David Carr-Brown: Der unaufhaltsame Aufstieg von Amazon (Arte)

Viel Meinung, wenig Information

21.12.2018 •

21.12.2018 • In diesen Vorweihnachtstagen gibt es in allen erdenklichen Magazinen des Fernsehens Beiträge, die die Verödung deutscher Einkaufsstraßen als Folge des Internet-Versandhandels beklagen. Meistens gepaart mit Sätzen des Bedauerns für die unterbezahlten Paketzusteller. Und wenn dann ein Reporter auf der Straße eine Passantin trifft, die erklärt, sie kaufe fast nur noch im Netz ein, da es in den Innenstädten doch kaum noch etwas Interessantes gebe, kommen sich Ursache und Wirkung auf wunderbare Weise ins Gehege. 

Jedenfalls dürfte es kaum ein Zufall sein, dass Arte diese 90-minütige Dokumentation über den Internet-Giganten Amazon kurz vor Weihnachten ausstrahlte. Und wie Jeff Bezos, gestartet als Online-Buchhändler, dieses sein Imperium aufgebaut hat und dabei zum reichsten Erdenbürger geworden ist, lohnt fraglos eine nähere Betrachtung. Der britische Dokumentarfilmer David Carr-Brown beginnt sein Porträt mit der Anklage, Amazon sei ein radikal auf Wachstum ausgerichteter Konzern, und liefert als Beleg Ausschnitte einer Rede von Jeff Bezos vor Aktionären. Nun kann man fraglos über Sinn und Unsinn einer reinen Wachstumsideologie streiten, aber sie ist sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal von Amazon, sondern gehört seit jeher zu den Grundfesten des Kapitalismus, den definitiv nicht Bezos erfunden hat. 

Später im Film – einer internationalen Koproduktion mit Beteiligung von Arte und RBB – ist Carr-Brown im Norden Englands unterwegs, wo Männer im Pub über den Niedergang der ehemaligen Bergbau-Region seit den Zeiten von Premierministerin Margaret Thatcher klagen. Auch wenn die Szenen in eine eher diffuse Warnung eingebettet sind, Amazon könnte über kurz oder lang das öffentliche Gesundheitswesen übernehmen, so ist für den Niedergang des britischen Bergbaus der Online-Handel ebenfalls kaum verantwortlich zu machen.

Dass der Autor dem US-amerikanischen Großkonzern äußerst kritisch gegenübersteht, ist so unverkennbar wie legitim, doch hinter all den Mahnungen im Kommentar und in den Aussagen der rund ein Dutzend Experten aller Art bleibt einigermaßen nebulös, wie Jeff Bezos seinen rasanten Aufstieg geschafft hat und wie das Unternehmen genau funktioniert. Die Informationen und Erklärungsversuche dazu nehmen sich im Film eher dürftig aus. Stattdessen versucht der Autor die von Amazon ausgehenden Bedrohungen an der Sage vom „Rattenfänger von Hameln“ nebst Ausschnitten aus einer Verfilmung zu illustrieren. Dazu kommentiert Carr-Brown im Off: „Die Kunden lieben Amazon. Aber auch die Stadt Hameln ließ sich auf den Vertrag mit dem Rattenfänger ein – aber am Ende bedauerte sie die Konsequenzen.“ Die Metaphorisierung hier hinkte gewaltig. Schließlich ist in der Sage zunächst der Rattenfänger der Betrogene, da die Bürger ihm den versprochenen Lohn für seine Dienstleistung nicht bezahlen wollen und ihn aus der Stadt jagen.

Natürlich fehlt in der Dokumentation nicht die Klage über prekäre Arbeitsverhältnisse in den gigantischen Warenlagern von Amazon und die Nöte von unterbezahlten Paketboten bleiben ebenfalls nicht unerwähnt. Aber auch da mangelt es wieder an konkreten Zahlen und Beispielen. Zumal das Unternehmen selbst beispielsweise in Deutschland überhaupt keine eigenen Fahrer beschäftigt, sondern sich bei der Warenauslieferung anderer Dienstleiter bedient. Und hinsichtlich der Arbeitsverhältnisse hätte man ja mal einen Blick auf den seit Jahren andauernden Kampf der Gewerkschaft Verdi werfen können, die von Amazon fordert, sich an die Tariflöhne des deutschen Versandhandels zu halten. Dabei geht es auch um die Frage, ob Amazon ein Handels- oder, wie der Konzern von sich behauptet, ein Logistikunternehmen ist, wo andere Tarife gelten. Doch von diesem konkreten Disput ist in dem Film überhaupt nicht die Rede.

Stattdessen gibt es ein längeres Statement von Margrethe Vestager, EU-Kommissarin für Wettbewerb, die durchaus kompetent erklärt, was die Europäische Union zu tun gedenkt, um multinationale Konzerne zu verpflichten, sich an europäische Handelsregeln zu halten. Ob und wie das der EU gelingen kann, bleibt natürlich abzuwarten. Aber in dem Gespräch mit Vestager geht es letztlich weniger um Amazon als um die Auswirkungen der Globalisierung im Allgemeinen. Auch hinsichtlich der größten Gefahr, die Experten von Amazon ausgehen sehen, nämlich die gigantische Masse an Daten, über die das Unternehmen inzwischen verfügt und mit denen es weitgehend ohne Kontrolle einer Datenschutzinstanz umgeht, ist der Film wenig konkret. In dieser Hinsicht war die halb so lange WDR-Reportage „Allmacht Amazon“, die am 5. Dezember 2018 zu sehen war, weitaus informativer. Dieser Film von Martin Herzog und Marko Rösseler lief im Rahmen der Reihe „Die Story“ im Dritten Programm WDR Fernsehen.

Gänzlich absurd wurde es in der Arte-Dokumentation, als David Carr-Brown gegen Ende ausgerechnet den Chinesen Jack Ma anführte, um seine Vorwürfe gegen Amazon zu stützen. „Amazon“, so Ma reichlich nebulös, „gleicht einem Imperium. Wir haben eher ein soziales Öko-System im Sinn.“ Nun ist Ma allerdings kein Regimekritiker, sondern Chef des chinesischen Online-Händlers Alibaba, dem weltweit größten Konkurrenten von Amazon. Und dass es ausgerechnet dort mit Arbeitsbedingungen und Datensicherheit wesentlich besser bestellt ist als beim US-Giganten, darf getrost bezweifelt werden. Fazit: Der Autor und die Experten konnten in diesem Film vielfach ihre Meinungen und Einschätzungen kundtun, Informationen und Fakten wurden hingegen zu wenig geliefert, was unterm Strich unbefriedigend war. Im Übrigen hätte es dem Film mit seinen fast immer Englisch sprechenden Personen gut getan, wenn das deutsche Voice-over nüchterner und nicht so übererregt und anklagend gesprochen worden wäre.

21.12.2018 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 1-2/2019

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