Egmont R. Koch: Arafats Söldner – Die drei Leben des Willi Pohl (ZDF)

Anlass zum Googeln

30.06.2020 •

In seiner im Rahmen der Reihe „ZDF-History“ ausgestrahlten Dokumentation „Arafats Söldner – Die drei Leben des Willi Pohl“ rollt Egmont R. Koch die Geschichte eines Mannes auf, der als junger Mensch zunächst eine Gefängnisstrafe im Ruhrgebiet verbüßte, dabei einen Neonazi kennenlernte, der ihn in Kontakt mit palästinensischen Terroristen brachte, für die er dann tätig war, bis er später die Seiten wechselte und jahrelang für die Anti-Terror-Abteilung des US-Geheimdienstes CIA spionierte. Und seit er seine Agententätigkeit beendete, ist er als Kriminalschriftsteller tätig, schrieb unter anderem Drehbücher für Fernsehkrimis, darunter in den 1990er Jahren „Tatort“-Folgen mit Manfred Krug.

Das alles klingt bizarr und beinahe schon irre. Doch in der Dokumentation von Egmont R. Koch erzählt Willi Pohl, der eigentlich Willi Voss heißt (im Film wird die Namenssituation nicht ausreichend erklärt), diese atemberaubende reale Geschichte mit seinen eigenen Worten. Eine äußerst verdrehte Geschichte, an die kein „Tatort“ herankommt. So lernte er im Gefängnis, wo er eine Haftstrafe als Kleinkrimineller verbüßen musste, Udo Albrecht kennen, einen engen Bekannten von Karl-Heinz Hoffmann, dem Begründer der berüchtigten neonazistischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“

Albrecht, so erinnert sich Voss, „hatte Reinhard Heydrich, den er sehr bewunderte, als Bild an der Wand“, also ein Bild jenes SS-Obergruppenführers, der – bis zu seinem Tod im Juni 1942 durch ein Attentat – einer der Hauptorganisatoren des Holocaust war. Ob Willi Voss selbst zeitweise Neonazi war, lässt der Film offen. Jedenfalls ließ er sich durch die Vermittlung Albrechts, zu dem er eine enge Beziehung pflegte, von der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ anwerben. In deren Auftrag half Voss unter anderem bei der Vorbereitung des Münchner Olympia-Attentats von 1972 mit.

Welche Motivation hatte er? Rückblickend erklärt der heute 74-jährige Voss vor der Kamera, wie er damals als Nobody ohne Selbstbewusstsein plötzlich das Vertrauen gewann von hochrangigen Terroristen wie Abu Ijad, dem Stellvertreter von Jassir Arafat, damaliger Chef der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. Voss genoss offenbar auch das Vertrauen von Abu Daud, der als Organisator des Attentats von München gilt. Durch diese Aufmerksamkeit habe er sich „sehr geehrt und gebauchpinselt“ gefühlt, erzählt Voss. In der libanesischen Hauptstadt Beirut lebte er mehrere Jahre als Willi Pohl. Über diese Zeit erzählt er im Film: „Wir hatten uns ja im Libanon bürgerlich eingerichtet. Das heißt, ich bin zur Arbeit in den Terror gegangen, wenn man so will. Das war mein Acht-Stunden-Tag, also fast spießbürgerlich.“

Wie sehr er sich in den Palästinensern aber täuschte, stellte er 1975 fest, als er sich im Auftrag des „Schwarzen Septembers“ mit seiner Frau als Touristenpaar ausgab, um einen Mercedes aus Beirut nach Deutschland zu überführen. Er ahnte nicht, dass im doppelten Boden des Wagens Waffen, Sprengstoff und Zünder eingeschweißt waren, die bei einer Grenzkontrolle zwischen Rumänien und Jugoslawien entdeckt wurden. Voss wurde von rumänischen Sicherheitskräften verhaftet und entging nur mit knapper Not und dank einer Intervention der Palästinenser der Hinrichtung.

Jeder andere hätte diesem abenteuerlichen Leben nun den Rücken gekehrt. Doch Willi Voss wollte sich rächen an den Palästinensern, die ihn verraten hatten. Also diente er sich den Amerikanern als Spion an – was tatsächlich funktionierte, denn die CIA konnte ihn für ihren Anti-Terror-Kampf gebrauchen. Sie schickte ihn zurück nach Beirut, wo er im Hauptquartier der damaligen palästinensischen Guerilla-Organisation Fatah unbemerkt Geheimdokumente ablichtete. Im Blick zurück auf sein Leben (also unter anderem auf die Kooperation mit einer menschenverachtenden Terrororganisation) sei er heute mit sich im Reinen, sagt Voss: „Dass ich für die palästinensische Seite gearbeitet habe, ist meines Erachtens in etwa dadurch egalisiert, dass ich nicht ohne Lebensgefahr einen Haufen Leben gerettet habe.“ Welche Leben er durch seine Spionagetätigkeit für die Amerikaner tatsächlich gerettet hat, wird in der Dokumentation allerdings nicht deutlich.

Man spürt in dem Film deutlich, dass Willi Voss alias Pohl sich gerne reden hört. So ist die 45-minütige Dokumentation ganz auf die Präsenz ihres Protagonisten zugeschnitten, der diese Gelegenheit nutzt, um weiter an seiner zwiespältigen Legende zu stricken. Zu den Highlights zählt das für die Kamera arrangierte Treffen mit dem damaligen Führungsoffizier bei der CIA, Terrence Douglas, den Pohl während seiner Spionagetätigkeit nicht persönlich kennengelernt hatte. Erst als dieser CIA-Mann nach seiner Pensionierung einen Roman über den damaligen Doppelagenten Pohl verfasste, der seinerzeit den Decknamen „Ganymede“ trug, haben beide sich gefunden – ein weiteres Kapitel einer Geschichte, die man sich nicht auszudenken vermag.

Formal entspricht die Dokumentation von Egmont R. Koch dem am späten Sonntagabend gesendeten Format „ZDF-History“. Hier ist es teilweise üblich, dass nicht einmal der konkrete Sendetitel eingeblendet wird. Stattdessen beginnt der Film allein mit dem animierten Logo der Sendereihe. So auch hier. Wer nicht vorher in eine Programmzeitschrift geschaut hat, erfährt bei der Ausstrahlung nicht, dass die Dokumentation den Titel „Arafats Söldner – Die drei Leben des Willi Pohl“ hat. So beginnt der Film mit den Sätzen: „September 1972, Überfall palästinensischer Terroristen auf die Olympischen Spiele in München. Bis heute ist weitgehend ungeklärt, ob es deutsche Helfer gab. Die Geschichte eines Deutschen, der bei der Vorbereitung des Massakers half – jetzt, in ‘ZDF-History’“.

Es folgt die Einblendung des Logos. Dann heißt es weiter: „Damals hieß er Willi Pohl und gehörte zu einer Gruppe deutscher Neofaschisten, die sich den palästinensischen Terroristen vom ‘Schwarzem September’ verpflichtet hatten. Pohl war an der Vorbereitung des Anschlags von München beteiligt – als Arafats Söldner. Dies ist seine Geschichte.“ Jetzt weiß der Zuschauer in etwa, worum es in dem Film gehen wird.

Zu der gelegentlich reißerisch anmutenden Formatierung von „ZDF-History“ passt auch, dass in der Dokumentation jene Szenen, in denen die palästinensischen Terroristen die israelischen Olympia-Sportler ermorden, mit Ausschnitten aus dem ZDF-Fernsehfilm „München 72 – Das Attentat“ (vgl. FK-Heft Nr. 12/12) illustriert werden. Für andere Schlüsselszenen, zu denen kein fiktives Bildmaterial vorliegt, verwendet der Film Computeranimationen der Bremer Firma ‘The Visual Truth’, deren grelle, kubistisch anmutende Farb- und Formgebung an einen Underground-Comic erinnert.

Insgesamt erhält man den Eindruck, dass Egmont R. Koch mit dem Film über Willi Pohl einen über weite Strecken faszinierenden Rückblick auf ein bislang kaum beleuchtetes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte beisteuert, mit der erstaunlichen Information, dass auch Rechtsradikale mit den Palästinensern kooperierten. Der Film hat dabei jedoch den gravierenden Makel, dass er konsequent verschweigt, dass jene deutschen Terroristen, die in den 1970er Jahren hauptsächlich mit den Palästinensern kooperierten, Mitglieder der linksradikalen „Rote Armee Fraktion“ (RAF) waren. Aber vielleicht ist auch diese Auslassung Formatierungsvorgaben geschuldet.

Letztlich erzählt der Film hauptsächlichen von den zwei Leben, die Willi Voss unter seinem Alternativnamen Willi Pohl führte: als „Arafats Söldner“ und als Spion für die CIA. Das dritte Leben, das der Mann unter dem Namen Willi Voss als Kriminalschriftsteller bis heute führt, wird nur in den letzten zwei Minuten der Dokumentation kurz angerissen. Da der Film (720.000 Zuschauer, Marktanteil: 7,0 Prozent) in manchem unklar bleibt, veranlasst er einen schließlich zum Googeln. Dabei kommt man dann zum Ergebnis, dass genau diese Geschichte des Willi Voss bereits am 31. Dezember 2012 in einem langen Text im „Spiegel“ erzählt wurde (aufgeschrieben von vier Autoren). Erwähnt wird dies im Film nicht. Soll es wirken, als werde dies alles in der „ZDF-History“-Folge zum ersten Mal dargestellt? Tatsächlich aber sieht es so aus, als ob die Dokumentation nun, einige Jahre später, die „Spiegel“-Geschichte illustriert hat. Die Überschrift des „Spiegel“-Artikels lautete: „Ein Mann, drei Leben“. Der ZDF-Film endet im Abspann mit: „Eine Egmont R. Koch Filmproduktion, Copyright ZDF 2018“.

30.06.2020 – Manfred Riepe/MK

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