein kleines Risiko, das Regisseur und Autor Eoin Moore (das Drehbuch schrieb er zusammen mit Anika Wangard, nach einer Vorlage von Thomas Kirchner) und die beteiligten Sender NDR und MDR mit „Wendemanöver“ eingegangen sind: eine Geschichte erzählen, die über zwei „Polizeiruf“-Folgen trägt, aber auch so übersichtlich ist, dass man ihr im Ausstrahlungsabstand von einer Woche noch folgen kann, und die zudem die Tonarten zweier ganz unterschiedlicher Teams zusammenbringen muss. Das Ergebnis fällt, um dies vorwegzunehmen, durchwachsen aus: Vor allem der erste Teil ächzt sehr unter einer Flut von Figuren und Namen, Beziehungen und Konfliktlinien zwischen Opfern, Verdächtigen, Zeugen und Ermittlern – allein die beiden kompletten Ermittlerteams zählen bereits neun Protagonisten. Schwer tut sich der Film dabei, seine zahlreichen Erzählfäden auszulegen, einigermaßen paritätisch zwischen Rostock und Magdeburg hin- und herzuwechseln und dabei seine Protagonisten wie seine Zuschauer immer up to date zu halten. So gerinnt „Wendemanöver“, Teil 1, zu einer eher steifen, unatmosphärischen Angelegenheit, ein bisschen wie eine trockene Schulstunde, in der das bereits Gelernte ständig erneut zusammengefasst und wiederholt werden muss.

Die Story rund um zwei Morde in derselben Nacht ist aber auch kompliziert: Während in Magdeburg bei einem Brandanschlag auf die Waffenfirma Richter die Frau des Juniorchefs ums Leben kommt, wird in einem Hotelzimmer in Rostock der Wirtschaftsprüfer Andreas Jansen erschossen. Bald häufen sich die Hinweise, dass beides zusammenhängt, doch wie? Die beiden Toten hatten eine Affäre miteinander: War es eine Eifersuchtstat? Warum aber schlägt Juniorchef Moritz Richter (Peter Schneider) nach dem Brand auf seinen Vater Herbert (Jörg Gudzuhn) ein? Verdächtig ist auch Kai Förster (Thomas Fränzel), ein ehemaliger Mitarbeiter der Richters, der sich in linksalternativen Kreisen herumtreibt und mit Moritz Richters Tochter Jenny (Zoe Moore) liiert ist.

Verdächtig sind außerdem ein Staatssekretär, der dubiose Chef einer Security-Firma sowie einer von dessen Angestellten. Und dann ist da noch der schwule Ex-Polizist Ferdinand Frey (Cornelius Obonya), der nach 16 Jahren Haft wegen der Vergewaltigung einer Frau unlängst entlassen wurde und sowohl bei der Firma Richter als auch bei Andreas Jansen auftauchte. Kommissar Jochen Drexler kennt ihn von früher, aus gemeinsamen Zeiten bei der DDR-Aufarbeitungsbehörde ZERV. Die beiden verbindet mehr als nur das Berufliche, in einer gemeinsamen Nacht outet sich der scheidende Magdeburger Ermittler (die Doppelfolge ist sein letzter Fall) als homosexuell.

„Wendemanöver“, Teil 2, hat etwas mehr Luft zum Atmen und Raum für Atmosphäre, hier entsteht manch gelungene Szene, dürfen die Dialoge und ihre Sprecher auch mal leben und müssen nicht immer nur den Ermittlungsstand referieren. Auffälligerweise sind es aber auch hier die Szenen rund um die beiden Rostocker, die dem Film Herz, Witz und Pfeffer geben: Dass Bukow und König mit ihrer kumpelig-schnoddrigen Straßenköterart Eoin Moore näher sind als die strengeren Magdeburger (Moore ist Hausautor und -regisseur des Rostocker „Polizeirufs“), lässt sich nicht übersehen. An der Schauspielleistung von Claudia Michelsen und Sylvester Groth liegt das nicht, aber ihre zurückgenommene Art geht angesichts des Rostocker Drives und des überfrachteten Plots schlicht ein wenig unter. Was Buch und Regie hingegen schön gelingt, ist, beiläufig Parallelen einzuziehen und auf diese Weise bei aller Gegensätzlichkeit eine Art Überbau für die gemeinsame Ermittlungsarbeit der zwei Teams zu schaffen: So gehen beiden Kommissarinnen zwischenzeitlich die Partner abhanden und immer wieder telefonieren König und Brasch erfolglos Bukow bzw. Drexler hinterher (was im Magde­burger Fall auch ein dezenter Hinweis auf den tatsächlichen Weggang des Kollegen ist). Und beide Frauen ergreifen gegenüber dem Mann, in den sie sich jeweils verguckt haben, selbstbewusst die Initiative. Stimmig ist zudem, last but not least, wie in „Wendemanöver“ (gemeinsam produziert von Filmpool Fiction und Saxonia Media) passend zur Ausstrahlung im Jahr von ‘25 Jahre deutsche Einheit’ die einstige DDR und die politische Wendezeit eine Rolle spielen, die Story aber dennoch ganz im Hier und Jetzt verwurzelt sein darf.

Und doch bleibt es dabei: Die temporäre Zusammenarbeit, um nicht zu sagen: Vereinigung dieser beiden ostdeutschen „Polizeiruf“-Teams, die eben vor dem Hintergrund des Mauerfall-Jubiläums ‘arrangiert’ wurde (zu dem es im Oktober und No­vember noch so einige Sendungen und Filme geben wird), schafft keinen Mehrwert. Außer vielleicht den, beim Zuschauer die Vorfreude auf den nächsten Rostocker „Polizeiruf“ (NDR) in der gewohnten, dann wieder ‘kleinen’ Besetzung zu schüren. Und was nach dem überraschenden Ausscheiden von Sylvester Groth aus dem bisher wenig profilierten Magdeburger „Polizeiruf“ (MDR) wird, bleibt erst einmal abzuwarten.

04.10.2015 – Katharina Zeckau/MK