Detlef Michel/Urs Egger: Böses Erwachen (ZDF)

Intelligente Komödie

23.04.2010 •

Zweimal hintereinander ist auf der ZDF-Leiste „Fernsehfilm der Woche“ nun ein Film gesendet worden, dessen Drehbuch von Detlef Michel stammt: Zunächst war es „Ungesühnt“ (vgl. Kritik in FK-Heft Nr. 15/09), ein Thriller, in dem – wie jetzt in „Böses Erwachen“ – eine Frauenfigur in der Hauptrolle als Rächerin auftritt. Michel schreibt seit über 30 Jahren Drehbücher fürs ZDF (seit „Der unanständige Profit“ aus dem Jahr 1977, entstanden im Auftrag der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“).

Im Jahr 2008 erhielt Detlef Michel den Bayerischen Fernsehpreis als Autor des Films „Eine folgenschwere Affäre“. Bei dieser 2007 ebenfalls als „Fernsehfilm der Woche“ ausgestrahlten Produktion handelte es sich um einen Krimi, in dem der Mord an einer jungen Frau von einem Kommissar aufgeklärt werden soll, dessen heimliche Geliebte sie war. Das nur wenige Minuten lang in diesem Film zu sehende Opfer wurde seinerzeit von Lisa Martinek verkörpert, die nun in „Böses Erwachen“ (einer Koproduktion von ZDF und ORF) die Hauptrolle spielt und die in luxuriösen Verhältnissen lebende Künstlerin Birgit Amberg darstellt.

Es geht auch hier wieder um einen vertrackten Kriminalfall, nur diesmal nicht als spannender Thriller inszeniert, sondern als schwarze Komödie. Die Hauptdarstellerin wandelt sich von einer gutgläubigen, weltfremden Gattin, die ahnungslos von ihrem Mann Frederik betrogen und um ihr Geld gebracht wird (eine Rolle, die Uwe Ochsenknecht nahezu auf den Leib geschrieben ist), zur raffinierten Frau, die die Kriminalpolizei an der Nase herumführt. Dann wird sie gar zum Racheengel an ihrem unbelehrbaren, weiterhin seitensprungaffinen Mann, den sie letztlich – als er bewegungsunfähig im Rollstuhl sitzt – ihrerseits betrügt, und zwar ausgerechnet mit dem in ihrem Fall ermittelnden Kommissar. Ein solches Wechselspiel zwischen Opfer und Täter, das der Autor in vielen seiner Drehbücher thematisiert, einmal in Form einer Komödie durchzuspielen, ist besonders reizvoll.

Der in Wien spielende Film lebt vom Gegensatz nicht nur von Mann und Frau, von durchtrieben und naiv, sondern es stehen sich auch zwei Paare gegenüber, die deutlich aus zwei unterschiedlichen sozialen Schichten kommen. Dem Paar Amberg aus der Oberschicht – er Besitzer eines Autosalons für Luxuslimousinen, sie Violonistin in einem Symphonieorchester – steht das Paar Weber aus der Unterschicht gegenüber – er Dialekt sprechender, gegenüber seiner Frau gewalttätiger Prolet und Choleriker (Johannes Krisch), sie Angestellte in einem Baumarkt (Nina Proll). Spielt sich das Doppelleben des Paares Amberg vor dem Hintergrund einer verlogenen Idylle mit Villa und Swimmingpool ab, so entlädt sich der Beziehungskonflikt beim Paar Weber in handfesten und lautstarken Auseinandersetzungen.

Beide Paare treffen aufeinander, weil Ilona Weber die heimliche Geliebte von Frederik Amberg ist. Die zwei Frauen werden nun jeweils mitschuldig an dem Tod und dem Unfall ihrer Männer. Sie finden sich daraufhin zusammen, um die Polizei zu täuschen, die ihrerseits im Duo auftritt: hier der sensible, gepflegte Kommissar (Max von Thun), zuständig für die Ermittlungen im Fall Amberg, und dort die harte, grob auftretende, aber klassische Musik liebende Kommissarin (Sophie Rois), zuständig in Sachen Weber.

Überraschungen und unerwartete Wendungen gehören zur Komödie, sie darf sich mehr Freiheiten gegenüber dem Realitätssinn erlauben, als es sonst im Genre des populären TV-Krimis üblich ist. Dieser Komödie liegt dennoch ein stringentes Erzählkonzept zugrunde, das sich ziemlich exakt in 15-Minuten-Schritten aufteilen lässt: Zunächst werden die beiden in sehr unterschiedlichen Sphären lebenden Paare im Wechsel vorgestellt, und es dauert genau 15 Minuten, bis sich das erste Mal ihre Wege kreuzen.

Nach einer weiteren Viertelstunde sind die Ereignisse abgeschlossen, die den Kern des Films ausmachen: Beide Ehemänner sind außer Gefecht gesetzt und die Polizei ist in Gestalt von zwei ermittelnden Beamten in die Handlung eingetreten. Dann dauert es wiederum etwa 15 Minuten, bis sich die beiden Frauen zusammentun, nach weiteren 15 Minuten öffnet der im Krankenhaus im Koma liegende Frederik Amberg überraschend seine Augen und erholt sich wider Erwarten von seinem Sturz aus einem Fenster. Frederik braucht dann nochmals rund eine Viertelstunde, ehe er – trotz seine Beteuerungen, sich gebessert zu haben – wieder ein neues Verhältnis beginnt (diesmal mit seiner Krankengymnastin), was dann das – letztlich doch überraschende – Finale einläutet.

Den schwierigsten Part in diesem Film (Regie: Urs Egger) hat zweifellos Lisa Martinek in der Rolle der Birgit Amberg zu spielen. Sie ist diejenige, die die Handlung vorantreibt. Das Drehbuch hat ihr aber eher einen passiv-unterkühlten, auf Intellektualität setzenden Charakter zugeschrieben, was ihre schauspielerischen Entfaltungsmöglichkeiten einschränkt und auch nicht ganz zu ihrer Rolle als Musikerin passt. So handelt es sich bei „Böses Erwachen“ (5,22 Mio Zuschauer, Marktanteil: 16,5 Prozent) um eine intelligente Komödie mit hohem formal-spielerischen Anspruch und guten Schauspielern, die jedoch – gemessen an den heutigen Erwartungen an Fernsehkomödien – emotional zu unterkühlt und in der Erzählweise zu ruhig geraten ist.

• Text aus Heft Nr. 16-17/2010 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

23.04.2010 – Brigitte Knott-Wolf/FK

Wechselspiel zwischen Opfer und Täter: Dies, wie in diesem Film, einmal in Form einer Komödie durchzuspielen, hat seinen besonderen Reiz

Foto: Screenshot


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