Elena Kuch/Sebastian Pittelkow/Amir Musawy/Volkmar Kabisch/Georg Heil: Erstickt im Lkw – Das Ende einer Flucht. Reihe „Die Story im Ersten“ (ARD/NDR/WDR)

Grenzwertiges Reenactment

16.09.2016 •

Man ertappt sich angesichts dieses Dramas unwillkürlich bei der absurden Frage, ob der Tod durch Ersticken in einem geschlossenen Lkw grausamer ist, als im Mittelmeer zu ertrinken. Als am 27. August vorigen Jahres österreichische Polizisten einen herrenlosen Kühllaster entdeckten, der in einer Nothaltebucht der Autobahn A4 in der Nähe von Parndorf im Burgenland (rund 20 Kilometer nach der ungarischen Grenze) abgestellt war, machten sie einen grausigen Fund. Auf der gerade einmal 14 Quadratmeter großen Ladefläche fanden sich die Leichen von 71 Menschen. Wie die späteren Ermittlungen ergaben, handelte es sich bei den qualvoll Erstickten um Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten im Nahen und Mittleren Osten, die einer skrupellosen Schlepperbande zum Opfer gefallen waren. Dass den Aufbau des Lastwagens makabererweise der bunte Werbeaufdruck einer Firma für Hühnerfleisch zierte, trug zusätzlich dazu bei, dass sich die Bilder ins kollektive Gedächtnis einbrannten.

In ihrer Reportage „Erstickt im Lkw“, die zum Jahrestag des schrecklichen Geschehens aus­gestrahlt wurde, zeichneten die Autoren akribisch nach, wie es zu der Tragödie kam, wer die Opfer waren und welcher Schleuserring die Fahrt in den Tod organisiert hatte. Hinsichtlich der reinen Fakten, die lange geklärt sind, hatte der 45-minütige Film wenig neue Informationen zu bieten. Das Verdienst der Reporter bestand in erster Linie darin, einigen der Opfer Namen, Gesichter und Geschichten zu geben. So beklagte ein trauernder Vater im Irak das Schicksal seiner beiden Kinder, die voller Hoffnung Richtung Europa aufgebrochen waren. Ein Tagebucheintrag seiner Tochter, der im Lkw gefunden worden war, und Nachrichten und Handyfotos, die die Kinder von unterwegs geschickt hatten, erschienen hier als bewegende Dokumente.

Hinsichtlich der sechs Täter, die schon kurz nach der Entdeckung des Lkw gefasst wurden und derzeit in Ungarn in Untersuchungshaft sitzen, machte der Film deutlich, dass der bulgarische Fahrer in der Hierarchie an unterster Stelle stand und die Flüchtlingswelle vom Sommer vorigen Jahres Arbeitslosen wie diesem Mann plötzlich vergleichsweise lukrative Jobs bescherte. Wie das Geschäft mit der illegalen Migration im großen Stil abläuft und wer sich daran wirklich bereichert, erklärte im Film Gerald Tatzgern, Leiter der österreichischen ‘Zentralstelle Schlepperkriminalität’.

Als kleinen Scoop des Films kann man das Interview mit Ilmaz A. sehen, der für dasselbe Schleusernetzwerk als Fahrer gearbeitet hat und derzeit in Bautzen inhaftiert ist. Nur wenige Tage nach der Katastrophe in Österreich hatte er einen geschlossenen Lkw mit 81 Flüchtlingen nach Sachsen gefahren. Die Insassen überlebten nur, weil es ihnen gelang, ein kleines Loch in die Decke ihres rollenden Gefängnisses zu stemmen, durch das ein wenig Luft in den hermetisch verschlossenen Laderaum eindringen konnte. Früher, so Ilmaz A., habe man noch Lastwagen mit Planen benutzt, doch die seien von den Flüchtlingen immer wieder aufgeschlitzt worden. Weshalb seine Auftraggeber auf geschlossene, stabile Kastenwagen umgestiegen seien.

Ja, das Trommeln der Menschen gegen die Fahrerkabine habe er natürlich gehört, erzählte der Fahrer weiter. Er habe deshalb seinen Chef angerufen, doch er habe ihm erklärt, er solle einfach weiterfahren. Was er dann auch getan habe. Schließlich bekomme er seinen Lohn nur, wenn er seine ‘Fracht’ am Bestimmungsort abliefere. Welche Umstände Menschen wie Ilmaz A. dazu bringen, für ein paar tausend Euro den bei dieser Art des Transports stets drohenden Tod von mehreren Dutzend Flüchtlingen billigend in Kauf zu nehmen, hätte man noch gern gewusst, aber das wäre wohl ein Thema für sich.

Alles in allem war diese Reportage aus der Reihe „Die Story im Ersten“ eine ebenso fundierte wie bewegende Rekonstruktion des tragischen Ereignisses von vor einem Jahr, das schließlich dazu führte, dass Österreich und Deutschland ihre Grenzen vorübergehend öffneten, wie Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) im Film erklärte. Auch der „Spiegel“ widmete in seiner Ausgabe vom 20. August 2016 zum Jahrestag des Dramas um den Lkw dem Fall eine elfseitige Geschichte, die noch mit ein paar mehr Zeugen aufwartete als die Fernsehreportage.

Grenzwertig nahmen sich bei dem Film allerdings die exzessiv eingesetzten Reenactments aus. So hatte man nicht nur ein Modell des Original-Lkw erworben, sondern ihn auch noch mit denselben Werbeaufdrucken versehen. Bereits im Vorspann sah man, wie eine Flüssigkeit unter der geschlossenen Tür des Wagens hindurch auf den Asphalt tropfte. Auch wenn nach dem Bericht der österreichischen Polizei aus dem Lkw Leichenflüssigkeit ausgetreten sein soll – muss man so etwas wirklich nachstellen? Und immer wieder sah man Sequenzen, in denen nachinszeniert wurde, wie Flüchtlinge durch Gras marschierten, wie sie in den Lastwagen stiegen, wie ein Flüchtling Notizen machte, wie Schlepper den Lkw fuhren und ähnliches. Es scheint, als würden solche fictionhaften Elemente der (Über-)Dramatisierung heute von öffentlich-rechtlichen Fernsehredaktionen verlangt. Gänzlich daneben war schließlich die finale Ehrerbietung für die 71 Opfer, deren Namen man tricktechnisch auf das Dach des Lasters projiziert hatte. Diese Namen hätte man in schlichter Weise im Abspann nennen können, statt sich ihrer für solch eine effekthascherische Spielerei zu bedienen.

16.09.2016 – Reinhard Lüke/MK

Fundierte Reportage, bewegende Rekonstruktion: Ein Ereignis, das schließlich dazu führte, dass Österreich und Deutschland ihre Grenzen für Flüchtlinge vorübergehend öffneten

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