Ellen Trapp: Legal, sicher, christlich – Fluchthilfe im Namen des Papstes (ARD/BR)

Humanitärer Korridor

14.08.2018 • Da ist in den vergangenen Wochen und Monaten in der politischen und medialen Debatte von bestimmter Seite stets die Rede davon, dass möglichst wenige Flüchtlinge nach Deutschland und Europa kommen sollen und wie man ein solches Ziel erreichen könne. Und da stellt ARD-Auslandskorrespondentin Ellen Trapp in ihrem Film „Legal, sicher, christlich – Fluchthilfe im Namen des Papstes“ eine Initiative vor, die Brücken für Flüchtlinge baut, statt Mauern aufzurichten. Was nicht alles mit gutem Willen möglich ist! „Humanitärer Korridor“ heißt das Zauberwort, das – in diesem Fall – Menschen auf der Flucht aus dem Südsudan, aus Eritrea, Somalia und Syrien einen legalen Weg nach Italien eröffnet. Eine sichere Passage für schutzbedürftige Menschen, die vor Krieg, Terror und Hunger geflohen sind. Initiiert worden ist das Projekt, auf Anregung von Papst Franziskus, von der geistlichen Gemeinschaft Sant’Egidio in Rom und von der italienischen Caritas.

Ellen Trapp hat für ihren Film (redaktionelle Mitarbeit: Alessandra Molinari) Menschen begleitet, die seit mehreren Jahren in äthiopischen Flüchtlingslagern unter erbärmlichen Bedingungen leben. Nur ein kleiner Teil kann sich über mehrere Auswahlgespräche dafür ‘qualifizieren’, nach Italien ausgeflogen zu werden. Am Ende sind es (in der entsprechenden Zeitphase) 113 einzelne Flüchtlinge und 33 flüchtende Familien, zusammen rund 500 Menschen. Auch Jesus habe nicht alle geheilt, sondern eine Auswahl getroffen, erklärt Giancarlo Penza von Sant’Egidio das Dilemma, in dem er und der Vertreter der italienischen Caritas stecken. Sie wissen, dass der „humanitäre Korridor“ nur ein winziger Tropfen auf einem sehr heißen Stein ist.

Die aus Äthiopien nach Sorrent (nahe Neapel) ausgeflogenen Menschen haben sich verpflichtet, möglichst rasch Italienisch zu lernen und so bald wie möglich eine Arbeit aufzunehmen. Für erfolgversprechend wird gehalten, dass sie von jeweils italienischen Paten begleitet werden, um den Einstieg in die völlig andere Kultur zu schaffen. Und nicht alle bleiben in Sorrent. Andrea Riccardi, Gründer von Sant’Egidio und im Jahr 2009 in Aachen mit dem Internationalen Karlspreis ausgezeichnet, hält das aber für normal. Man könne nicht verhindern, dass manche einen anderen Weg als geplant einschlügen, etwa deshalb, weil es bereits Familienmitglieder in anderen Ländern Europas gebe. Die Mehrzahl indes habe sich gut in Italien integriert.

Immerhin: Frankreich, Andorra und San Marino haben sich ebenfalls auf das Projekt „humanitärer Korridor“ eingelassen. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bekundete im September 2017 in Münster beim Weltfriedenstreffen der Sant’Egidio-Gemeinschaft öffentlich ihre Sympathie für diese Initiative, zu deren Mitwirkenden teilweise auch die (protestantischen) italienischen Waldenser gehören. Stephan Mayer (CSU), Staatssekretär im Bundesinnenministerium, erklärt gegenüber der Autorin, dass auch sein Haus gemeinsam mit der evangelischen Kirche darüber spreche, im kommenden Frühjahr einen „humanitären Korridor“ einzurichten; die deutsche Caritas und die katholische Kirche seien eingeladen, dabei mitzuwirken. Der Sonderbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, lässt im Interview nicht erkennen, ob bereits erste Schritte in diese Richtung erfolgt sind. Er verweist zunächst einmal auf die Zuständigkeit der jeweiligen Landesregierung. Eine etwas härtere Nachfrage hätte dem Informationsgehalt an dieser Stelle gut getan.

Es ist hier eine Dokumentation entstanden (510.000 Zuschauer, Marktanteil: 4,5 Prozent), die auch ein kleines Porträt von Papst Franziskus bietet. Wie er seine erste Reise als Kirchenoberhaupt der Katholiken nach Lampedusa, den Ankunftsort vieler Flüchtlinge, legt, nachdem mehrere Hundert in Booten fliehende Menschen im Mittelmeer ertrunken waren. Wie er auf Lesbos ein Flüchtlingslager besucht und 14 muslimische Männer, Frauen und Kinder mit nach Rom nimmt. Wie er immer wieder für Barmherzigkeit wirbt und die Männer und Frauen von Sant’Egidio, der Caritas und anderen Hilfsorganisationen ermutigt, in ihrer Arbeit unbeirrt fortzufahren: „Wenn ein Christ auf hilfsbedürftige Menschen trifft, dann kann er nicht zum Bürokraten werden“, sagt dazu Giancarlo Penza. Klar ist allerdings auch, dass die eher private, wenn auch hochmotivierte Hilfe der Sant’Egidio-Gemeinschaft nicht ersetzen kann, was eigentlich die Länder der EU tun müssten.

Ellen Trapp arbeitet im vom Bayerischen Rundfunk (BR) betriebenen ARD-Studio Rom. Ihre von Empathie getragenen Berichte aus den Jahren 2015 und 2016 über Flüchtlinge und die die Zustände auf der von ihnen damals genutzten „Balkanroute“ sind noch in Erinnerung. In einem Jahr würde man gerne einen Folgefilm zum Projekt „humanitärer Korridor“ sehen, der dann auch zeigen könnte, ob und wie Vergleichbares in Deutschland geschieht. Und vor allem, wie es den jetzt gezeigten Flüchtlingen in Sorrent dann ergangen ist.

14.08.2018 – Martin Thull/MK