Eoin Moore/Anika Wangard: Tatort – Tschill Out (ARD/NDR)

Nick auf der Insel

20.01.2020 •

Schießen? Ja, schon, aber nicht mit scharfen Waffen. Sondern mit Farbkugeln beziehungsweise mit Paintball. Das ist ein populärer Geländesport, bei dem Kontrahenten sich gegenseitig abschießen – aber es fließt dabei kein Blut, sondern eben nur Farbe, die die Getroffenen „markiert“. Sogar einen pädagogischen Wert soll dieses Spiel haben. Deshalb regt Nick Tschiller (Til Schweiger) auf der Insel Neuwerk, wo der Hamburger Kommissar auf sein Disziplinarverfahren wartet und sich einstweilen als eine Art Sozialarbeiter um schwererziehbare Jugendliche kümmert, diese dazu an, mal mit Farbkugeln aufeinander zu ballern.

Diese augenzwinkernde Pseudo-Gewalt ist eine Anspielung auf die vorangegangenen Til-Schweiger-„Tatorte“ mit ihrer action- und kugellastigen Inszenierung. Viel Zeit, um auf der Insel zu (ts)chillen, bleibt Tschiller allerdings nicht. Denn es gibt schnell etwas Stress, als die ihm anvertrauten Kids mit den Paintballs auf ein Pferd schießen. Den Gaul scheint das nicht zu stören, das Tier hat lediglich zwei gelbe Farbflecken. Wenn der Bauer dennoch schweres moralisches Geschütz auffährt – man könne doch nicht auf ein Lebewesen schießen! –, dann wird diese beiläufige Szene zum witzigen Schlüsselmoment.

Und richtig Stress gibt es, als Tschiller sich von seinem Kommissarskollegen Yalcin Gümer (Fahri Yardim) dazu überreden lässt, einen Punkrock-Sänger auf der Insel zu verstecken, der als Kronzeuge auf der Abschussliste schießwütiger Gangster steht, wird aus dem Spiel unversehens blutiger Ernst: Am Ende wird Tschiller den Bösewicht auf der Insel kampfunfähig machen – und zwar mit einem Schuss aus der Paintball-Kanone.

Die Grundidee dieses sechsten Tschiller-„Tatorts“ ist also durchaus amüsant. Die Szenen auf der Insel sind sogar ausgesprochen atmosphärisch. Als psychisch angeschlagener Gesetzeshüter, der hinter das Geheimnis des Punksängers Tom Nix (Ben Münchow) zu kommen versucht, vermag Til Schweiger gelegentlich sogar darstellerische Akzente zu setzen. Glaubhafter Ausdruck von Emotionen ist aber noch immer nicht seine Sache. Das nasale Vernuscheln von Dialogen, Schweigers Markenzeichen, erweist sich etwa als kontraproduktiv, wenn Tschiller via Skype mit der Tochter über „Gefühle und so“ zu reden versucht.

Ein anderes Problem dieses an sich sehenswerten „Tatorts“: Durch das unablässige Wechseln der Schauplätze zwischen der abgeschiedenen Nordseeinsel und dem Festland, also Hamburg, wo Gümer und seine burschikose junge Kollegin Robin Pien (Zoe Moore) einander gegenseitig misstrauen, wirkt der Krimi visuell heterogen. Verstärkt wird diese Zerrissenheit, weil das Autorenduo Anika Wangard und Eoin Moore, der auch Regie führte, die Geschichte entlang einer typischen „Handy-Dramaturgie“ erzählt. Nach gefühlt jeder Minute bimmelt das Mobiltelefon, worauf die Protagonisten an einen anderen Ort gerufen werden. Diese Unsitte, Kennzeichen vor allem für inflationär versendete nordische Krimis, ist oftmals ein Symptom für nicht hinreichend durchdachte Plots.

Unglücklich ist zudem die Wahl des Schlüsselmotivs. So dürfte das Darknet als Tummelplatz für kriminelle Geschäfte zwar mehr oder minder bekannt sein. Weniger bekannt ist jedoch der zur Nutzung des Schattennetzes erforderliche Tor-Browser, den der Punker Tom Nix, wie in einem Sekundenbruchteil zu sehen ist, vor seiner Benutzung des PCs eines Zeitschriftenkiosks herunterlädt. In einem kurz darauf erfolgenden Dialog wird dann erklärt, dass dieser Browser eigentlich dazu diene, um den Standort des PC-Benutzers geheimzuhalten. In diesem Fall jedoch stellt sich heraus, dass Tom unwissentlich eine Datei mit heruntergeladen hat, die seinen Standort trotz Tor-Browser verrät, und zwar „wie eine Leuchtrakete“. Die Abgängigkeit der Plot-Plausibilität von derart abstraktem Technik-Gerede erweist sich zuweilen als Spannungskiller, aber dieser Til-Schweiger-„Tatort“ kriegt glücklicherweise noch die Kurve.

Bei der Auflösung des Falls richtet die Folge schließlich einige Streiflichter auf die autonome Szene. „Wir sind linksextreme Staatsfeinde, wir stehen unter Beobachtung“, erklärt der Punksänger, der, nachdem sein Bruder erschossen wurde, als Kronzeuge ebenfalls bedroht wird – allerdings nicht von staatlicher Seite. In welche krummen Geschäfte ist der Musiker also verwickelt? Es scheint zunächst, als hätte der Linksautonome im Widerspruch zu seiner Weltanschauung Drogengeschäfte getätigt. Immerhin wollte er einen Teil des Geldes, über das er verfügt, „an Seeretter e.V.“ spenden. Den schwererziehbaren Kids auf der Insel, aufgrund ihrer sozialen Lage mit ganz anderen Problemen konfrontiert, geht dieses Getue auf die Nerven. Sie bezeichnen Tom Nix und seine Punkband-Musiker nebenbei als „dosenbesoffene Asylantenfreunde“.

Dann die überraschende Wende: Eddie Nix (Andreas Helgi Schmid), der ermordete Bruder des Punkers, war süchtig nach Kinderpornos. Und nicht nur das. Wie Tschillers Kollegen herausfinden, war Eddie aktiv beteiligt an der Entführung von albanischen Kleinkindern, die später in einer Hamburger Wohnung vor Kameras sexuell missbraucht wurden. Linksextreme als Kinderschänder und Seelenmörder? Angesichts dieser irrwitzigen Auflösung zum Hintergrund des Geschehens reibt man sich zunächst die Augen. Völlig unplausibel ist diese Wendung allerdings nicht. Es gibt Gruppen im linksextremen Spektrum, die zu dieser Art von Übergriffen neigen.

Im Film ist diese Entwicklung allerdings nicht wirklich glaubhaft, weil der Blick auf die Szene der linksextremen Punker ziemlich holzschnittartig bleibt und auch, weil das ernste Thema Pädophilie in der Schlussphase des Films etwas zu salopp daherkommt. Trotz derartiger Ungereimtheiten überzeugte die „Tatort“-Folge „Tschill Out“ (7,58 Mio Zuschauer, Marktanteil: 21,5 Prozent) jedoch insgesamt als unterhaltsamer, streckenweise sogar wirklich humorvoller Krimi.

20.01.2020 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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