Der Melancholiker aus München: Der „Polizeiruf 110“ zum letzten Mal mit Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels

14.12.2018 •

„Schön war’s nicht bei Ihnen!“, sagt Anna, Meuffels Ex-Assistentin, und blickt ihn herausfordernd an. Er lächelt, ihm gefällt, wie Anna redet, ihre direkte Art. Sie sprechen über seine Wutanfälle, die Meuffels, der eigentlich die Zurückhaltung und Schüchternheit in Person ist, gelegentlich haben konnte und immer noch haben kann, und man spürt, dass Anna diesen eigensinnigen Sturkopf von Chef doch ganz gern gemocht hat.

Bei seinen ersten fünf Fällen (2011 bis 2013) war Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) Meuffels’ Assistentin, jetzt, bei seinem 15. und letzten Einsatz begegnen sie einander zufällig im Park. Sie sitzen auf einer Parkbank, rauchen Zigaretten wie Friedenspfeifen, erinnern sich, Anna murmelt: „Ist ja kein Beruf, sowas!“, und fügt sogleich, seinem erstaunten Blick antwortend, hinzu: „Das haben Sie gesagt!“

Ja, das hat er immer wieder mal in Momenten des Selbstzweifels gesagt. Und nun, nach acht Dienstjahren, quittiert der bei Publikum und Kritik hochgeschätzte und beliebte Matthias Brandt alias Hauptkommissar Hanns von Meuffels seinen Dienst bei der Münchner Kripo und scheidet damit aus den vom Bayerischen Rundfunk (BR) kommenden Krimis der ARD-Reihe „Polizeiruf 110“ aus. Die Folge am 16. Dezember 2019 mit dem Titel „Tatorte“ bedeutet seinen Abschied. Dabei präsentiert Christian Petzold (Buch/Regie) in seinem letzten Fall einen Meuffels, dem alles zu entgleiten droht, vom Gang der Mordermittlungen bis zu seiner Liebesgeschichte mit der Kollegin Constanze Hermann (Barbara Auer).

Schlussfolge mit dem Titel „Tatorte“

Wobei Petzold die melancholischen und tragischen Momente der Geschichte mit Ironie und allerlei bunten Reminiszenzen ausbalanciert. Das beginnt mit dem kuriosen, neidvoll-anerkennend auf die erfolgreichste Krimiserie des deutschen Fernsehens verweisenden Titel „Tatorte“ und endet mit einem Laurel-und-Hardy-Slapstick-Zitat, einer rührend komischen und herrlich happy-end-tauglichen Szene aus „Blockheads“, in der Ollie den schwerverletzten Stan auf Armen trägt.

Dass der Tatort in „Tatorte“ ein Autokino-Parkplatz ist, ergibt nicht nur eine hübsche Kinoreferenz, sondern erinnert auch daran, dass dieses Aschheimer Autokino bereits in Wim Wenders’ Film „Alabama“ (1969) magischer Krimischauplatz war. Jetzt, bei der aktuellen Tatortbesichtigung, begegnet Meuffels hier seiner neuen Assistentin Nadja Micoud (Maryam Zaree), die klug, eifrig-übereifrig und stolz darauf ist, dass sie Meuffels zugeteilt wurde. Sie erklärt ihm die Ergebnisse der bisherigen Spurensuche – und kriegt sogleich seinen Spott ab. Denn sie duzt die lieben Kollegen der Spurensicherung, pflegt einen Ton kollegialer Vertrautheit, der Meuffels missfällt:

Er: Wir haben’s mit Vornamen?!

Sie: Ist doch netter!

Er: Ist wie Ikea.

Meuffels hasst hemdsärmelige Kumpanei und es ist ihm völlig egal, wenn ihm das als Arroganz ausgelegt wird. In allen seinen Fällen hat er das zur Geltung gebracht, am deutlichsten in der Folge „Morgengrauen“ (Regie: Alexander Adolph), in der er mit einem Kollegen aus Wien zu tun hat, der als Prototyp aufdringlicher, vulgärer und übergriffiger Kumpelei nur hassenswert sein kann. Dass Meuffels in jeder Lebenssituation, ob beruflich oder privat, erst einmal auf Distanz geht, hat nichts mit soziopathischer Absonderung oder Einsamer-Wolf-Attitüde zu tun, sondern gehört zu seiner Grundhaltung der Höflichkeit und des Respekts.

Ein anderer, immer präsenter Wesenszug ist seine Fähigkeit zur Einfühlung, sein empathisches Genie. Wie die meisten Melancholiker ist Meuffels ein Meister darin, sich in andere hineinfühlen und hineindenken zu können. Das macht ihn zum erfolgreichen Ermittler. Tief kann er in die Abgründe der Täterpsyche eintauchen und die Tat erschließen. Einfühlung ist aber auch ein Herzstück der Schauspielkunst und so ergibt sich eine interessante Parallele in der Art, wie der Ermittler Hanns von Meuffels das Verbrechen erkundet und wie der Darsteller Matthias Brandt in seine Meuffels-Rolle hineinfindet.

Als Brandt für seinen Meuffels beim Fernsehfilm-Festival Baden-Baden ausgezeichnet wurde, lobte die Jury das Einfühlungsvermögen des Schauspielers hinsichtlich der verschiedenen Regisseurs-Temperamente: „Er schwingt mit den verschiedensten Regisseuren stets kongenial mit, ohne dabei seinen eigenen Stil der kleinen präzise Gesten je zu verleugnen.“ Zum Reichtum der Meuffels-Figur gehört, dass die diversen Regisseure ihr auch verschiedene Facetten entlockten. Es war die Ambition der Redaktion des Bayerischen Rundfunks, dass die Regisseure der Meuffels-„Polizeirufe“ über eine eigene, markante Handschrift und möglichst auch Kinoerfahrung verfügten. Die Liste ihrer Namen imponiert als Who-is-Who eigenwilliger, jenseits der Routine arbeitender Top-Regisseure: Dominik Graf, Jan Bonny, Hans Steinbichler, Leander Haußmann, Marco Kreuzpaintner, Alexander Adolph, Hendrik Handloegten, Hermine Huntgeburth, Rainer Kaufmann, Christian Petzold.

Das Who-is-Who der Top-Regisseure

BR-Redakteurin Cornelia Ackers erläutert dazu: „Das Format ‘Polizeiruf 110’ mit Matthias Brandt ist deswegen für Kinoregisseure interessant, weil es Inhalte bewegt und ermöglicht, die immer seltener im Kino zu sehen sind. Immer wieder klagen Regisseure bei mir darüber, dass sie von Verleihern und auch Förderern zu hören bekommen, dass nur noch Komödien und Kinderfilme im Kino eine Chance hätten. So braucht es Freiräume, wie der ‘Polizeiruf 110’ des Bayerischen Rundfunks sie bietet.“ Und die Regisseure wissen diese Freiräume zu schätzen. Marco Kreuzpaintner erinnert sich, als er für eine Meuffels-Folge engagiert wurde: „Für mich war die Regiearbeit an ‘Und vergib uns unsere Schuld‘ ja die erste Arbeit im deutschen Fernsehen. Als Kinoregisseur hatte ich da zugegebenermaßen vorher Dünkel und Vorurteile, insbesondere, was die erzählerische Qualität anlangt. Aber die Zusammenarbeit mit Redakteurin Cornelia Ackers, die eine künstlerische Instanz auf allen Ebenen der Herstellung war, hat mir das Vertrauen gegeben, etwas ganz eigenes wagen zu dürfen.“

Wie zeichnen sich die verschiedenen Regisseurs-Handschriften in den Konturen der Meuffels-Figur ab? Zum Beispiel bei Kreuzpaintner und Steinbichler, die erzählerisch und inszenatorisch einen melodramatischen Stil pflegen, wird Meuffels mit Pathos-Situationen konfrontiert, die ihn zu hochdramatischer Emotionalität herausfordern. Im Universum eines Regisseurs wie Leander Haußmann, der theatralische Situationen liebt und alle seine Figuren gern an den Rand des Nervenzusammenbruchs treibt, wird auch Meuffels (in der Folge „Kinderparadies“) ordentlich durch die Mangel gedreht. Man kommandiert ihn ab zur Kinderbetreuung, die ihn nachhaltig nervt, er muss in seinen Dienstwagen einen Kindersitz installieren und einem Zweijährigen seinen Job als Kommissar erklären – woraus sich herrlich komische Szenen ergeben.

Ganz anders wie der kantige, hartgesottene Detektiv eines Noir-Krimis zeigt sich Meuffels in der von Hermine Huntgeburth inszenierten Episode „Sumpfgebiete“, aber am meisten bei sich erscheint er dort, wo er schüchtern und versponnen – mit der Neigung zu gelegentlichen Wutausbrüchen – sein darf. Dominik Graf interpretiert Meuffels Schüchternheit (in „Cassandras Warnung” und „Smoke on the Water“) als ein Manko der Gehemmtheit, bei Christian Petzold und Alexander Adolph hingegen gewinnt die Schüchternheit Charme und Zauber und gehört zu den Kostbarkeiten seines Charakters. Adolph nutzt das in der „Morgengrauen“-Folge, um ihn mit einer etwas verschrobenen Oberregierungsrätin (Sandra Hüller) zu einem wunderbaren Schüchternheitsduo zusammenzuspannen und in die schönste Liebesgeschichte zu schicken.

Es folgt eine Kommissarin

Die Schauplätze der Meuffels-„Polizeirufe“ meiden das München der Wahrzeichen und touristischen Spots, suchen Orte der Anonymität, wie sie überall zu finden sind: Wohnblocks, Tiefgaragen, Unterführungen, Stadtrand-Tristesse. Thematisch finden sich in den Meuffels-Geschichten die klassischen Tatmotive Eifersucht, Rache, Außenseitertum, es werden aktuelle Fragen wie Rechtsradikalismus oder Transsexualität verhandelt, erstaunlich häufig jedoch drehen sich die Storys um Machtmissbrauch, zugespitzt in Folgen wie „Smoke on the Water“ oder „Sumpfgebiete“.

Freilich gilt, was Jan Bonny anlässlich von „Das Gespenst der Freiheit“ gesagt hat: „Ich bin der Auffassung, dass man keinen Film über Themen, sondern über Figuren macht. Es sind gegenwärtige Figuren und die spezielle Art und Weise, wie sich diese Figuren erzählen lassen, das hat mich fasziniert.“ Meuffels-„Polizeirufe“ sind keine Themenfilme, sondern immer große, lebendige Figurenzeichnung.

Matthias Brandt ist der dritte Münchner „Polizeiruf“-Kommissar; er folgte (ab 2011) auf Edgar Selge und zuvor Jörg Hube folgte. Gegen den fiebrig-flackernden Selge und den bajuwarisch-coolen Hube setzte Brandt seinen adligen Kommissar als Genie der Zurückhaltung und des Feingefühls in Szene. Man darf gespannt sein, wie sich seine Nachfolgerin zu dieser Erbschaft verhalten wird. Es ist, das steht bereits fest, eine Hauptkommissarin namens Elisabeth Eyckhoff und sie wird von der hochtalentierten, vielfach ausgezeichneten österreichischen Schauspielerin Verena Altenberger verkörpert.

14.12.2018 – Rainer Gansera/MK

Der 15. ist der letzte „Polizeiruf“-Fall für den Münchner Ermittler Hans von Meuffels, den Matthias Brandt als Genie der Zurückhaltung und des Feingefühls in Szene setzte

Kündigung: Kommissar Hans von Meuffels gibt seine Dienstmarke und seine Pistole dem Arbeitgeber zurück

Schlussszene der Schlussfolge: Hans von Meuffels (Matthias Brandt) und Constanze Hermann (Barbara Auer) sind als Liebespaar vereint

Fotos: Screenshot