Elizabeth St. Philip: Die Klasse von 9/11 – 20 Jahre danach (Arte/WDR Fernsehen)

Die Träume und der Terror

28.09.2021 •

Das Foto ging um die Welt und fehlt heute in keinem Bericht über den 11. September 2001: US-Präsident George W. Bush besucht eine Schulklasse in Sarasota (Florida), weil er Werbung für sein Leseprogramm machen will. Ein Mitarbeiter tritt hinter ihn und flüstert ihm etwas ins rechte Ohr: Es ist die Nachricht vom Anschlag auf die Twin Towers in New York. Bush bleibt zunächst sitzen und folgt weiter den Lesebemühungen der Kinder. Aber der Lehrerin und ihren Schülern fällt auf, dass der Präsident ab sofort wie abwesend wirkt. Die Klasse 2a der Emma E. Booker Elementary School steht für Augenblicke im Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit.

Die kanadische Autorin und Regisseurin Elizabeth St. Philip hat einige Mitglieder der damaligen Klasse aufgesucht und zeigt in ihrem Film „Die Klasse von 9/11 – 20 Jahre danach“ (Produktion: Saloon Media/Toronto in Kooperation mit Gebrueder Beetz Filmproduktion), wie sich deren Leben weiterentwickelt hat. Die Schüler von einst sind heute Mitte 20. In dem 85-minütigen Dokumentarfilm lernt der Zuschauer Natalia und Tyler, Lazaro und La’Damian oder Megan und Dinasty kennen wie auch die Lehrerin Kay Daniels und den Radiomoderator Ronnie Phelps. Außerdem Mütter und Väter, Verwandte, Freunde und Juristen von damals oder heute. So entsteht wie in einem Mosaik ein konzentriertes Gruppenbild aus der US-amerikanischen Gesellschaft. Die Schüler der zweiten Klasse stammen alle aus der schwarzen Community Sarasotas, aus Newtown. Für sie war der Besuch des Präsidenten ein großer Tag in ihrem Leben. Eigentlich ging es um ihre Träume und Wünsche für die Zukunft.

Doch die Terroranschläge von 9/11 überschatteten diesen Tag, für den sich die 17 Kinder der Klasse wegen des Präsidentenbesuchs extra herausgeputzt hatten: früh aufgestanden, Parfum aufgetragen, Haare geschnitten, schicke Kleidung angezogen, folgsam gegenüber den Anweisungen der Lehrerin. Das Klassenzimmer knallvoll mit Fotografen und Journalisten. Das Fundament für ihre Träume und Wünsche, für ihr künftiges Leben sollte an diesem Tag gelegt werden. So beschreiben sie es jedenfalls in der Rückschau.

Der Film erhält durch zweierlei seine Grundstruktur. Da ist zum einen Radiomoderator Ronnie Phelps, der wie ein Conférencier durch die 85 Minuten führt. Er spart nicht an Kommentaren und versucht das Geschehen von damals einzuordnen in die Entwicklungen seither. Und dann ist da das Klassenfoto von 2001, in dem sich die Schüler wiederkennen und zu dem sie Anmerkungen abgeben, insbesondere Kommentare zu den damaligen Klassenkameraden – da waren der „Spaßmacher“ und der „Sonnenschein“, die „Diva“, die „Prinzessin“ und der „Gentlemen“ oder das Mädchen, das man sehr mochte: „Ich war voll in sie verknallt.“ Das Foto und die Assoziationen dazu, dies ist das andere Strukturelement.

Im Übrigen lässt die Autorin und Regisseurin die früheren Schüler erzählen, wie es ihnen seit dem historischen Tag ergangen ist. Und man bekommt den Eindruck, wie sich beim Betrachten des Films herauskristallisiert, als hätten der Besuch des Präsidenten und das gleichzeitige Attentat in New York keinen entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung ihrer jeweiligen Biografie gehabt. Wie auch? Wie unter einem Brennglas zeigt das weitere Leben der Mädchen und Jungs einen Querschnitt dessen, wie es in der amerikanischen Gesellschaft Menschen aus dieser Gruppe ergeht. Bei Tyler führten kleinkriminelle Delikte in der Summe zu einer zweijährigen Haftstrafe. Megan wurde Opfer von ehelicher Gewalt und bei einem unglücklichen Schusswechsel zwischen Ex und neuem Freund traf eine Kugel sie – seither sitzt sie gelähmt im Rollstuhl. Natalia hat eine eigene Firma für eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung von Kleinkindern aufgebaut, Lazaro ein Ingenieurstudium abgeschlossen.

Positive Entwicklungen sind jedoch die Ausnahme, auch wenn die Lehrerin immer wieder Optimismus verbreitet hat und immer noch der Meinung ist, dass jeder seine Chance erhält. Doch es überwiegt der andere Eindruck: Die mittlerweile jungen Erwachsenen erleben meistens ein Amerika, das von Rassismus und Diskriminierung geprägt ist. Und die Frage stellt sich, ob das Schicksal von Schülern einer anderen Klasse mit schwarzen Kindern zu anderen Ergebnissen geführt hätte. Zu verkrustet erscheinen aus der europäischen Distanz die gesellschaftlichen Strukturen in den USA und ihre Elemente von Diskriminierung und Rassismus.

Der Dokumentarfilm von Elizabeth St. Philip wurde vom WDR für das Arte-Programm zugeliefert und bildete dort den Auftakt zu einem Themenabend zum 11. September, an dem noch zwei weitere Dokumentationen ausgestrahlt wurden. Die eine davon war „Slahi und seine Folterer – Das Leben nach Guantanamo“ (21.50 bis 22.45 Uhr) und wurde vom NDR für den Themenabend zugeliefert (Koproduzenten: MDR und RBB). Der amerikanische Journalist John Goetz sprach für seinen Film mit Mohamedou Ould Slahi über dessen qualvolle Erinnerungen, um Rückschlüsse auf diejenigen ziehen zu können, die Slahi im US-Gefangenenlager von Guantanamo gefoltert hatten. Er saß dort ein, weil er in den 1990er Jahren Verbindungen zur islamistischen Terrororganisation Al-Qaida gehabt hatte, die für die Anschläge von 9/11 verantwortlich war.

Die investigative Recherche deckte auf, was tatsächlich in Guantanamo nach den Anschlägen passiert ist. Die Dialoge mit den Beteiligten führen zu überraschenden und tief verstörenden Enthüllungen ins dunkle Herz des amerikanischen „Kriegs gegen den Terror“: ein kritischer Blick auf die Methoden der USA. Slahi hatte über seine 14-jährige Gefangenschaft Tagebuch geführt. Es war Anfang 2015 zugleich in englischer und deutscher Fassung veröffentlicht worden („Guantánamo Diary“/„Das Guantanamo-Tagebuch“). Zwischen den beiden ersten Dokumentarbeiträgen des Themenabends gab es ab 21.40 Uhr ein zehnminütiges Gespräch mit Gilles Kepel, französischer Sozialwissenschaftler und Fachmann für den Nahen Osten und den Mittelmeerraum, zur Thematik.

Der dritte Beitrag das Themenabends war der von Arte France zugelieferte Film „Afghanistan – Opfer im Namen des Friedens“ (22.45 bis 23.40 Uhr) von Alexandra Jousset. Alle drei Dokumentationen sind noch bis Dezember 2021 in der Arte-Mediathek verfügbar. Der Film „Die Klasse von 9/11 – 20 Jahre danach“ (Originaltitel: „9/11 KIDS“) wurde einen Tag nach der Arte-Ausstrahlung (20.15 Uhr) vom WDR auch noch in dessen Drittem Programm gesendet (23.00 Uhr).

28.09.2021 – Martin Thull/MK

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