Dietrich Duppel/Nadine Neumann: Geheimmission Tel Aviv. Wie Fußball die Geschichte veränderte (ARD/WDR/NDR)

Gekonnt Geschichte aufgeblättert

26.02.2020 •

Dokumentationen, die einen runden Jahrestag zum Anlass haben, wirken oft genug uninspiriert – als ob die Filmemacher lediglich eine Pflichtaufgabe hinter sich brächten. Für die Produktion „Geheimmission Tel Aviv“, so viel kann man schon mal vorwegnehmen, gilt das nicht.

Der Anlass dieses Films ist der 50. Jahrestag eines Fußballspiels: Am 25. Februar 1970 traf im Bloomfield-Stadion in Tel Aviv die israelische Fußballnationalelf auf das Team des Bundesligisten Borussia Mönchengladbach – ein Spiel, das die miteinander befreundeten Trainer beider Mannschaften, Emanuel „Eddy“ Schaffer auf israelischer und Hennes Weisweiler auf Gladbacher Seite, Jahre lang geplant hatten.

Die WDR/NDR-Koproduktion rekapituliert die historische Bedeutung des Spiels – und die politischen Rahmenbedingungen jener Tage, die beinahe dafür gesorgt hätten, dass diese sportliche Begegnung gar nicht stattgefunden hätte. Der anti-israelische Terrorismus erlebte seit dem aus der Sicht Israels erfolgreichen Sechstagekrieg vom Juni 1967 eine Hochphase. Kurz vor der geplanten Reise der Gladbacher versuchten in München Terroristen zweimal, israelische Flugzeuge zu entführen. Am 13. Februar 1970 sterben in München sieben Menschen bei einem bis heute nicht aufgeklärten Brandanschlag auf ein jüdisches Seniorenheim, darunter auch Überlebende der nationalsozialistischen Vernichtungslager.

Scheitert das Spiel, weil der Flug ein zu großes Sicherheitsrisiko für die Gladbacher Mannschaft mit sich bringt? Am 23. Februar – am Tag, als die Maschine mit den Fußballern starten soll – verfügt ein Mitarbeiter des Außenministeriums ein kurzfristiges Startverbot. Eine missliche Situation für die Bundesregierung, denn an jenem Tag ist mit Abba Eban erstmals ein israelischer Außenminister in der Bundesrepublik zu Gast. Wäre das erste Spiel einer deutschen Profifußballmannschaft auf israelischem Boden zu diesem Zeitpunkt abgesagt worden, wäre das ein „Gesichtsverlust für die deutsche Politik“ gewesen, sagt der Sporthistoriker Lorenz Peiffer, Mitherausgeber des Buchs „Sportler im ‘Jahrhundert der Lager’. Profiteure, Widerständler und Opfer“, in dem auch ein Beitrag Eddy Schaffer (1923-2012) gewidmet ist.

Das erste Drittel des 45-minütigen Films „Geheimmission Tel Aviv“ (610.000 Zuschauer, Marktanteil: 5,4 Prozent) erzählt vor allem die Biografien der befreundeten Fußballtrainer Weisweiler und Schaffer. Dietrich Duppel (Buch/Regie) und Nadine Neumann (Buch) gelingt es dann, diese Freundschaftsgeschichte mit einer Vielzahl von Themen zu verweben: die beginnende Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik der 1960er Jahre; die Entwicklung der deutsch-israelischen Beziehungen in dieser Zeit; die vom anti-israelischen Terrorismus ausgehende Bedrohung; die in Deutschland wenig geläufige Geschichte des israelischen Fußballs; die frühe Erfolgsgeschichte Borussia Mönchengladbachs, die 1965 mit dem Aufstieg in die Bundesliga begann.

Allein schon die Lebensgeschichte des in Recklinghausen aufgewachsenen Eddy Schaffer böte Stoff für einen separaten Film. Wie kommt jemand, dessen Vater, Mutter und Schwestern von den Nazis ermordet wurden, dazu, 1958 aus Israel nach Deutschland zurückkehren, um dort seinen Trainerschein zu machen? Schaffer wollte unbedingt bei Hennes Weisweiler ausgebildet werden, der zu jener Zeit Lehrgänge an der Sporthochschule in Köln leitete. Schaffers Frau Shoshana war, wie dem Film zu entnehmen ist, „entsetzt“. Sie konnte „nicht im Land der Täter leben“ – deshalb kehrte das Paar kurz nach der Ausbildung zurück nach Israel.

Vom Spiel selbst, das die Borussia mit 6:0 gewann, existieren nur Super-8-Aufnahmen aus dem privaten Archiv des früheren Gladbacher Stürmers Herbert Laumen, der während der Reise gefilmt hatte. Angesichts des heutigen Überangebots an Fußball im Fernsehen wirkt es geradezu grotesk, dass bei dem Spiel kein professionelles Filmteam im Stadion war.

Während dem Fernsehen die Bedeutung dieser historischen Premiere nicht bewusst war, war den Spielern der Gladbacher offenbar klar, dass es sich hier um kein gewöhnliches Freundschaftsspiel handelte. Es war vielleicht „eines der besten Spiele, die wir je gemacht haben“ (Herbert Laumen) beziehungsweise „das großartigste Spiel, das Israel je gesehen hat“. Letzteres sagt Mordechai Spiegler, der damals für die unterlegene Elf auflief und bis heute einer der populärsten Fußballer Israels ist. Die qualitativ bescheidenen Filmaufnahmen von der Begegnung lassen allerdings keinen Rückschluss auf die Leistung der Borussia zu.

Kleinere Schwächen des Films seien nicht verschwiegen. „Historiker und Politiker sind sich darin einig, dass dieses Spiel der Wendepunkt in den deutsch-israelischen Beziehungen war“, heißt es an einer Stelle. Das klingt dann doch ein bisschen zu märchenhaft. Hätte es nicht gereicht zu sagen, dass Günter Netzer, Berti Vogts & Co. drei Jahre früher im Land waren als Willy Brandt? Aber schon mit dem Untertitel des Films – „Wie Fußball die Geschichte veränderte“ – wurde ja ziemlich dick aufgetragen. Und es greift auch etwas kurz, wenn die Autoren mit Bezug auf den Sechstagekrieg sagen: „Der Krieg stärkt das Selbstbewusstsein der Israelis, doch der Nahostkonflikt ist bis heute nicht gelöst.“ Generell hätte es dem Film gutgetan, wenn man hier mal auf einen Off-Text-Satz und dort mal auf ein Archivbild verzichtet hätte.

Das aber sind lässliche Schwächen angesichts dessen, wie überwiegend gekonnt hier eine Geschichte aufgeblättert wird, die bisher vor allem einem kleinen Kreis von Fachleuten geläufig war, der sich mit der jüdischen beziehungsweise israelischen Sporthistorie beschäftigt. Der Film „Geheimmission Tel Aviv“ (Redaktion: Matthias Werth/WDR, Marc Brasse/NDR; Produktion: Reinhardt Beetz) animiert dazu, sich mit zahlreichen Einzelaspekten der hier erzählten Geschichte intensiver zu beschäftigen. Das ist für eine Dokumentation ja kein geringes Lob.

26.02.2020 – René Martens/MK