Domian live. 4-teilige Talkreihe mit Jürgen Domian (WDR Fernsehen)

Hausgemachte Störfaktoren

22.12.2019 •

Die Unsitte ist im Zeitalter der Mobiltelefone weit verbreitet: Wenn man jemandem von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzt und dessen Telefon klingelt, greift der Gesprächspartner flugs zum Handy, wer auch immer am anderen Ende der Leitung ist, er ist in dem Moment offenbar wichtiger als man selbst. Solche Störungen sind im Alltag gang und gäbe, sollten jedoch in einer Fernseh-Talkshow bei einem Gespräch unter vier Augen definitiv nicht vorkommen.

Doch genau das geschah, als Jürgen Domian mit dem allerletzten Gast seines neuen Talkformats sprach, einem Brummi-Fahrer namens Thilo. Der Trucker hatte sich gerade über die zunehmend rohen Sitten auf deutschen Autobahnen beklagt, als sein Gastgeber erklärte: „Ich höre, wir haben einen Anrufer in der Leitung.“ Der Mann am Telefon wollte sich noch nicht mal zur allgemeinen Verkehrssituation, sondern zur Misere der Pflegedienste auslassen, die eine halbe Stunde zuvor in der 60-minütigen Sendung Thema gewesen war. Sensationell Neues beizutragen hatte der Anrufer dazu allerdings nicht. Jedenfalls dauerte das Telefonat so lange, dass Lkw-Mann Thilo anschließend überhaupt nicht mehr zu Wort kam. Wie er sich als geladener Gast dabei gefühlt hat, weiß nur er allein.

Zum Großteil liegt die Ursache für diesen Akt der groben Unhöflichkeit im Konzept des Formats. Bei „Domian live“ will man sich nicht damit begnügen, dass sich der ehemalige Kult-Talker des WDR mit Gästen vor der Kamera unterhält. Darüber hinaus sind auch noch alle Zuschauer aufgefordert, sich über die gängigen Netzwerke, per Mail und eben per Telefon in die Sendung einzuklinken. Diese wohl basisdemokratisch gedachten Elemente mögen gut gemeint sein, erwiesen sich in den vier ersten Ausgaben jedoch in erster Linie als hausgemachte Störfaktoren, zumal, was die beiden Anrufer anging – mehr waren es insgesamt nicht, die durchgestellt wurden –, diese nichts Relevantes zu sagen wussten. Zudem wurde auch das Studiopublikum von Jürgen Domian immer wieder aufgefordert, sich fleißig mit Fragen und Anmerkungen zu Wort zu melden. Wovon aber niemand so recht Gebrauch machen wollte. Deshalb ergriff der Gastgeber mehrfach selbst die Initiative und ging mit dem Mikrofon durch die Reihen, um ein paar belanglose Statements einzuholen.

Und dann kann man sich in die Sendung auch noch via Skype einklinken. Wie jener Patrick, erster Gast der dritten Ausgabe, der sich aus einem Gefängnis auf Bali meldete, wo er wegen Drogenschmuggels einsitzt. Die Verbindung war dabei allerdings so miserabel, dass der Mann kaum zu verstehen war. Trotzdem ließ die Regie den Gesprächsversuch viel zu lange laufen, bevor man das Ganze abbrach, um es später noch einmal zu probieren. Doch auch der zweite Versuch war technisch nicht besser.

Angesichts all dieser Schwierigkeiten täten die Macher der Sendung gut daran, bei der zweiten Staffel des Formats, die es im kommenden Jahr geben soll, auf sämtliche Formen der spontanen Mitsprachemöglichkeiten zu verzichten. Vier Studiogäste binnen einer Stunde sind für einen Moderator definitiv genug. Zumal es sich bei dieser Talkreihe (deren zweite Ausgabe wegen eines Warnstreiks beim WDR samstags statt freitags ausgestrahlt wurde) um ein durchaus gewagtes Experiment handelt. Denn der Gastgeber weiß nichts über seine Gäste, bis sie unmittelbar vor ihm stehen. Und die Eingeladenen wurden mit ihren Geschichten auch nicht von der Redaktion recherchiert, sondern sie haben sich im Vorfeld selbst beim WDR gemeldet. Das Prinzip ist fraglos dem nächtlichen Radioformat geschuldet, das Jürgen Domian 21 Jahre lang moderierte, bevor er sich vor zwei Jahren vorübergehend in den Ruhestand verabschiedete. Wobei die Macher der Fernsehsendung nun jedoch wesentlich länger Zeit haben, die Kandidaten, die sich gemeldet haben, zu casten, bevor sie sie ins Studio einladen.

Wer gedacht hatte, es würden sich womöglich kaum Menschen finden lassen, die unter Aufgabe ihrer Anonymität vor Kameras ihre intimen Geschichten erzählen würden, sah sich von der ersten Folge an eines Besseren belehrt. Da traten Gäste auf, die von ihrem Leben mit unheilbaren Krankheiten oder von überstandenen Lebenskrisen mit Magersucht, Alkoholismus oder ehelicher Gewalt berichteten. Und dann waren da noch eine Frau, die von ihrer abenteuerlichen Flucht aus der DDR im Jahr 1966 erzählte, und ein sichtlich nervöser junger Mann, der behauptete, als Medium mit Verstorbenen in Verbindung treten zu können, aber außer Worthülsen („Alles ist Energie“) nichts zu bieten hatte.

Mit einer 82-jährigen Dame und ihrem Plädoyer für ein selbstbestimmtes Sterben hatte die Redaktion dem Moderator in der dritten Folge sein Lieblingsthema quasi auf dem Silbertablett serviert. Bekanntlich ist Jürgen Domian seit Jahren ehrenamtlicher Unterstützer einer Einrichtung für Palliativmedizin in Köln. Natürlich durften auch Erzählungen von nicht ganz alltäglichen Sexualpraktiken, über zwei Jahrzehnte fester Bestandteil von „Domian“ im Radio, nicht fehlen. Da waren die studierte Psychologin, die unbeschwert über ihren Nebenjob als Domina plauderte, und die 66-jährige Marikka, die von ihrer mehrjährigen Beziehung zu einem jüngeren Mann berichtete, der sie regelmäßig ausgepeitscht habe. „Es war wunderbar“, so ihr Fazit. Als der Moderator sie zum Abschluss fragte, warum sie gekommen sei, um ihm das zu erzählen, antwortete die Seniorin: „Weil ich dich unbedingt sehen wollte. Wenn ich erzählt hätte, was ich gestern gegessen habe, wäre ich doch nie eingeladen worden“. Womit die Dame das Konzept des Formats ziemlich genau auf den Punkt brachte. Wie die Redaktion die S/M-Geschichte auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft hatte, wäre allerdings auch interessant zu wissen.

Jürgen Domian präsentierte sich bei dem Fernsehtalk als Gastgeber so, wie man ihn aus seiner Radiosendung kannte. Mit allen Gästen per Du, sichtbar interessiert an diesen Menschen und ihren Schicksalen und mit seiner eigenen Meinung („Das ist ja ein Skandal“, „Finde ich bizarr“) nicht hinter den Berg haltend. Halt der typische Domian-Sound. Kann man so machen. Nur das mit dem Telefonieren sollte er künftig lassen.

22.12.2019 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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