Dorothee Schön/Sabine Thor-Wiedemann/Sönke Wortmann: Charité. 6‑teilige Krankenhausserie (ARD)

Erprobte Muster

08.05.2017 •

08.05.2017 • Eines vorweg: ARD-Programmdirektor Volker Herres sollte dringend seine Programmkenntnis verbessern. Im Presseheft zur Serie „Charité“ gibt er an, „wir“, also wohl die ARD, „zeigen zum ersten Mal im deutschen Fernsehen […] eine historische Krankenhausserie.“ Und: Mit „Charité“ habe Regisseur Sönke Wortmann „zum ersten Mal eine Serie im Fernsehen inszeniert“. Es ist so eine Sache mit diesen ‘ersten Malen’, die dann auch durch Teile der Presse gingen. Vielleicht setzt Herres die ARD und das deutsche Fernsehen in eins. Sonst wäre ihm nicht entgangen, dass Sky Atlantic und später das ZDF mit „The Knick“ eine in den USA ab 2014 ausgestrahlte, im Jahr 1900 angesiedelte, mithin historische Krankenhausserie im Programm hatten. Und Sönke Wortmann hatte schon 2006 für den damals im Vergleich zu heute wirkungsreicheren Privatsender Sat 1 mit „Freunde für immer – Das Leben ist rund“ eine fiktionale Serie realisiert.

Die Ursprünge des bis heute bestehenden Berliner Krankenhauses „Charité“ (zu Deutsch: „Barmherzigkeit“) liegen im frühen 18. Jahrhundert. Aus der über 300-jährigen Geschichte des Hospitals greifen die beiden Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann für die ARD-Serie ein Kapitel aus dem 19. Jahrhundert heraus und blicken dabei auf eine Phase signifikanter Umbrüche im Bereich der Medizin wie der Politik. Die Ereignisse werden im Dreikaiserjahr 1888 verdichtet, so geheißen, weil Wilhelm I. starb und von seinem Sohn Friedrich III. beerbt wurde, der jedoch seinerseits bald darauf einer Krebserkrankung erlag, woraufhin Wilhelm II. neuer Kaiser wurde.

Für die Handlung ist dies mehrfach von Belang. So erhofft der Charité-Arzt Rudolf Virchow (Ernst Stötzner), der – was die Serie kaum thematisiert – auch als Politiker tätig war, von Friedrich III. längst überfällige Reformen auf sozialpolitischem und städtebaulichem Gebiet. Wilhelm II. hingegen steht für Militarismus und Nationalismus. Die Fortschritte im Bereich der mikrobiologischen Forschung des Virchow-Schülers und Hochschulprofessors Robert Koch (Justus von Dohnányi) begreift der neue Kaiser vor allem als Etappensieg im Propagandakrieg gegen den Erbfeind Frankreich, wo Louis Pasteur unter anderem mit der Vorstellung neuer Impfstoffe für Aufsehen gesorgt hatte.

Mit Dr. Emil Behring (Matthias Koeberlin) gehört eine weitere historische Figur der Medizingeschichte zum Ensemble. Der frühere Militärarzt Behring entwickelte, wenngleich nicht allein, Mittel gegen die Diphtherie und den Wundstarrkrampf und erhielt 1901 den ersten Nobelpreis für Medizin.

In der Serien-Handlung werden die medizinischen Pioniere und Neuerer auf menschliches Maß gestutzt. Im Jahr 1888 ist zwar Robert Koch bereits eine Art Nationalheld, aber von der Entwicklung eines Medikaments gegen die Volksseuche Tuberkulose noch weit entfernt. Versuch-und-Irrtum ist ein übliches Verfahren, auch bei menschlichen Patienten. Die Charité ist mit Kranken und Sterbenden überfüllt, die Hygiene lässt zu wünschen übrig, die weltlichen und die Ordensschwestern schweben in ständiger Gefahr, sich bei den Kranken anzustecken. Die Ärzte gehören durchweg den oberen Ständen an, die meisten sehen mit Dünkel und ohne Mitleid auf die Kranken aus unteren Schichten herab.

Diese Welt erschließt sich dem Zuschauer über die Figur des Kindermädchens Ida Lenze (Alicia von Rittberg). Sie schleppt sich zu Beginn schmerzverkrümmt in die Charité, auf deren Fluren sich die Wartenden drängen. Einfache Menschen, verhärmt, abgearbeitet. Krank oder verletzt. Der Student Georg Tischendorf (Maximilian Meyer-Bretschneider) wird auf Ida Lenze aufmerksam, der herbeigerufene Dr. Ehrlich (Christoph Bach) diagnostiziert eine Blinddarmentzündung, während der Eingangswärter noch darauf beharrt, den Namen der jungen Frau wissen zu wollen und ob sie denn Selbstzahlerin sei. Sie hat Glück: Dr. Behring will sie im Hörsaal kostenlos zu Lehrzwecken operieren. Er ist einer der wenigen, die die noch kaum verbreitete Methode der Blinddarmoperation beherrschen.

Auch nach dem Eingriff bleibt Idas Zustand kritisch. Als sie sich endlich erholt, erfährt sie, dass ihr Arbeitgeber die Bezahlung der Krankenhausrechnung verweigert und sie entlassen hat. Um nun die Operationskosten zu begleichen, muss sie in der Charité als Hilfsschwester arbeiten. Sie kennt Emil Behring noch aus der Zeit, als der die Arztpraxis ihres inzwischen verstorbenen Vaters übernehmen wollte. Sie begegnet ihm anfangs mit Ablehnung, erst nach und nach erfährt man Näheres dazu, was die beiden verbindet.

Behring ist von der klugen und ehrgeizigen jungen Frau fasziniert, die Gefallen an der Medizin gefunden hat und selbst Ärztin werden möchte – was Frauen in Preußen, anders als in anderen Ländern, verboten ist. Eine Möglichkeit böte sich in Zürich. Doch dafür fehlen Ida Lenze die nötigen finanziellen Mittel. Zugleich buhlt auch Georg Tischendorf um die Gunst Idas. Tischendorf studiert nur seinem Vater zuliebe Medizin, viel lieber möchte er Fotograf werden. Im Lauf der Serie findet er einen Kompromiss: Er wird der Medizinfotograf der Charité.

Die erste Staffel von „Charité“ umfasst sechs Teile. Man kann hier tatsächlich von einer Serie sprechen, denn die Erzählung lässt sich nahtlos fortspinnen. Und die ARD hat bereits angekündigt, dass es eine zweite Staffel geben wird. Wie nicht anders zu erwarten, wurde die aufwendig in Prager Kulissen gedrehte, von der ARD als „Event-Serie“ annoncierte und im Rahmen des eigenen Programms fast schon manisch beworbene Produktion (vgl. diese MK-Bilderleiste) im Rahmen des aktuellen Serien-Hypes diskutiert. Letztlich entsprach das gesendete Produkt dem, was von den Beteiligten erwartet werden konnte. Für die für „Charité“ zuständige Produktionsfirma Ufa Fiction zeichnet unter anderem Nico Hofmann verantwortlich, der sich spezialisiert hat auf publikumsträchtige historische – man könnte auch sagen: rückwärtsgewandte – Mehrteiler der eingängigen Machart. Großes Affektfernsehen, massenkompatibel.

Regisseur Sönke Wortmann ist Spezialist für handwerklich gut gemachte, vorwiegend harmlose Unterhaltungsware und erreicht damit regelmäßig große Zuschauergruppen. Sein (vom Frühwerk abgesehen) einziger Film mit einer persönlicheren Handschrift, „Der Himmel von Hollywood“ (2001) mit Burt Reynolds, Rod Steiger und Tom Berenger, wurde zum Flop.

Bei „Charité“ kommen die genannten Eigenschaften zusammen. Die akribisch vorbereitete Serie hat informativen Charakter, die Handlung spricht das Publikum an, weil erneut erprobte Muster – eine Frau zwischen zwei Männern, hier noch, wenngleich verhalten, um eine lesbische Frau als dritte Bewerberin erweitert – Anwendung finden. Dazu gehört auch, ein vergleichsweise modernes Frauenbild zu zeichnen. Die fiktive sympathische und begabte Krankenschwester Ida Lenze ist in der durchaus kompetenten Interpretation durch Alicia von Rittberg eindeutig eine Identifikationsfigur für das heutige weibliche Publikum.

Nicht der einzige Anachronismus. Die 17-jährige Bühnenkünstlerin Hedwig Freiberg, der zuliebe Robert Koch Frau und Familie verlässt, hat wie die männlichen Hauptfiguren ein historisches Vorbild. Emilia Schüle aber, die sie verkörpert, wurde nicht gebührend an diese Rolle herangeführt. Ihr Gestus ist der einer Frau von heute, nicht der eines ‘Frauenzimmers’ des späten 19. Jahrhunderts. Vom Typus her stimmt sie mit der realen, deutlich fülligeren Hedwig Freiberg nicht überein. Den ein oder anderen Fauxpas gibt es auch auf Seiten der Drehbuchautorinnen. Überwiegend pflegen sie recht sorgsam den Sprachduktus des ausgehenden 19. Jahrhunderts, vereinzelt jedoch schleichen sich moderne Formulierungen ein wie diese Frage Idas: „Alles gut bei Ihnen, Therese?“

Der Regie sind gelegentliche Ausfälle ins Geschmäcklerische anzukreiden, so wenn Übergangsszenen das Leben der Schwestern und den Klinikbetrieb in Zeitlupe zeigen: Die Schwestern hängen lachend Wäsche auf, sammeln auf dem Friedhof Äpfel vom Boden, werfen sich Kartoffeln zu. Im Keller werden Kohlen geschippt, oben reihenweise weinende Kinder untersucht. Das ist eine unangemessene Romantisierung allein um der Bildwirkung willen, losgelöst vom Inhalt und damit kinematographischer Kitsch.

Bei einer Betrachtung von „Charité“ darf man die US-Serie „The Knick“ nicht unerwähnt lassen. Ein Vergleich drängt sich auf. „The Knick“, von Jack Amiel und Michael Begler für den amerikanischen Pay-TV-Kanal Cinemax entwickelt und durchgängig von Steven Soderbergh inszeniert, gefilmt und geschnitten, erzählte in zwei Staffeln aus der Geschichte des 1979 geschlossenen New Yorker Krankenhauses „The Knickerbocker“. Anders als in „Charité“ wurden die Hauptfiguren fiktionalisiert, hatten aber reale Vorbilder. So war der von Clive Owen verkörperte Dr. Thackery an Dr. William Stewart Halsted angelehnt. Das Knickerbocker behandelte in hohem Maß Patienten aus den Armenvierteln. Parallel wurde auch hier medizinische Pionierarbeit geleistet.

Allgemeinere Verwandtschaften zwischen den beiden Serien erklären sich fraglos aus dem Umstand, dass sie etwa in derselben Ära angesiedelt sind. Im Detail gibt es sogar mehrere erstaunlich enge Übereinstimmungen. Ein Beispiel: Dr. Thackery ist kokainsüchtig, Dr. Behringer vom Opium abhängig. In beiden Serien versuchen die Ärzte, auf eigene Faust von den Rauschmitteln loszukommen, und werden in dieser Situation von einer jungen, unerfahrenen Krankenschwester zu einem Notfall gerufen. Ihr körperlicher Zustand lässt nicht zu, dass sie operieren; unter dem Druck der Situation greifen sie erneut zur Droge und nehmen, nun wieder zur Selbstbeherrschung imstande, den jeweiligen Eingriff vor. Damit werden hier wie dort die Schwestern quasi zu Komplizinnen und genießen daraufhin höhere Wertschätzung, denn gemeinhin wurden die Pflegerinnen in jenen Tagen wie niederes Dienstpersonal behandelt und waren gezwungen, in kasernenartigen Verhältnissen zu leben.

„The Knick“ war vorsätzlich radikal angelegt, dramaturgisch gewagt, drastisch in der Darstellung medizinischer Eingriffe, von Tod und Elend. Gleich zu Beginn nimmt sich Dr. J.M. Christiansen (Matt Frewer) nach einer misslungenen Operation aus Verzweiflung das Leben und erscheint fortan als Dr. Thackerys Halluzination. Eindeutiger als das deutsche Pendant zielten die Autoren der US-Serie auf die heutige Gegenwart, wenn sie von der Ausbeutung der Armen, von Korruption und – besonders prononciert – vom allgegenwärtigen Rassismus erzählten. In „Charité“ klingt zwar analog der damalige Antisemitismus an, wird aber wenigen, von vornherein als unsympathisch gezeichneten Figuren zugeschrieben und bleibt auf diese Weise trotz einer kleinen Betonung gegen Schluss der letzten Folge eine Randnotiz.

Doch die USA sind bei weitem nicht das Land der uneingeschränkten Freiheiten in der Serien-Produktion, als das sie in der deutschen Medienkritik oftmals dargestellt werden. Entgegen den ursprünglichen Plänen wurde „The Knick“ trotz Kritikerlob und diverser Auszeichnungen nach zwei Staffeln wegen zu geringer Zuschauerresonanz eingestellt. Cinemax, ein Ableger des Kabel-Pay-TV-Senders HBO, verabschiedet sich laut einem Bericht von Deadline.com generell von den anspruchsvollen Premium-Soaps und will fortan wieder hauptsächlich publikumswirksame Action-Serien zeigen.

8.5.2017 – Harald Keller/MK

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Die Quoten für die Serie Charité:

Doppelfolge 1 und 2 zusammen (Di 21.3.): 8,41 Mio Zuschauer, Marktanteil: 25,9 Prozent; Folge 3 (Di 28.3.): 7,83 Mio, 25,0 Prozent; Folge 4 (Di 4.4.): 6,93 Mio, 21,8 Prozent; Folge 5 (Di 11.4.): 6,69 Mio, 20,9 Prozent; Folge 6 (Di 18.4.): 6,63 Mio, 20,3 Prozent; Durchschnitt: 7,48 Mio, 23,3 Prozent (Quelle: ARD/GfK).

08.05.2017 – MK
Akribisch vorbereitete Serie, informativer Charakter: Letztlich entsprach das gesendete Produkt dem, was von den Beteiligten erwartet werden konnte Foto: Screenshot