Egmont R. Koch: Die Spur der Bombe. Neue Erkenntnisse im Mordfall Herrhausen. Reihe „Geschichte im Ersten“ (ARD/SWR/NDR)

Exkurs in Militärtechnik

05.12.2014 •

Diese Dokumentation wurde aus Anlass des 25. Jahrestages des Attentats auf Alfred Herrhausen gesendet, der dabei am Morgen des 30. November 1989 in Bad Homburg ums Leben kam. Der Chef der Deutschen Bank war gerade auf der Fahrt von seinem Wohnort zu seinem Dienstsitz nach Frankfurt am Main. Herrhausen galt damals schon längst als mögliches Opfer der Terror­organisation Rote Armee Fraktion (RAF) und war deshalb in einem gepanzerten Fahrzeug mit Begleitschutz unterwegs. Diese Tatsache war auch den Attentätern bekannt, die daraufhin eine Bombe einsetzten, die diesen Schutz überwinden konnte. Ausgelöst worden war sie mittels einer sehr präzise installierten Lichtschranke. Die RAF bekannte sich sehr bald zu dem Attentat, doch ist selbst nach 25 Jahren noch immer ungeklärt, wer die eigentlichen Täter waren.

Daran ändert auch diese Dokumentation von Egmont R. Koch nichts, die jedoch einige neue Erkenntnisse beisteuert, die die Herkunft der Bombe betreffen (und die ihr eine gute Vorauspublizistik beschert haben). Eine solche Bombe mit panzerbrechender Wirkung war zuvor noch nie von der RAF eingesetzt worden. Eine Kriegswaffe dieser Art hätte niemand bei der RAF selbst herstellen können; sie wurde im Nahen Osten entwickelt und dort auch eingesetzt. Acht Tage vor dem Herrhausen-Attentat war mit einem ähnlichen Bombentyp der neu gewählte libanesische Präsident René Moawad getötet worden, als er ebenfalls in seiner gepanzerten Limousine unterwegs war. Die Täter standen wohl auf Seiten der libanesischen Hisbollah. Spuren führen auch zu palästinensischen Flüchtlingslagern und zur ‘Volksfront für die Befreiung Palästinas’ (PFLP). Das kann in der Dokumentation schlüssig nachgewiesen werden.

Zu diesen Erkenntnissen kommt Egmont R. Koch nicht nur mit Hilfe von Interviews, die er mit Experten und ehemaligen Ermittlern führte, sondern auch mit Unterstützung des Fraunhofer-Instituts/EMI (Ernst-Mach-Institut), das sich der militärischen Grundlagenforschung widmet. Der Film dokumentiert ausführlich, wie in diesem bei Freiburg ansässigen Institut das Attentat auf Herrhausen in einer Versuchsanordnung nachgestellt und damit der Nachweis erbracht wurde, dass eben dieser Bombentyp für das Attentat auf den Deutsche-Bank-Chef verwendet worden war. Im Frühjahr 2005, so erfahren wir ergänzend, sei diese Waffe wieder aufgetaucht, nämlich als Waffe im Einsatz gegen amerikanische Militärfahrzeuge im Irak-Krieg. 

Bei der Frage danach, wie diese Waffe damals nach Europa gelangt sein könnte, zeigt die Dokumentation die internationalen Verflechtungen linker Terrorgruppen in Europa auf, die alle gute Kontakte zur PFLP unterhielten. Auch deutsche RAF-Terroristen sind in Ausbildungslagern der PFLP etwa im Südjemen trainiert worden.

Kontakte zur PFLP werden in der Dokumentation vor allem am Beispiel einer dänischen Terrorgruppe nachgewiesen, die 1989 in Kopenhagen von der Polizei entdeckt worden war. Bei Anschlägen in Barcelona 1987 und an der Atlantikküste 1988 auf amerikanische Soldaten und eine NATO-Delegation waren nachweislich Waffen im Einsatz, wie sie im Kopenhagener Waffenlager entdeckt worden waren, und offensichtlich waren an diesen Attentaten auch deutsche Terroristen beteiligt. Dabei handelte es sich allerdings nicht um den Bombentyp, der im Fall Herrhausen Verwendung fand. Diese Kontakte linker westeuropäischer Terroristen zur PFLP sind denn auch, neben dem Exkurs in Militärtechnik, ein weiteres wichtiges Thema der Dokumentation, das aber sicher nur wenig publizistische Aufmerksamkeit erlangt hätte, wenn es nicht am Beispiel des Herrhausen-Attentats behandelt worden wäre.

Diese Art von internationalen Verbindungen über die PFLP in den Nahen Osten ist ja inzwischen auch historisch geworden, weshalb die Dokumentation zu Recht innerhalb der ARD-Reihe „Geschichte im Ersten“ gezeigt wurde. Es war die Zeit, als die Welt noch nach dem Ost/West-Schema in zwei Hälften aufgeteilt war. Nicht nur in Europa standen sich Ost und West als politische Blöcke gegenüber, im Nahen Osten etwa wurde die Konflikte ebenfalls nach diesem Schema sortiert; entsprechend konnten auch die politischen Gruppierungen dort auf mittelbare oder unmittelbare Unterstützung durch eine der beiden Supermächte UdSSR (Ost) oder USA (West) rechnen.

Doch in der Dokumentation selbst hat man auf diesen historischen Aspekt wenig Wert gelegt. Der Ost/West-Konflikt und selbst die damalige innenpolitische Situation in Deutschland bleiben unerwähnt. Als Herrhausen dem Attentat zum Opfer fiel, war immerhin drei Wochen zuvor in Berlin die Mauer gefallen. So handelt es sich hier zwar um einen informativem Film über Militärtechnik und die internationalen Verflechtungen des Terrors, aber die eigentlichen Motive für das Attentat auf Alfred Herrhausen werden in dem Film (1,10 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,4 Prozent) nicht diskutiert.

• Text aus Heft Nr. 49/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

05.12.2014 – Brigitte Knott-Wolf/FK