Doch eine ARD-Dokumentation zur Chronik der Coronakrise – von NDR und WDR

06.07.2020 •

Unter anderem die kurzfristige Absetzung der Dokumentation „Wuhan – Chronik eines Ausbruchs“ war am 26. Juni Thema eines Pressegesprächs beim SWR. Der vom SWR verantwortete Film für die Reihe „Die Story im Ersten“ sollte ursprünglich am 15. Juni um 22.45 Uhr in der ARD ausgestrahlt werden, wurde aber am Sendetag – offiziell wegen Rechteproblemen – aus dem Programm genommen (vgl. MK-Artikel). Thematisiert wurde bei dem Pressegespräch auch die Frage, ob die Dokumentation, die im Wesentlichen rekonstruiert, welche Maßnahmen China seit dem 27. Dezember 2019 gegen das als erstes in der Stadt Wuhan ausgebrochene Coronavirus ergriffen hat, zu einem späteren Zeitpunkt noch gesendet werde. Die Antwort, die SWR-Intendant Kai Gniffke auf diese Frage gab – „Wir sind im Prozess der Aufarbeitung“ –, bezeichnete der Evangelische Pressedienst (epd) in einer Meldung vom 26. Juni als „ausweichend“.

Laut MK-Informationen wird dennoch bald eine „Chronik“ zur Entwicklung der Corona-Pandemie auf dem Sendeplatz „Die Story im Ersten“ zu sehen sein – aber mit einem anderen Schwerpunkt. „Wir arbeiten an einer Dokumentation, die die Ausbreitung der Seuche in verschiedenen Ländern im Zeitverlauf dokumentiert“, sagte Ralf Pleßmann, Sprecher des NDR, auf MK-Nachfrage. Für diese Dokumentation arbeite der NDR mit dem WDR zusammen. Voraussichtliches Sendedatum: Ende August 2020.

„Bislang ist die SZ nicht Teil des Projektes“

Es handle sich um „ein Gemeinschaftsprodukt mehrerer Autorinnen und Autoren, die jeweils für einzelne Länder oder Teilaspekte zuständig sind“, so der NDR-Sprecher weiter: „Redaktionell betreut wird das Projekt vom Ressort Investigation des NDR und der Kulturabteilung des NDR sowie dem Investigativ-Ressort des WDR.“ Auf MK-Nachfrage, ob auch die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) beteiligt sei, die oft mit den Investigativ-Ressorts von NDR und WDR kooperiert, sagte Pleßmann: „Bislang ist die SZ nicht Teil des Projektes.“

In den Druckausgaben der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen zu „Wuhan – Chronik eines Ausbruchs“ zwischen dem 9. und 19. Juni gleich vier Artikel. Der Kern der Kritik: dass die vom SWR beauftragte Produktionsfirma Gebrüder Beetz Bildmaterial der unter staatlicher Kontrolle stehenden chinesischen Filmproduktionsfirma China Intercontinental Communication Center (CICC) verwendet. Im ersten Artikel kritisierte die Autorin Lea Deuber, Korrespondentin der SZ in China, das Projekt bereits, ohne den Film gesehen zu haben.

Die Gebrüder Beetz GmbH beantwortet seit dem 15. Juni keine Medienanfragen mehr. In einer Mail vom 14. Juni kritisierte Geschäftsführer Christian Beetz noch das Vorgehen Deubers: „Am Samstag, den 6. Juni 2020 ging um 19:56:02 Uhr an das Kontaktformular und an die Adresse info@gebrueder-beetz.de ein Fragenkatalog von Frau Deuber mit einer Deadline bis «Sonntag, 7.6.2020, 12 Uhr deutscher Zeit» ein.“ Auf der Homepage der Firma sei „ersichtlich“, dass das Büro am Wochenende nicht besetzt sei, so Beetz weiter: Zum Zeitpunkt der Büroöffnung am Montag um 9.00 Uhr habe der Artikel dann bereits eine Dreiviertelstunde lang online gestanden. Diese Darstellung legt den Eindruck nahe, dass es sich um eine reine Pro-forma-Anfrage handelte, aber kein echtes Interesse darin bestand, die Position der Produktionsfirma im Artikel darzustellen. Der Fall erinnert an eine kurzfristige Anfrage der „Bild“-Zeitung bei dem Virologen Christian Drosten am 25. Mai, über die die Medienöffentlichkeit breit diskutierte.

Befremdlich wirkende Emotionen

Bereits im ersten Artikel schrieb Deuber, dass es durch das Wuhan-Projekt der Gebrüder Beetz „zwischen SWR und NDR zu deutlichen Verstimmungen gekommen sein soll“. Der NDR, der nun eine andere Corona-Chronik plant, ist zuständig für die aktuelle Berichterstattung aus China. Von dort berichten Tamara Anthony (Studioleiterin) und Daniel Satra. Anthonys Vorgängerin war Christine Adelhardt. Sie ist beim NDR nun stellvertretende Leiterin des Ressorts Investigation. Die China-Expertin gehört in dieser Eigenschaft zu den betreuenden Redakteuren der geplanten Dokumentation von NDR (federführend) und WDR. Anthony und Satra seien nicht direkt an diesem Gemeinschaftsprojekt beteiligt, sagte NDR-Sprecher Ralf Pleßmann. Die Autoren der Dokumentation würden „allerdings auf Filmmaterial aus dem Studio Peking zurückgreifen“ und stünden in Kontakt mit den Kollegen vor Ort.

Auf Nachfrage von „epd medien“ (Ausgabe vom 26.6.20), ob die Wuhan-Dokumentation des SWR „gesendet worden wäre, wenn sie nicht vorab in der «Süddeutschen Zeitung» kritisiert worden wäre“, sagte SWR-Justitiar Hermann Eicher: „Das ist möglich.“ Die Absetzung der Dokumentation wiederum sorgte für Emotionen, die auf Außenstehende etwas befremdlich wirken. Lea Deuber berichtete am 16. Juni in der Druckausgabe der SZ: „Innerhalb der ARD wurde die Entscheidung vielfach mit Erleichterung aufgenommen.“ Falls diese Vermutung zutrifft, dann wohl besonders mit Blick auf den NDR.

06.07.2020 – René Martens/MK