Dirk van den Berg: Mekka 1979 – Urknall des Terrors? (Arte/ARD)

Keine plakative These

20.08.2018 • Der Zwischenfall ist nicht allgemein bekannt: Am 20. November 1979 (zwei Wochen nach der islamischen Revolution im Iran) stürmte eine Gruppe Hunderter religiöser Fanatiker schwer bewaffnet die Große Moschee in der saudi-arabischen Pilgerstadt Mekka. Sie nahmen dabei anfänglich etwa 100.000 Pilger als Geiseln und postierten gut ausgebildete Scharfschützen auf den Minaretten. Niemand hatte mit einem solchen Übergriff gerechnet. Die militanten Muslime wollten die saudische Königsfamilie stürzen, um einen islamischen Staat zu errichten. Erst nach zwei Wochen dauernden blutigen Kämpfen mit Tausenden von Toten konnten die Aufständischen überwältigt werden; sie wurden später hingerichtet.

Doch ihre fundamentalistische Botschaft, so die These der Dokumentation „Mekka 1979 – Urknall des Terrors“, war längst schon in der Mitte der saudischen Gesellschaft angekommen. Das erscheint nicht selbstverständlich. Denn zu diesem Zeitpunkt befand sich Saudi-Arabien ja eigentlich auf direktem Weg in die Säkularisierung. Bilddokumente und Erzählungen von Zeitzeugen, darunter des Ex-Geheimdienstchefs des Golfstaats, belegen, wie man in den saudischen Metropolen damals einen westlich-liberalen Lebensstil pflegte. In den Kinos der Hafenmetropole Dschidda, der liberalsten Stadt des Landes, liefen James-Bond-Filme und auf den Straßen konnten unverschleierte Frauen sich unbehelligt bewegen.

Nach der Stürmung der Großen Moschee erfolgte jedoch eine „forcierte Re-Islamisierung“ Saudi-Arabiens, die mit der klandestinen Unterstützung islamistischer Terrororganisationen wie Al-Qaida einherging. Diese These versucht Dirk van den Berg in seinem 45-minütigen Film im Zuge einer vielschichtigen Argumentation zu belegen. Dabei schlägt der Autor einen weiten historischen Bogen von der Entstehung des saudischen Staates über dessen rasanten Aufstieg durch den Reichtum vermittels der Petrodollars bis hin zur arabischen Identitätskrise, die durch die westliche Orientierung hervorgerufen wurde.

Anhand eines Porträts von Dschuhaiman Al-Utaibi – dem auf Bildern gruselig wie ein Zombie aussehenden Anführer der Mekka-Terroristen – verdeutlicht der Film, dass es bei dem Konflikt zunächst gar nicht wirklich um Religion ging. Wie van den Berg ausführt, gelang es Al-Utaibi jedoch, seine machtpolitischen Motive – es ging um eine lange zurückreichende Stammesfehde – in ein fundamentalistisch-religiöses Gewand zu kleiden. Die damalige Krise der arabischen Identität kam ihm dabei zugute. Denn die islamische Gemeinschaft hatte zwei Todfeinde ausgemacht: Sie musste sich gegen den „gottlosen Kommunismus“ auf der einen und die nationalstaatlichen Bestrebungen Ägyptens auf der anderen Seite abgrenzen. Im Zuge fein ziselierter theologisch-geopolitischer Betrachtungen zeichnet der Film nach, wie Al-Utaibi in dieser Gemengelage trotz des Scheiterns seiner Revolte nach seiner Hinrichtung zum Märtyrer und einflussreichem Vorläufer des heutigen ultrakonservativen Salafismus wurde.

Der Film ist überaus komplex. Dirk van den Berg verbindet authentische Videoaufnahmen von der Belagerung der Großen Moschee mit Archivmaterial und Interviews, in denen prominente Zeitzeugen sowie involvierte Diplomaten und Soldaten die damalige Situation beschreiben. Um der wortlastig vermittelten Thematik zu folgen, ist Aufmerksamkeit erforderlich. Leichter zugänglich als die 52-minütige kürzere Version des Films, die am 21. August bei Arte lief, war in diesem Fall die rund 20 Minuten längere Version, die eine Woche später im Ersten Programm der ARD gezeigt wurde.

Zur Aufarbeitung der Geschehnisse in Mekka 1979 zählt auch der militärische Aspekt. Aufschlussreich sind hier die Erzählungen französischer Elitesoldaten, Angehörige sozusagen einer französischen Version der deutschen Spezialeinheit GSG 9. Vor der Kamera erklären diese Veteranen, wie sie seinerzeit „den gesamten französischen Vorrat“ an Tränengas nach Saudi-Arabien einflogen, um die Aufständischen, die sich in die Katakomben der Moschee zurückgezogen hatten, auszuräuchern. Nachdem die Operation gegen die Terroristen erfolgreich abgeschlossen worden war, konnten die französischen Soldaten nur mit knapper Not das Land wieder verlassen – weil es eigentlich „keine Mitwisser“ von der blutigen Niederschlagung dieses Aufstands geben sollte, mussten sie befürchten, beseitigt zu werden. Die Geschichte in all ihren Details ist abenteuerlich.

Dass die Revolte in Mekka nun tatsächlich die Ursache für dschihadistische Terroraktionen der Gegenwart sein könnte, behauptet der Film – abgesehen davon, dass es im grellen Überschriftenteil „Urknall des Terrors?“ trotz des Fragezeichens zumindest suggeriert wird – nicht konkret. Trotzdem hält das Arte-Programmheft es für nötig, sich in der Ankündigung vom eigenen Beitrag in diesem Punkt zu distanzieren: „Die Sichtweise ist freilich umstritten.“ Etwas rätselhaft ist auch, warum der Film, der im Abspann auf das Jahr 2018 datiert ist, im Arte-Programmheft als Produktion aus dem Jahr 2015 ausgewiesen wird.

Interessant ist die Dokumentation, weil sie sich gerade nicht auf eine einzige plakative These reduzieren lässt. Sie zeichnet nach, wie das salafistische Gedankengut von heute historisch wachsen konnte. „Mekka 1979 – Urknall des Terrors?“ (K2 Productions/OutreMer Film) ist ein sperriger, nicht leicht zugänglicher, dabei aber aufschlussreicher Film. Obwohl die Kritik an Saudi-Arabiens Verstrickung in den islamistischen Terror nur sehr zurückhaltend angedeutet wird, gelingt dem Dokumentaristen ein relevanter Beitrag zu dieser Thematik.

27.08.2018 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 22/2018

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