Politischer, provozierender, peppiger: Das neue ARD‑„Mittagsmagazin“

Von Senta Krasser

22.02.2018 • Als das ARD-„Mittagsmagazin“ am 9. Oktober 1989 zum ersten Mal auf Sendung ging und von München aus, wo es damals produziert wurde, über die brisante Lage in Ost-Berlin berichtete, hieß der Kanzler noch Helmut Kohl, Bonn war Bundeshauptstadt, man zahlte mit der D-Mark, Fernsehmoderatorinnen trugen Megaschulterpolster unterm schweinchenrosafarbenen Blazer und der FC Bayern München stürmte zum elften Meisterschaftstitel. Zwei Kanzler und 17 Bayern-Meisterschaften später ist Ost-Berlin Geschichte und das Münchner „Mittagsmagazin“ ebenso. Seit dem 2. Januar 2018 kommt die Sendung aus Berlin. Und sie ist richtig gut geworden!

Politischer, provozierender, peppiger – so präsentiert sich das neue „Mittagsmagazin“ („MiMa“) im Ersten. Oder besser gesagt: So präsentieren die neuen Moderatoren Jessy Wellmer und Sascha Hingst das „MiMa“, das zuvor jahrzehntelang eine Solo-Veranstaltung von Hannelore „Hansi“ Fischer war. Wellmer kommt von der ARD-„Sportschau“, Hingst von der „Abendschau“ des Dritten Programms RBB Fernsehen. Gemeinsam berichtet das Duo im harmonisch abgestimmten Pingpong in der „MiMa“-Woche der ARD (das „Mittagsmagazin“ wird im wöchentlichen Wechsel mit dem ZDF produziert) täglich zwischen 13.00 und 14.00 Uhr über die Weltlage aus dem Hotspot Hauptstadt, wo ja politisch, gesellschaftlich und überhaupt die Musik spielen soll. Die 60-Minuten-Sendung wanderte damit vom Bayerischen Rundfunk (BR) zum RBB mit seiner im ARD-Anstaltskonstrukt auf mehr Einfluss pochenden Intendantin Patricia Schlesinger.

Jahre vor dem Großflughafen

28 Jahre lang waren die News zur Mittagszeit eine Münchner Angelegenheit gewesen und das journalistische Aushängeschild des Bayerischen Rundfunks mit anhaltend hohen Quoten. Als der BR in Sparnöte kam und Intendant Ulrich Wilhelm Ende 2016 „keine andere Wahl“ sah, als die Federführung beim mittäglichen Info-Leuchtturm an den RBB abzugeben (vgl. MK-Meldung), waren einige bei der ARD erleichtert, dass das „MiMa“ Sender und Standort in Richtung Hauptstadt verlässt. Denn trotz kleinerer Erneuerungen (überwiegend im Design) war das ARD-„Mittagsmagazin“ über die Jahre in seiner Entwicklung stehen geblieben. Zuletzt mutete es wie Fernsehen der vergangenen Generation an.

Freilich nahmen sie beim BR den freiwilligen Verzicht ihrem Intendanten übel, allen voran Hannelore Fischer. „ARD-Arithmetik“ habe „eine hervorragende Redaktion kaltgestellt“, ätzte die Anchor-Frau in Abschiedsinterviews. Der allerletzten Ausgabe aus der Bayern-Metropole, zwei Tage vor Silvester, blieb Fischer trotz Überredungsbemühungen seitens ihrer Redaktion fern. Offiziell wurde eine Erkrankung angeführt. Stefan Scheider, der zweite Moderator des „Mittagsmagazins“ aus München, sprang ein und blätterte „locker, aber nicht weinerlich“ im Souveniralbum der Traditionssendung. Die Spitze, dass Berlin das „MiMa“ bekomme „und das schon Jahre vor dem Großflughafen“, ließen sich die Münchner zum Abschied nicht nehmen.

Der Konter folgte am Dienstag darauf, am ersten Werktag im neuen Jahr, als der RBB mit dem „MiMa“ loslegte. „Was soll denn dieser Blödsinn? Das ‘Mittagsmagazin’ ab jetzt aus Berlin?“, polterte Christoph Lütgert (warum eigentlich er?) zur „MiMa“-Premiere in einem selbstironischen „Standpunkt“ in der Sendung. Der frühere Chef-Polemiker, pardon, Chef-Reporter des NDR zog zunächst über „die Hauptstadt-Babbel“ (von babbeln) mit ihren nach jedem Kamerarotlicht gierenden Politikern und den von Tausenden Lobbyisten umzingelten „Fernsehfritzen“ her, bevor er die (wenig überzeugende) Volte nahm: „Hauptsache, die Hauptstadt Berlin hat endlich ihr aktuelles politisches Mittagsmagazin. Es wurde höchste Zeit.“

Insistieren, nachbohren, charmant drängen

Der Anspruch ist ja, und so hat ihn Jessy Wellmer in etwa formuliert: Wenn Bundestag und Bundesrat zur politischen Kernzeit am Vormittag quasi um die Ecke vom „Mittagsmagazin“ tagen, dann sollen diese Informationen bitteschön leibhaftig in die Sendung eingebracht werden. Bei drei Minuten Entfernung vom Bundestag gebe es keine Ausrede für das politische Personal. Und mehr Bundespolitiker in der Sendung, so das Kalkül, bringen dann mehr Relevanz? Aber was ist dann mit „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ (ARD) oder „Heute“ und „Heute-Journal“ (ZDF)? Haben die weniger Relevanz, weil sie in Hamburg bzw. Mainz gemacht werden und nicht in der Hauptstadt?

Andererseits: Was es für einen Unterschied macht, wenn sich Interviewer und Politiker direkt begegnen, auch robust angehen, belegt der Blick über die Alpen zu den Nachrichten der Sendung „Zeit im Bild“ („ZiB“) des Österreichischen Rundfunks (ORF). Gang und gäbe ist dort seit je die Konfrontation vor Ort im Studio, denn Wien ist zugleich politische und mediale Zentrale Österreichs; die Wege sind kurz. Auch im neuen „MiMa“ der ARD zeigt sich: Es hat eben doch Vorteile, wenn etwa der Parlaments-Promi Gregor Gysi vom Regierungsviertel rübermacht, statt nur via Schirm zugeschaltet auf die aktuelle Misere seiner Partei ‘Die Linke’ zu antworten. Gysi gestikuliert, Wellmer auch, was die Sache lebendig, aber nicht hektisch macht. Der berüchtigten Berliner Schnauze vif in die Parade zu fahren, glückt ihr zwar nicht, aber das ist Ausnahme. Insistieren, nachbohren, charmant drängen („Sie haben die Frage gerade so wunderbar nicht beantwortet“), das gehört zu den Stärken von Jessy Wellmer und Sascha Hingst. Schade nur, dass noch so wenige Bundespolitiker den Weg ins neue „MiMa“-Studio gefunden haben, dafür aber auffällig häufig die eigenen Hauptstadtjournalisten wie Thomas Baumann.

Das Studio selbst ist übrigens nicht in der Charlottenburger Zentrale des RBB angesiedelt, sondern Berlin-mittig, Unter den Linden. Dort residiert auch das ZDF-Hauptstadtstudio und moderiert Dunja Hayali das „Morgenmagazin“ („MoMa“), und genau dort hat nun die ARD Unterschlupf gefunden, da sie selbst an ihrem Standort in der Wilhelmstraße keinen Platz fürs „MiMa“ hat. Raum, Technik und Personal werden mit den öffentlich-rechtlichen Kollegen geteilt. Das ist so ungewöhnlich wie unbedingt vernünftig in Zeiten, wo den Öffentlich-Rechtlichen nicht nur jeder zu viel ausgegebene Euro angekreidet, sondern auch seine 8 Mrd Euro teure Existenz von so manchem in Frage gestellt wird.

Ist das ARD-„Mittagsmagazin“ auf Sendung, leuchtet das Studio im kühlen „Tagesschau“-Blau und nicht in ZDF-Orange. Es mag dem Umstand des wochenweisen Wechsels mit dem Hausherrn geschuldet sein, dass im Wesentlichen nur zwei bauchnabelhohe weiße Stehtische mit eingelassener blauer Glasplatte Requisite sind und nirgends eine Sitzgelegenheit. Sie könnte ja zum Plaudern verleiten, wie das im „Mittagsmagazin“ des ZDF hinten raus im „Talk“-Teil gemacht wird. Zum RBB-Pendant gehört der Plauderton nicht. Im Gegenteil. Der Mann vom Verband der Zuckerindustrie zum Beispiel dürfte Sascha Hingsts Fragen zum „süßen Gift, das uns alle infiziert“, als Piesacken in unangenehmer Erinnerung behalten haben, aber für den Zuschauer war das eindeutig interessanter und informativer als nettes Abfragen.

Eine Sendung in der Sendung

Umrahmt war dieses Studiogespräch von drei Filmbeiträgen rund um die „Volksdroge Zucker“. Jede „MiMa“-Ausgabe hat nämlich solche zentralen „Brennpunkte“, quasi eine Sendung in der Sendung, die von der Aktualität weg in die thematische Breite und Tiefe geht. Hintergrund, sei es in Form der Zucker-Statistik von Lebensmitteln, der historischen Aufbereitung des Wohnungsmarkts in Deutschland seit den 1960er Jahren oder des markigen Überblicks, „was da in Syrien passiert“, ist im „MiMa“ wichtig und es ist auch richtig. Dass die Reporter bevorzugt vor die eigene Haustüre gehen, im Notarztwagen durch Berlin fahren („Brennpunkt Notaufnahme“) oder in der Fußgängerzone rumfragen („100 Tage ohne Bundesregierung: Was denken Sie?“), liegt nahe; aber nach Cottbus (Flüchtlinge), Mainz (Wohnungsnot) und Halle (erste bundesweite Anti-Zucker-Initiative) schauen sie auch, wenn’s dort brennt. Schaltgespräche mit den Korrespondenten in Brüssel oder Teheran gehören ebenso dazu. Denn die Welt bleibt bei diesem Magazin aus Berlin natürlich nicht außen vor.

‘Berlinisch’ mag einem vorkommen, wie frech – und das ist positiv gemeint – Jessy Wellmer und Sascha Hingst ihre Anmoderationen zuweilen angehen. Gerade im hinteren Teil, wenn es zum ‘leichten’ Themenfeld Sport übergeht, machen sie sich super locker, bleiben aber trotzdem seriös: Da stemmt Wellmer die Originalfackel von den 2014er Olympischen Spielen in Sotschi mit gespielter Kraftanstrengung in die Höhe („das ist Sport“) und Hingst bringt die Aussicht der New England Patriots, beim amerikanischen Sport-Megaspektakel Superbowl ihren sechsten Titel zu gewinnen (was sie dann nicht schafften), buchstäblich zum Gähnen: „Sechs Titel?! Die Bayern haben 27!“ Der nachfolgende Vorbericht zum 21. Spieltag der Fußball-Bundesliga („Einige sagen, die Liga ist langweilig…“) wäre übrigens in seiner schnittigen, witzigen Art eine Zierde für jede Satire-Show. Wenig überraschend ist deshalb alles in allem, dass sich dieser neue Schwung im ARD-„Mittagsmagazin“ in durchschnittlich 22,7 Prozent Marktanteil (2,28 Mio Zuschauer) im Januar spiegelt. Im gesamten Jahr 2017 waren es 20,6 Prozent (1,83 Mio). Das „MiMa“ aus Berlin ist, glasklar, auf einem sehr guten Weg.

Und was macht das ZDF?

Wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten mutet jetzt nur noch das Wetter an. Es wird nach wie vor von Dieter Voss aus Frankfurt am Main vorausgesagt, und nach wie vor auf die aufgekratzt freundliche, betuliche Art. Es hat sich eingespielt, dass Voss seinen Wetterbericht demonstrativ gedehnt mit der Formel „Zurück zu euch, Jessy und Sascha“ abschließt. „Mensch, Dieter“, möchte man ihm da zurufen, „lass das besser sein!“

Und das ZDF? Hatte sein „Mittagsmagazin“ zuletzt 2015 renoviert, sprich verjüngt. Die 20 Jahre jüngere Christina von Ungern-Sternberg folgte auf die langjährige Stammmoderatorin Susanne Conrad und wechselt sich seither mit Norbert „Haartolle“ Lehmann im ZDF-Studio auf dem Mainzer Lerchenberg ab. Abgesehen von dieser personellen Verjüngung blieb alles beim Alten: Infotainment in einer Mischung aus „Heute“ und „Leute heute“. So sind die Rubrik „Szene“ mit Promi-News und der Vis-à-vis-Talk mit Gästen, die ein Buch oder einen Film bewerben, feste Bestandteile jeder Sendung. Doch an diesem Konzept könnte sich etwas ändern. Zum April zieht auch das ZDF-„MiMa“ nach Berlin um (vgl. MK-Meldung), wo schon die ZDF-Crew vom „Morgenmagazin“ ihren Dienst tut. Hauptmoderatorin am Mittag wird beim ZDF dann Jana Pareigis. Jessy Wellmer und Sascha Hingst haben die Latte schon mal ziemlich hoch gehängt.

22.02.2018 – MK
Seitdem das ARD-„Mittagsmagazin“ zum RBB gewechselt ist, hat die Sendung auch ein neues Signet: Oben das alte, unten das neue Logo, an dem auch zu erkennen ist, dass das „Mittagsmagazin“ der ARD nun aus Berlin kommt Fotos: Screenshots