Dominik Moll/Constantin Lieb: Eden. 6‑teilige Serie (Arte/ARD)

Ambitioniertes Projekt mit einem großen Makel

25.05.2019 •

Für Alexandros und seinen Schwager Yiannis ist die Sache einfach dumm gelaufen. Die beiden Wachleute eines Flüchtlingscamps in der Nähe von Athen hatten Nachtdienst, als der 16-jährige Nigerianer Daniel und sein jüngerer Bruder Amare über die Absperrung sprangen, weil sie unbedingt nach England wollten. Die Wachleute verfolgten die beiden, entdeckten sie in einer Bauruine, wo es zu einem Gerangel kam, bei dem Daniel schließlich unglücklich in den Tod stürzte. Ein tragischer Unfall. Und eigentlich haben sich die beiden Männer nichts vorzuwerfen. Aber weil sie fürchten, die Sache könnte sie dennoch ihren Job kosten, erzählen sie ihrem Vorgesetzten, die Flüchtlinge seien ihnen entkommen. Weil sie sich aber in der Folgezeit in immer mehr in Widersprüche verwickeln, vor allem Yiannis von Schuldgefühlen geplagt wird und zur Polizei gehen will, sieht Alexandros für sich und seine Familie schließlich nur den Ausweg, seinen Schwager umzubringen.

Wie sich die Geschichte dieser beiden Wachleute durch ein paar kleine Fehlentscheidungen zu einem veritablen Drama entwickelt, das die Dimensionen einer antiken Tragödie hat, schildert die nach einer Idee von Jano Ben Chaabane und Felix Randau entstandene Serie „Eden“ so minutiös wie plausibel. Dabei haben die beiden Griechen mit dem eigentlichen Thema, um das es hier geht, eher am Rand zu tun. Und ihr Drama ist auch nur einer von fünf Erzählsträngen dieser ambitionierten Serie (entstanden im Auftrag von Arte France, Arte Deutschland, SWR und ARD Degeto). Die weiteren Stränge folgen einer deutschen Familie, die einen syrischen Jugendlichen aufnimmt, einem syrischen Arzt, der mit Frau und Tochter nach Paris geflohen ist, Amare, der auf dem Weg nach England fortan allein durch Europa irrt, und schließlich der Französin Hélène, die das Flüchtlingscamp bei Athen als Privatunternehmerin betreibt.

Hélène sieht man, stets in dunklem Hosenanzug und weißer Bluse, fast nur im Flieger oder rauchend in Hotelzimmern in Brüssel, wo sie bei der EU-Kommission um die Konzession für weitere Camps kämpft. Auch wenn sie erkannt hat, dass Migration nicht zuletzt ein Milliardengeschäft ist und sie nun einen Imageschaden durch die Vorkommnisse um Daniel und Amare befürchtet, hat sie doch das Bestreben, den Bewohnern ihres Flüchtlingslagers das Leben so angenehm wie möglich zu machen.

So wie jene Hélène hier als durchaus ambivalente Figur erscheint, kommen auch alle anderen Hauptcharaktere der Serie wohltuend vielschichtig daher. Der syrische Arzt in Paris, der seiner Frau seine dunkle Vergangenheit verheimlicht, ist kein Schurke, sondern ein zerknirschter Mann, der Angst hat, von seiner Familie verlassen zu werden. Auch das Lehrerehepaar aus Mannheim mit dem nöligen pubertierenden Sohn, das deutsche Willkommenskultur leben möchte, mit der Aufnahme des jungen Syrers aber täglich an die Grenzen seiner Liberalität stößt, ist differenziert gezeichnet. Ob die dezent erotischen Schwingungen zwischen der Frau des Hauses und ihrem Gast nun unbedingt sein mussten, ist eine andere Frage. Gänzlich überflüssig war hingegen eine Szene, in der ein smarter Schweizer Investor in seinem Hotelzimmer mit Hélène telefonierte, während im Bildhintergrund eine nackte Schönheit unter der Dusche stand. Doch solche albernen Ausrutscher blieben hier die große Ausnahme.

Bei ihrer Ambition, das Phänomen der Migration auf private Schicksale herunterzubrechen, verzichteten die Macher der Serie gänzlich auf politische Debatten und ließen Europa als große Einheit erscheinen. Auch Phänomene wie eine grassierende Ausländerfeindlichkeit blieben ebenso außen vor wie Fragen der Religion oder Schreckensbilder aus überfüllten Camps.

Dennoch gelang es Regisseur Dominik Moll, mit den Geschichten aus der Feder von sechs Autoren unter der Leitung von Headwriter Constantin Lieb souverän, aus diesem reduzierten Blickwinkel heraus die Spannung bis zur letzten Folge zu halten. Was nicht zuletzt mit der durchweg guten Besetzung mit internationalen Schauspielern zu tun hatte. Zum Ensemble gehörten – um nur einige zu nennen – Sylvie Testud, Juliane Köhler, Wolfram Koch, Bruno Alexander, Theo Alexander, Joshua Edoze, Adnan Jafar, Diamand Abou Abboud, Maxim Khalil, und Michalis Ikonomou.

Dass „Eden“ dennoch einen gravierenden Makel hatte, ist den Kreativen vor und hinter der Kamera allerdings nicht anzulasten. Auch nicht den sechs beteiligten internationalen Produktionsfirmen. Die Entscheidung, die Serie in einer nahezu durchweg deutsch synchronisierten Fassung auszustrahlen, dürfte in erster Linie bei der ARD gefallen sein. Aus der schlichten Angst, dass die nicht an Untertitel gewöhnten deutschen Zuschauer wegschalten könnten. Da beim Thema Migration mangelnde Sprachkenntnisse auf beiden Seiten aber nun einmal eine tragende Rolle spielen, kam es hier immer wieder zu gänzlich absurden Sequenzen. Da saß beispielsweise Amare bei der französischen Ausländerbehörde einer Mitarbeiterin gegenüber, die ihn in ihrer Muttersprache ansprach. Als der Junge daraufhin nur fragend mit den Schultern zuckte, erklärte sie: „Ach ja, du sprichst kein Französisch.“ Woraufhin die beiden ihr Gespräch in akzentfreiem Deutsch weiterführten.

Wer solche Albernheiten als Zuschauer nicht hinnehmen wollte, dem blieb nur die Arte-Mediathek, wo die in fünf Sprachen gedrehte Serie noch bis zum 31. Mai in der untertitelten Originalfassung zur Verfügung steht. Auch, warum das Erste im Zeichen einer Event-Programmierung an zwei Abenden jeweils drei Folgen der Produktion hintereinander zeigte, dabei jedoch die Abspänne der einzelnen Episoden wegließ, um das Ganze wie einen überlangen zweiteiligen Spielfilm aussehen zu lassen, bleibt einigermaßen rätselhaft. Hatte man da etwa so wenig Vertrauen in die eigene Serie, dass man befürchtete, die Zuschauer könnten bei jedem Abspann gleich zur Fernbedienung greifen?

25.05.2019 – Reinhard Lüke/MK