David Schalko/Evi Romen: M – Eine Stadt sucht einen Mörder. 6‑teilige Serie (TV Now/ORF)

Teuflisches Vergnügen mit bravem :Abgang

06.05.2019 •

Es ist Winter in der Stadt. Doch keiner will sich durch Schneeflocken und geschmückte Auslagen in vorweihnachtliche Stimmung lullen lassen. Denn das Unheil bricht sich Bahn und trifft besonders all jene, die doch eines besonders Schutzes bedürfen: In Wien geht ein Kindermörder um. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier – dann steht er auch vor deiner Tür: Die kleine Elsie soll nur ihren vergessenen Mantel vom Spielplatz holen, doch dann wird sie unversehens eine dieser Nummern auf der Liste der Polizei.

Fritz Lang hatte 1931 in seinem Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ Elsie und ihre verzweifelte Mutter nur fürs schaurige Entrée und für die „Moral von der Geschicht’“ benötigt. 88 Jahre später wird die Geschichte der Kindermorde neu und unter demselben Titel ganz anders erzählt: Der wegweisende frühe Tonfilm und Kriminalfilmklassiker aus der zerfallenden Weimarer Republik hat ein Remake in Form einer viereinhalbstündigen Serie fürs Fernsehen erfahren. Die Idee dazu hatte David Schalko, der sich in den vergangenen Jahren mit seinem zweiteiligen Fernsehfilm „Aufschneider“ (2010) und den Serien „Braunschlag“ (2012) und „Altes Geld“ (2015) zu einem der innovativsten und abseitigsten deutschsprachigen Fernsehmacher entwickelt hat.

Da passt es schon fast wieder, dass der in Niederösterreich geborene 46-Jährige als Mitproduzenten neben dem Österreichischen Rundfunk (ORF) ausgerechnet die RTL-Streaming-Plattform TV Now akquiriert hat, die landläufig als Mediathek zur Nachverwertung von Sendungen der RTL-Gruppe fungiert. Die TV-Now-Eigenproduktion „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist dort nur im Rahmen eines Bezahl-Abos abrufbar. Bizarre Randbedingungen für ein Projekt, das unter Cineasten sicherlich zunächst für Stirnrunzeln gesorgt haben dürfte. In Österreich lief die Serie zuvor im linearen Fernsehen im Programm ORF 1 an drei Tagen zur Primetime mit je zwei Folgen en bloc.

Elsie ist also verschwunden, vielleicht sogar tot. Ihre Mutter (Verena Altenberger) ist apathisch – nicht unbedingt aufgrund der sich anbahnenden Tragödie; eine wirklich gute Mutter war sie nie. Elsies Vater (Lars Eidinger) schwankt zwischen Wut und Verzweiflung, hat er doch sein Töchterchen geliebt; zu Hause war er der Arbeit halber dennoch kaum.

Man mag die Geschichte, die einst Fritz Lang und Thea von Harbou geschrieben hatten, noch erahnen, doch Schalko und seine Drehbuch-Koautorin Evi Romen erzählen in der Serie eine andere. Sie verlegen den Stoff vom Berlin der 1930er Jahre ins Wien des Jahres 2018 und rücken diejenigen ins Zentrum, die einst nur die Peripherie bildeten, zum Beispiel die Opfer und deren Familien. Man taucht in die zerrütteten Seelenwelten von Elsies Eltern ein, für die der Verlust der Tochter nur ein weiterer Schlag in ihrer gebeutelten Existenz ist.

In beeindruckenden erzählerischen Ellipsen wirft Schalko Schlaglichter auf den maroden Mittelstand. So entfaltet sich ein vielschichtiges Panorama. Da ist zum Beispiel der Vater der taubstummen Coco, eines weiteren Opfers von „M“. Er steht als Captain Hook auf der Theaterbühne und gerät zwischenzeitlich auch in den Kreis der Verdächtigen. Dann ist da der „Bleiche Mann“ (Bela B. Felsenheimer), der als Esoterik-Medium vorgibt, zumindest seelisch in Kontakt zu den Kindern zu stehen. Oder der Mann im Fuchspelz (Udo Kier), der immer und überall nur Fotos macht – ein idealer „M“? Das Drehbuch entfaltet im winterlichen Wien viele Handlungsfäden, in die sich der Zuschauer verheddern soll.

In der sechsteiligen Serie ist es besonders die erste Hälfte, die teuflisches Vergnügen bereitet: Sie entwirft fantastische Szenarien einer durch und durch morbiden Welt, in die geschickt ganz viel Zeitgeist eingewoben ist und die Identität des Mörders fast eine Marginalie zu sein scheint. Da ist zum Beispiel die Welt der Politik, die sich am Grauen labt, weil man sich daran so wunderbar profilieren kann. Exemplarisch dafür steht der Innenminister (Dominik Maringer), ein rechter Pfau, der mit seiner gespielten Attraktivität und seinen „Eiserner-Besen“-Parolen die verängstigten Massen zu begeistern sucht. Da ist die Polizeipräsidentin (Johanna Orsini-Rosenberg), die mit ihrer ziemlich besten Freundin Geheimnisse teilt, nichtsahnend, dass diese sich längst im Wiener Politiksumpf suhlt. Als Pars-pro-toto für die Medienbranche steht ein extremistischer Verleger, der sich mit den Machthabern gemeinmacht und deren Einfluss gezielt nutzt, um Meinungen zu manipulieren. Und zwischen all diesem gutbürgerlichen, jung-dynamischen, national eingestellten Abschaum suchen ein prolliger Kommissar (Christian Dolezal) und eine kernseifige Kommissarin (Sarah Viktoria Frick) nach dem Mörder.

Damit schwingt sich die Serie zum grandios-dekadenten Sittenbild auf. Allerdings fühlen sich die Macher doch irgendwann bemüßigt, sich mehr an Langs Vorbild zu orientieren und noch die Kriminellen ins Spiel zu bringen, die sich im Originalfilm um die ungestörten Arbeitsbedingungen in ihrer Stadt sorgen und daher selbst nach dem Mörder fahnden. Und damit beginnen die Probleme der Serie: Die Chefin all der Bettler, Prostituierten und Diebe (grandios „over the top“: Sophie Rois) wird als groteske Furie voller Geheimnisse eingeführt – und hat dann außer Echauffiertheiten viel zu wenig Substantielles beizutragen. Ihr und ihren kriminellen Vasallen analog zu Fritz Langs Film eine Schlüsselrolle bei der Ergreifung und Hinrichtung des Kindermörders zuzuschreiben, passiert in der Serie hopplahopp in der letzten Folge und wirkt aufgesetzt, monologreich, theaterhaft und ernüchternd.

Einen solch dicht am Original positionierten Abgang hat die Serie eigentlich nicht verdient – kann sie doch dabei nur verlieren. Denn „M“ von 1931 ist da unmöglich zu toppen. So kommt David Schalko am Ende in dem zuvor so trefflich als Steinbruch genutzten Universum Fritz Langs ins Stolpern, so dass die Horrorshow um ein Wien der Gegenwart, das geradewegs auf einen politischen Abgrund zusteuert, im Abgang unelegant, fast brav wirkt.

06.05.2019 – Jörg Gerle/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren