Denise Dismer: Zerrissene Familie – Zwischen Syrien und Deutschland (ZDFinfo)

Familiennachzugsneuregelungsgesetz

23.11.2021 •

Im Mittelpunkt der Dokumentation steht eine sechsköpfige syrische Familie: Eltern und vier Kinder. Im Herbst 2015 flüchtete die vom Assad-Regime verfolgte Mutter, eine syrische Schulleiterin, nach Deutschland; die übrige Familie landete in einem libanesischen Flüchtlingslager. Seitdem bemüht sich die Mutter darum, ihre Familie nach Deutschland zu holen. Ihre Anstrengungen, dies zu erreichen, und das Befinden aller Familienmitglieder in diesem Zusammenhang sind Thema des Films, der von „Spiegel TV“ für ZDFinfo produziert wurde. Das Schicksal der Familie, um die es hier geht, dürfte exemplarischen Charakter haben für die Situation von Flüchtlingen nicht nur aus Syrien.

Die Dokumentation setzt im September 2018 ein. Sie wechselt ständig zwischen den Schauplätzen, an denen sich die „zerrissene Familie“ aufhält: zwischen dem Ort in Baden-Württemberg, an dem die Mutter Unterkunft erhalten hat, und dem Flüchtlingslager im Nord-Libanon, wo sich die übrige Familie befindet. Der Film dokumentiert vor allem auch die Art und Weise, wie die Familie versucht, trotz aller Schwierigkeiten zusammenzuhalten. Jeden Morgen begleitet beispielsweise die Mutter per Videotelefon ihre Kinder im Libanon in den Tag.

Gleichzeitig zeigt der Film, wie schwer und langwierig eine Familienzusammenführung nach deutschem Recht umzusetzen ist. Jahrelang kämpft die Mutter vor Gericht um die Anerkennung als Flüchtling nach der Genfer Konvention. Erst zum Jahresende 2018 fällt die Entscheidung des zuständigen Verwaltungsgerichts zu ihren Gunsten aus und sie erhält einen deutschen Flüchtlingspass, der Voraussetzung dafür ist, dass sie Familienzusammenführung beantragen kann.

Doch erst im September 2019 bekommen vier der fünf sich im Nord-Libanon befindenden Familienmitglieder das langersehnte Visum für Deutschland. Die älteste Tochter muss zurückbleiben, weil sie inzwischen volljährig geworden ist, denn das „Familiennachzugsneuregelungsgesetz“ vom Juli 2018 berücksichtigt nur Ehepartner und minderjährige Kinder. Im Jahr 2015, in dem die Mutter mit ihren Bemühungen um Familienzusammenführung begann und ihre ersten Anträge gestellt hatte, war die Tochter erst 15 Jahre alt gewesen. So ist das Wiedersehensglück der Familienmitglieder, die sich nach vierjähriger Trennung in Deutschland wieder zusammenfinden, getrübt. Sie machen sich Sorgen um die älteste Tochter, die jetzt als junge alleinstehende Frau, ohne den Schutz ihrer Familie, im Libanon zahlreichen Gefahren ausgesetzt ist.

Von diesem Zeitpunkt an begleitet die Dokumentation die einzelnen Familienmitglieder, wie sie versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen. Aber auch die im Libanon zurückgebliebene Tochter wird weiter begleitet, ebenso wie die Familie in ihren Bemühungen, auch die älteste Tochter nach Deutschland nachkommen lassen zu können. In den letzten Einstellungen des Films ist dann die Nachricht eingeblendet, dass diese Bemühungen bis zum Ausstrahlungsdatum noch immer nicht erfolgreich waren.

Die Kamera ist aus beobachtender Distanz dabei, wenn es darum geht, den Alltag der Familienmitglieder zu zeigen, die dabei häufig selbst zu Wort kommen. Emotional steht die Dokumentation auf Seiten der syrischen Familie, an deren Integrationswilligkeit und -fähigkeit der Film keine Zweifel aufkommen lässt. Die Autorin und Regisseurin Denise Dismer, die auch als Erzählerstimme durch den Film führt, bleibt aber immer sachlich distanziert und überlässt es weitgehend ihren Protagonisten, Stellung zu beziehen und Emotionen zu äußern. Auch wird deutlich, dass die Familie Unterstützung von kirchlicher Seite erhält: durch das Diakonische Hilfswerk in Heidelberg und die Gemeinde vor Ort. Dabei geht es jedoch thematisch immer nur um dieses private Einzelschicksal und nie etwa um politische Grundsatzeinstellungen – weder in Bezug auf die deutsche Gesellschaft noch auf den Bürgerkriegskonflikt in Syrien.

Diese syrische Familie mit ihren Mühen um Familienzusammenführung war bereits einmal Thema einer Dokumentation der Filmemacherin. Für die bei Arte ausgestrahlte Reportage „Kein Recht auf Familie? Geflüchtete kämpfen um ihre Angehörigen“ wurde Denise Dismer im Februar 2020 mit dem baden-württembergischen Caritas-Journalistenpreis 2019 ausgezeichnet. Ihre 45-minütige Dokumentation für ZDFinfo berichtet nun erneut über diesen Fall, ergänzt um das weitere Schicksal der Familie. Sie bemüht sich um Integration in die deutsche Gesellschaft, kämpft aber immer noch darum, auch ihre älteste Tochter, die inzwischen Studentin der Medizin ist, wie eine Einblendung verrät, nach Deutschland zu holen. So erhält der sehenswerte Film den Charakter einer dokumentarischen Langzeitbeobachtung.

23.11.2021 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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