Dirk Blumenthal/Jochen Grabler/Dennis Leiffels: Bedingt abwehrbereit – Terroralarm am Wochenende. Reihe „Die Story im Ersten“ (ARD/Radio Bremen) 

Überreaktionen und Versäumnisse

24.07.2015 •

Es geht um einen Polizeieinsatz in Bremen. Mit ihrem Titel „Bedingt abwehrbereit“ spielt diese Dokumentation auf die vielzitierte Schlagzeile des „Spiegel“-Artikels an, der 1962 die sogenannte „Spiegel“-Affäre auslöste. Dieser Artikel beschäftigte sich damals kritisch mit dem schlechten Zustand der Bundeswehr; der aktuelle Film aus der Reihe „Die Story im Ersten“ bezieht sich hingegen auf einen kritikwürdigen Zustand der Bremer Polizei. Es geht um die Vorgänge am 28. Februar dieses Jahres, als in Bremen Terroralarm ausgelöst wurde, und um das, was politisch darauf folgte. Denn der Einsatz der Bremer Polizei an diesem Tag führte zu massiven Eingriffen in das Alltagsleben der Bürger, ohne dass am Ende die potenziellen Attentäter gefasst oder die vor Ort vermuteten Kriegswaffen entdeckt worden wären.

Absurd erscheint den drei Filmemachern die Tatsache, dass trotz der offensichtlich vorhandenen Gefährdungslage am nächsten Tag bei zwei Sportgroßveranstaltungen in der Stadt keinerlei zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden. Obwohl die Razzien am Vortrag keine positiven Ergebnisse hatten, war schon anderntags der Spezialeinsatz für beendet erklärt worden. Hätten also tatsächlich, wie vermutet, islamistische Terroristen einen Anschlag in Bremen geplant, sie hätten noch jede Möglichkeit dazu gehabt.

Doch der Film befasst sich nicht nur mit diesen beiden Tagen. Sie bilden gleichsam nur den Vorspann zum eigentlichen Thema, nämlich die politischen Nachwirkungen des Einsatzes. Denn trotz der teils sehr martialischen Präsenz schwer bewaffneter Polizisten in der Innenstadt, wie die Bilder eindrücklich zeigen, unterlaufen den Bremer Beamten entscheidende Fehler beispielsweise bei der Observierung der in Verdacht stehenden Moschee. Somit handelt es sich hier also sowohl um Überreaktionen als auch um Versäumnisse, die in der Kritik stehen.

Die Polizei hat demnach gleichzeitig zu viel und zu wenig getan. Aber auch der Film scheint in einem Dilemma zu stecken, indem er Überreaktionen und Versäumnisse zugleich anprangert und sich außer­dem nicht richtig entscheiden kann, die Polizei deswegen anzuklagen oder Verständnis für deren Verhalten zu zeigen. Der sehr umfangreiche Kommentar aus dem Off gerät oft in Gegensatz zu den dramatischen Bildern vom Polizeieinsatz. Denn der Kommentar versucht in einem erklärenden Duktus das Verhalten der Bremer Polizei nicht aus der Sache heraus zu rechtfertigen, sondern eher historisch, indem er durch die Vorgeschichte das Verhalten der Beamten zu erklären sich bemüht. Bremen nämlich sei eine Hochburg der Salafisten, in keiner deutschen Stadt seien so viele junge Leute für den „Heiligen Krieg“ der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) rekrutiert worden. Konkrete Hinweise vom Verfassungsschutz hätten vermuten lassen, dass schwerbewaffnete Islamisten sich auf dem Weg nach Bremen befänden und die Gefahr eines Terroranschlags gegeben wäre.

Um das Verhalten der Bremer Polizei plausibel zu machen, geht die Dokumentation zum Beispiel bis ins Jahr 2006 zurück: Das war das Jahr, in dem Murat Kurnaz nach mehrjähriger Haft als unschuldig Verdächtigter aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo nach Bremen zurückkehrte. Ein konkreter Zusammenhang mit dem aktuellen Terroralarm wird jedoch nicht hergestellt. Dann werden im Film bezüglich der Jahre 2003, 2007, 2009, 2011, 2012 und 2014 akribisch alle Ereignisse aus der islamistischen Terrorszene aufgelistet, die mit Bremen irgendwie in Verbindung stehen. Und schließlich sei das Versagen der örtlichen Polizei auch darauf zurückzuführen, dass das eigens für solche Fälle in Berlin installierte Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ), eine von Bund und Ländern gemeinsam geschaffene Stelle, an jenem Wochenende nicht besetzt gewesen sei.

Die politischen Folgen dieses missglückten Polizeieinsatzes werden dann erzählt mittels einer Abfolge von Ausschnitten aus Pressekonferenzen und Interviews. So zitiert der Film aus Pressekonferenzen wie der des Islamischen Kulturzentrums am 3. März in Bremen, auf der das zu harte Vorgehen der Polizei beklagt wird, und zeigt darüber hinaus natürlich auch Ausschnitte aus den diversen Pressekonferenzen, die der Bremer Innensenator und der Polizeipräsident gegeben haben. Abgeordnete der Bremer Bürgerschaft kommen zu Wort, die sich in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss darum bemühen, die Vorgänge aufzuklären. In weiteren Interviews werden nicht nur Politiker aus Bremen, sondern auch BKA-Chef Holger Münch und Bundes­innenminister Thomas de Maizière (CDU) befragt.

Weil aber solche Bilder offensichtlich dramaturgisch gesehen zu wenig hergeben, werden immer wieder Ausschnitte von Propaganda-Videos des IS dazwischengeschnitten. Und am Schluss des Films (970.000 Zuschauer, Marktanteil: 8,1 Prozent) folgt noch schnell der Hinweis des Kommentators, dass das Bremer Landgericht inzwischen die Durchsuchung der Moschee des Islamischen Kulturzentrums für unrechtmäßig erklärt habe, ohne auf die Begründungen des Gerichts für diese Entscheidung näher einzugehen. Fazit: Man gewinnt den Eindruck, nicht nur die Polizei sollte ihre diesbezüglichen Einsatzpläne optimieren, sondern auch der journalistische Umgang mit einer solchen Thematik ist verbesserungsbedürftig.

24.07.2015 – Brigitte Knott-Wolf/MK