Das große Deutschland-Quiz – Das Spiel für unser Land. Quizshow mit Sabine Heinrich (ZDF)

Mit dem ZDF reist man besser

13.08.2021 •

Als das ZDF im November 2001 nach nur einem Jahr und 46 Folgen die Show „Ca$h – Das eine Million Mark-Quiz“ beerdigte, war nicht nur Moderatorin Ulla Kock am Brink ihren Job los. Für die folgenden 20 (!) Jahre blieb die ZDF-Primetime frauenlose Zone, zumindest was das Genre Quizshow betrifft. Offenbar traute man beim Sender in Mainz fortan nur Johannes B. Kerner und (für ein paar Jahre) Jörg Pilawa zu, Deutschlands „Superhirne“ zu „Quiz-Champions“ zu küren.

Das gleiche Bild der Übermacht männlicher Moderatoren bot parallel das Erste Programm der ARD mit Plasberg, Bommes & Co. Der vormalige ARD-Programmdirektor Volker Herres verstieg sich im Sommer vorigen Jahres sogar zu der Aussage, ihm falle aktuell „kein weibliches Pendant etwa zu einem Kai Pflaume ein, der die große Samstagabend-Show moderiert und mit seiner Empathie und Zugewandtheit so große Mehrheiten für sich begeistert“.

Die daraufhin entbrannte Diskussion darüber, ob die öffentlich-rechtlichen Sender Frauen nicht gut behandeln, zeigte nur einen Winter später Wirkung. Im Februar 2021 gab das ZDF die Verpflichtung von Sabine Heinrich als neuer Quiz-Moderatorin für den prestigeträchtigen Samstagabend bekannt (freilich nachdem man Carmen Nebel mit ihrer Musiksendung „Willkommen bei Carmen Nebel“ in den Vorruhestand versetzt hatte, um sie bald mit einem Mann, Giovanni Zarella, zu ersetzen). Das Sabine Heinrich entgegengebrachte „Hurra! Endlich! Eine Frau! Im männerheiligen Quiz-Olymp!“ war riesengroß. Und die Erwartungen an die frisch gekürte „Quiz-Königin“ waren es nicht minder: Nichts weniger als die Ehre der weiblichen Showtalente müsse sie nun retten. Dass die 44-Jährige das Zeug dazu hat, wer hätte das bezweifelt außer Volker Herres?

Ein TV-Greenhorn ist Sabine Heinrich ja keinesfalls. Zwar liegt es schon ein Jahrzehnt zurück, dass die gelernte und noch immer aktive Radiojournalistin (derzeit: die Frühstrecke auf WDR 2) das erste Mal auf die Bundesbühne trat – der von ihr und Matthias Opdenhövel moderierte Casting-Wettbewerb „Unser Star für Oslo“, der 2010 im Ersten und bei Pro Sieben lief, erhielt den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Unterhaltung“. Danach aber war für Heinrich selbstgewählte Sendepause in der ersten TV-Liga. Doch gut versteckt im Dritten Programm des WDR übte die Radiofachfrau weiter Show. Ihr Übungsterrain für Kamerapräsenz und unterhaltungsjournalistische Plauderei mit überzeugend ehrlichem Interesse am Gegenüber war zum Beispiel das regionale Sanges-Casting „Der beste Chor im Westen“ oder die sogenannte „Dilemma-Show“ „Nicht dein Ernst!“ an der Seite von Altvater Jürgen von der Lippe (vgl. MK 4/20).

Ebendort, im WDR-Dritten, sieht man die Heinrich aber auch immer wieder in den diversen, die Schönheit des Westens preisenden Heimatkundesendungen der Art „Wir sind NRW!“. Da ist sie als eine von mehreren Talking-Heads engagiert und hier hüpft das Herz der im Kohlenpott aufgewachsenen Moderatorin regelmäßig im Quadrat, wenn sie die industrieromantischen Bilder ihrer Heimat kommentieren soll. „Das Tetraeder in Bottrop? Der Wahnsinn!“

Insofern hätte das ZDF keine kundigere und emphatischere „Reiseleiterin“ für seine neue Sendereihe finden können: Seit dem 10. Juli lädt Sabine Heinrich immer samstags ein zur Sendung „Das großen Deutschland-Quiz – Das Spiel für unser Land“ (Produktion: Bavaria Entertainment). Folgt man den einleitenden Worten der Gastgeberin, gibt es diese Show deshalb, weil wir Deutschen (verdammt, noch immer Pandemie!) „nicht mehr so wegfahren können, wie wir wollen“. Der abgewandelte PR-Spruch des Mainzer Senders muss hier also lauten: Mit dem ZDF reist man besser. Promis (was sonst an einem Samstagabend?) mit wahlweise Wurzeln oder Wohnort in einer Himmelsrichtung der Republik sitzen auf Ratestühlen und werden per digitaler Kompassnadel im Studioboden von Runde zu Runde ausgewählt, um im A-B-C-Antwortverfahren um regionale Besonderheiten zu wettquizzen.

Das alles geschieht für einen guten Zweck. Am Ende sind 15.000 respektive 50.000 Euro zu verteilen. Die Differenz ergibt sich dadurch: Die ersten vier, jeweils um 19.25 Uhr ausgestrahlten und exklusive Werbung nur 45 Minuten kurzen Ausgaben von „Das große Deutschland-Quiz“ sind nur das Warm-up für die beiden XXL-Varianten um 20.15 Uhr mit Ausstrahlungstermin im August und September. Nicht nur ist die Sendestrecke dann um das Dreifache (auf je 150 Minuten gedehnt; auch die Preissumme steigt, das Ratepersonal tritt paarweise an und hat ein paar mehr Spielrunden bis zur finalen Schnellraterunde zu überwinden. Was gleich bleibt, ist das Showkonzept. Und das ist, um mit einer rheinischen Ikone des Reality-Fernsehens zu sprechen, einfach nicht der „Burner“.

Man wähnt sich bei diesem „Deutschland-Quiz“ eher in einem gemütlichen Heimatdokufilm Anno Pief als in einer Ratesendung voller Adrenalin. Preist Sabine Heinrich, die auch die Off-Kommentare der vielen Einspielfilme eingesprochen hat, etwa die Schönheit des Waldgebiets von Ivenack in Mecklenburg an, hört sie sich wie die örtliche Tourismusbeauftragte an. Die LED-Panoramen im Studio-Set, auf denen sich Wälder, Bergseen und Wattenmeer in ihrer Pracht voll entfalten, verstärken diesen Eindruck noch.

Der „Spiegel“ fragte, zu Recht, „warum das ZDF so eine freshe Frau wie Heinrich so eine heinohafte-Schweinebraten-Gartenzwerg-Sendung moderieren lässt“, und attestierte der Moderatorin sogleich die Fähigkeit, „selbst Gartenzwerge wieder hip machen zu können“. Nun ja, zaubern kann die Heinrich nicht. Gleichwohl hat man sicher noch nie eine Moderatorin so mitreißend über Flamingos im münsterländischen Zwillbrocker Venn schwärmen hören wie sie. Was ihre Quizmaster-Taktik betrifft, gibt sich Sabine Heinrich indes deutlich weniger schneidig und streng, als es Ulla Kock am Brink in ihren besten Zeiten war. Auch hält sie sich nicht lange damit auf, ihre prominenten Rater auf unterhaltsame Günther-Jauch-Art zu verunsichern und bei der Auflösung den Spannungsbogen bis aufs Maximum zu dehnen. Hier im „Deutschland-Quiz“ ist alles darauf angelegt: mitreisen, entspannen, wohlfühlen. Deutschland ist schließlich schön, seine Landschaften vielfältig, die Bauwerke weltberühmt.

Krisen, Kriege, Klimakollaps, war da was? Ja, doch.

Als in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz Mitte Juli die Fluten Menschen und Häuser unter sich begruben und die Fernsehprogramme sich mit Sondersendungen und Spendenauf­rufen für die Hochwasseropfer überboten, waren alle Ausgaben des „Deutschland-Quiz“ bereits abgedreht. Die in der Show gezeigte Idylle pur in Neustadt an der Weinstraße oder Bremm an der Mosel vertrug sich plötzlich nicht mehr mit den Breaking-News-Bildern der schrecklichen Realität. Die ZDF-Programmplanung behalf sich mit einem eher hilflos wirkenden Kniff und blendete in die Ausgaben 2 bis 4 den Hinweis ein: „Aufzeichnung vom 5. Juli“ bzw. „Aufzeichnung vom 6. Juli“. Mehr Anpassung an die Aktualität war nicht drin. (Der Start der zweiten Ausgabe am 17. Juli verschob sich um eine Viertelstunde für ein „ZDF-Spezial“ zur Hochwasserkatastrophe.)

Und so schnurrte das Ratespiel, das sich nicht überaus originell, aber konsequent mit Fragen zu den 16 Bundesländern beschäftigte, unaufgeregt dahin. Bei all der Aufgeregtheit im Vorfeld um ihre Personalie hätte Sabine Heinrich eigentlich eine Show mit mehr Bambule verdient.

13.08.2021 – Senta Krasser/MK

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