Die Carolin-Kebekus-Show. 8‑teilige Comedy‑Reihe (ARD/WDR)

Viel Luft nach oben

24.06.2020 •

Humorarbeiter wie Comedians und Kabarettisten und haben es in diesen Corona-Zeiten auch nicht eben leicht. Öffentliche Auftritte sind weitgehend untersagt und all die Programme und Gags, die sie vor ein paar Monaten geschrieben haben, könnten sie getrost wegwerfen, da kaum vorstellbar ist, irgendwann wieder auf einer Bühne zu stehen, ohne über die Viruskrise zu reden. Auch wenn Carolin Kebekus wegen ihrer Fernsehpräsenz kaum Geldsorgen haben dürfte, litt auch ihre neue Show merklich unter den leidigen Restriktionen: eine aufgezeichnete Studiosendung ohne Publikum und Band und mit Lachern und Applaus vom Band. Was für eine Frau, die man aus „Pussy Terror TV“ kennt, denkbar schlechte Voraussetzungen sind.

Die Comedy-Show „Pussy Terror TV“ lief ab 2015 zunächst im Dritten Programm WDR Fernsehen (vgl. MK-Kritik). Sie war dann ab 2016 bis Mitte vorigen Jahres im Ersten Programm der ARD zu sehen. Anfangs wurde die Show in einer ehemaligen Kölner Industriehalle, später in einem Studio mit Live-Band auf der Bühne jeweils vor Publikum aufgezeichnet. Das waren Rahmenbedingungen, die den Begabungen der Komödiantin, der man mit der Klassifizierung Rampensau gewiss nicht zu nahetritt, entgegenkamen. Nun also neu: „Die Carolin-Kebekus-Show“. Und dafür gab es den Wechsel in ein vergleichsweise kleines und steriles Studio, der aber weniger mit Corona zu tun haben dürfte denn mit dem Produzentenwechsel der Entertainerin von Brainpool zur Bildundtonfabrik (BTF). Letztere steht nicht nur, aber vor allem für sämtliche Sendungen mit Jan Böhmermann.

Gleich zu Beginn ihrer neuen, weiterhin in Köln produzierten Show erklärte Kebekus ihre Genugtuung darüber, dass sie nun endlich eine Sendung mit ihrem vollen Namen im Titel habe: „Du bist jetzt alt genug. Da ist mal gut mit Pussy.“ Doch kaum mochte man als Zuschauer beipflichten, dass die Beibehaltung der rotzigen Teenager-Attitüde im Titel für eine 40-Jährige in der Tat etwas altbacken gewirkt hätte, jubilierte die Komikerin über das Kürzel ihrer neuen Show: „DCKS“, was sie natürlich „Dicks“ aussprach, woraufhin sie gleich explizierte, das sei ja nun mal ganz was anderes als „Pussy“. Und mit diesem Kalauer war sie dann prompt doch wieder albern im Genitalbereich gelandet.

Anschließend arbeitete sie sich in der Premierensendung anhand von Fundstücken aus dem Netz und traditionellen Medien am Thema Corona ab. Sex-Tipps von der „Tagesschau“-Redaktion, Warnung vor Hängebusen durch Homeoffice oder die Bedrohung der Kopfläuse wegen der Kontaktsperre. Weshalb die Komikerin ein Laus-Aid-Konzert anregte und das irgendwie witzig meinte. Ja, auch vor Verschwörungstheoretikern wurde gewarnt („Das ist doch alles Bullshit, fallt da bitte nicht drauf rein!“), und die Tradwives nahm Kebekus ebenfalls ins Visier, also jene vor allem in den sozialen Netzwerken präsente Bewegung, in der Frauen sich für das (frühere) traditionelle Rollenbild als Hausfrau und Mutter starkmachen.

Was dazu folgte, war ein langer Erklärteil über die Entstehung dieses Frauenbildes in der Nachkriegszeit, der auch im Schulfernsehen seinen Platz gefunden hätte. Dass die Redaktion es witzig fand, dazu Plakate aus den fünfziger Jahren mit Hausfrauen in High Heels am Bügelbrett einzublenden und diese Bilder in Anlehnung an einen Mickie-Krause-Gassenhauer mit „Geh doch nach Hause, du alte Scheide!“ zu garnieren, machte die Sache kaum besser. Überhaupt will Carolin Kebekus auch künftig von spätpubertären Scherzen rund um die Geschlechter nicht lassen: „Derzeit bleibt zu viel an den Frauen hängen. Ich meine jetzt nicht die Titten.“

Und bevor Clueso zum Finale im Studio noch sein neues Lied vortragen durfte, erschien Motsi Mabuse als Talkgast. Die südafrikanisch-deutsche Tänzern und Jurorin aus der RTL-Show „Let’s Dance“ sprach sich für eine stärkere Präsenz von Menschen mit Migrationshintergrund im deutschen Fernsehen aus und durfte dann gegen Kebekus in einem gänzlich albernen Spiel, in dem drei Sangeskünstler im Homeoffice nach Art der Pro-Sieben-Show „The Masked Singer“ Darbietungen ablieferten, deren Identität erraten.

In der zweiten Ausgabe war es an Gast Mark Forster, nach ein wenig Smalltalk („Konntest du in der Corona-Pause kreativ sein?“) an einem ähnlich belanglosen Spielchen teilzunehmen. Diese Rubrik der neuen Show sollte man umgehend wieder streichen. Ähnliches gilt für das Duo Larissa und Rebecca, eine Übernahme aus „Pussy Terror TV“, in der Kebekus und Martina Hill in Einspielern zwei unterbelichtete YouTuberinnen geben. Solche Dumpfbacken-Parodien mögen in den 1990er Jahren mit Anke Engelkes Miniformat „Ricky’s Popsofa“ in der „Wochenshow“ (Sat 1) ihren Unterhaltungswert gehabt haben, sind aber heutzutage vornehmlich öde.

Unter dem Strich blieb da nach den ersten beiden Ausgaben der „Carolin-Kebekus-Show“ jedenfalls viel Luft nach oben. Ob sich das noch wesentlich bessert, wenn die Entertainerin irgendwann wieder auf Studio-Band und Publikum setzen kann, bleibt abzuwarten. Das Scherz-Niveau dürfte dadurch jedoch kaum gehoben werden. Aber vielleicht gelingt es den Programmplanern des Ersten ja irgendwann wenigstens, der donnerstags ausgestrahlten, 45-minütigen Show einen festen Sendeplatz zu geben. Fand die Premiere zur absurden Zeit um 23.30 Uhr statt, ging die zweite Ausgabe, weil wieder mal ein „ARD-Extra“ zur Corona-Lage ausgestrahlt wurde, statt planmäßig um 22.45 Uhr erst um 23.12 Uhr auf Sendung. Und sollte Carolin Kebekus gehofft haben, mit der dritten Folge sollte es mit der Pünktlichkeit aber nun wirklich klappen, wurde sie einmal mehr enttäuscht. Wegen der 15-minütigen Sondersendung „Farbe bekennen“, in der Kanzlerin Angela Merkel zum an diesem Tag beschlossenen Konjunkturprogramm Stellung nahm, durfte die Komikern am 4. Juni erst um 23.00 Uhr ran.

Doch dann sorgte diese dritte Ausgabe der Show überraschend doch noch für öffentliches Aufsehen. Kebekus monierte, dass es im Ersten in Anbetracht der weltweiten Anti-Rassismus-Proteste nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd noch keinen „ARD-Brennpunkt“ zu dem Thema gegeben habe und übergab dann mit den Worten „Dann machen wir jetzt einfach einen“ an Shary Reeves. Die schwarze Moderatorin („Wissen mach Ah!“, ARD/WDR/Kika) begrüßte die Zuschauer „im Ersten Weißen Deutschen Fernsehen“ und erklärte, Rassismus sei bekanntlich auch ein deutsches Thema.

Es folgten eindrückliche Videostatements, in denen mehr oder minder bekannte Menschen vom Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby über den Schauspieler Tyron Ricketts bis zum Ex-Fußballprofi Patrick Owomoyela von ihren einschlägigen Erfahrungen mit gegen sie gerichtetem rassistischen Verhalten in Deutschland berichteten. Mit diesen Videostatements begann die Sendung, die eigentlich eine Comedy-Show ist, und es war ein ungewöhnlicher, auffällig langer Sendeblock. Und genau darauf ging Shary Reeves nachher ein: Die Passage mit den Statements sei genau 8 Minuten und 46 Sekunden lang gewesen und damit genau so lang, wie der Polizist in Minneapolis sein Knie in den Nacken von Georg Floyd gepresst habe, was zum Tod des Verhafteten geführt hatte. Der Sendeblock erinnerte unwillkürlich an die Aktion von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die unlängst bei Pro Sieben 15 Minuten ihrer Sendezeit Sophie Passmann überließen, die einen „Männerwelten“ betitelten und vielbeachteten Beitrag zum Thema sexuelle Belästigung von Frauen moderierte.

Nach dem bemerkenswerten „Brennpunkt“ gab es in der dritten „Carolin-Kebekus-Show“ dann unter anderem einen witzlosen Einspieler, in dem Kebekus und Annette Frier wegen Corona in begehbaren Großluftballons durch Köln taperten und einmal mehr einen Erklärteil in Manier des Schulfernsehens, diesmal über die Geschichte westlicher Hochzeitstraditionen. Als Talkgast war die NDR-Journalistin Anja Reschke („Panorama“) eingeladen, die immerhin kein albernes Spiel mit der Gastgeberin spielen musste. Und gesungen wurde auch nicht. Bei der vierten Ausgabe der Show klappte es dann endlich einmal mit dem regulären Beginn. Sie wurde zu der Uhrzeit ausgestrahlt, die planmäßig für die Sendereihe vorgesehen ist: 22.45 Uhr, nach den ARD-„Tagesthemen“.

24.06.2020 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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