Dr. Pops Sprechstunde. 4‑teilige Musikunterhaltungsshow. Moderation: Markus Henrik (RBB Fernsehen)

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05.10.2020 •

Arzt, Lehrer, Verkäuferin. Immer mehr Angehörige traditioneller Berufe entwickeln das Bedürfnis, auf offener Kleinkunstbühne ihr Tätigkeitsfeld zu bewitzeln. Dr. Markus Henrik ist promovierter Musikwissenschaftler und Komiker und hat sich nach heiteren Büchern über WGs und Praktikantenschicksale auf seine Kernkompetenz besonnen. Als Dr. Pop präsentiert er Bühnenprogramme und eine Hörfunkkolumne bei Radio Eins vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Sie wurde nun fürs Dritte Programm RBB Fernsehen zu einer (zunächst) vierteiligen Unterhaltungsreihe mit jeweils 30-minütigen Folgen weiterentwickelt, die im September im wöchentlichen Abstand liefen.

„Dr. Pops Sprechstunde“, so der Titel der Musikunterhaltungsshow, folgt dem Ablauf der klassischen Late-Night-Show US-amerikanischer Prägung. Der Gastgeber tritt auf, serviert ein heiteres Solo unterschiedlicher Länge, es folgen komische Nummern und Einspieler, am Ende gibt es einen Talk mit einem Studiogast und oft noch eine Musikeinlage. „Dr. Pops Sprechstunde“ ist die monothematische Spielart dieses Musters. Vom RBB wird „Dr. Pop“ als „der Arzt fürs Musikalische“ annonciert.

Der Mittelteil und Hauptinhalt der Sendung besteht darin, dass Dr. Pop Fragen der Zuschauer beantwortet, die per Mail oder Videobotschaft eingeschickt werden können. Diese Videos und andere Einspieler startet er angeblich durch Druck auf einen dicken Knopf, der aber, wie häufige Verzögerungen verraten, offenbar gar keine Funktion hat. Die erste Frage lautete: „Machen Tiere eigentlich Musik?“ Die Antwort von Dr. Pop: „Snoop Dog macht auf jeden Fall Musik.“ Der Name der Band The Animals hätte natürlich besser funktioniert, aber die kennt ja keiner mehr. Auf den Gag folgt dann in der Regel eine mehr oder minder seriöse Antwort. Bei diesem Thema kam er auf Frösche, Nachtigallen und südamerikanische Amselarten zu sprechen, meist in Zusammenhang mit deren Paarungsgewohnheiten. Die Gesänge der Wale durften nicht fehlen. Ein Tonbeispiel mischte er mit „Careless Whisper“ von Wham und fand das „ganz schön sexy“. War es nicht und auch nicht witzig.

In seiner Antwort auf die Frage, warum sich so viele Menschen von Liebesliedern angesprochen fühlen, stellte er deren textliche Beliebigkeit und die wiederkehrenden Allgemeinplätze heraus. Auch hier, und das ist das Prinzip der Sendung, folgte auf die informative Einlage ein Gag. Dr. Pop stellte ein eigenes, alternatives Liebeslied vor. Da reimte sich dann „Kinder“ auf „Tinder“. Ebenfalls nicht sonderlich lustig. Das Lachen auf den Rängen des gemäß den Corona-Vorschriften auf Abstand platzierten Studiopublikums klang hier wie auch sonst oft eher pflichtschuldig.

Die informatorischen Anteile machen die Stärke der Sendung aus. Markus Henrik alias Dr. Pop kennt sich aus im Metier, kann Songmuster analysieren, über technische Hilfsmittel wie das Autotune-Verfahren referieren, sich auf Augenhöhe und allgemeinverständlich mit den eingeladenen Musikern unterhalten – in den ersten drei Sendungen waren das Mieze Katz von MiA, Max Raabe und Lotte. Man merkt allerdings, dass Henrik als Interviewer wenig Erfahrung besitzt. Das fiel bereits in der ersten Sendung auf, als sich die Sängerin Mieze Katz gegenüber dem auch sonst häufig haspelnden Gastgeber als merklich redegewandter erwies.

Mal entlarvt Dr. Pop einen Videoclip des Trios ‘Die Schlagerpiloten’ als unzusammenhängende Montage, mal demonstriert er zu „Stayin’ Alive“ von den Bee Gees, wie man in Notfällen den richtigen Rhythmus für eine Herzmassage findet. Leider bekommt es diesen inhaltsorientierten, gelegentlich gar aufklärerischen Segmenten gar nicht, dass Markus Henrik partout den Comedian geben will. Als Gegenexempel zu den Bee Gees spielt er einen Song der Retortenband Mr. President ein. Seine Pointe: „Dazu will ich nicht wiederbelebt werden. Da sterbe ich lieber.“ Gute Gags klingen anders. Und man muss die Darbietungen der Schlagersängerin Andrea Berg nicht mögen, aber sie als „das Holzfäller-Steak unter den Schlagersängerinnen“ zu bezeichnen, zeugt von einem eher dürftigen Humor- und Sprachverständnis. Angesichts des Personalaufwands ist das alles verwunderlich. Der Abspann verzeichnet (ohne Funktionsangaben) 35 Mitarbeiter seitens des RBB für die Sendung (als ‘Team RBB’), 13 weitere (‘Team Dr. Pop’) unterstützen Dr. Pop bei seinem Wirken. Man versammle vier bis fünf aufgeweckte Studenten und man wird bessere Bonmots erhalten.

Ganz arg wird es, wenn Markus Henrik als Schauspieler dilettiert und beispielsweise als Pietro-­Lombardi-Imitator das legendäre Hansa-Studio in Berlin aufsucht, wo, das kommt am Rande zur Sprache, Größen wie U2, Depeche Mode oder David Bowie, gearbeitet haben. Dort gibt Markus Henrik dann als Pietro Lombardi einen Dummkopf am Rande geistiger Behinderung und liefert wiederum nur maue Scherze ab, so dass die Möglichkeiten kurzweiliger und amüsanter Informa­tionsvermittlung, die sich hier förmlich aufdrängen, leichtfertig verschenkt werden.

Als Unterhaltungsformat besitzt „Dr. Pops Sprechstunde“ Potenzial, das in dieser ersten Staffel allerdings bei weitem nicht ausgereizt wurde. Sehr wach aber scheint das Aufnahmeteam zu sein. Als Mieze Katz im Duo mit Bandkollege Bob die intensive Ballade „Immer wenn ich dich seh“ aufführte, kamen einer Saalzuschauerin die Tränen. Einer der Kameraleute fing es ein. Einer der besten Momente der ersten drei Sendungen. (In der vierten, für diese Kritik nicht mehr gesichteten Sendung war der Musiker und Liedermacher Joris bei „Dr. Pops Sprechstunde“ zu Gast.)

05.10.2020 – Harald Keller/MK

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