Das Gladbeck-Trauma: Ein Rückblick auf den ARD‑Schwerpunkt zum 30. Jahrestag eines folgenreichen Banküberfall

Von Brigitte Knott-Wolf

24.03.2018 • Der Banküberfall mit Geiselnahme, der am 16. August 1988 im nordrhein-westfälischen Gladbeck stattfand, hat längst Mediengeschichte geschrieben. Dreißig Jahre danach beschäftigt er die Öffentlichkeit noch immer, vor allem hinsichtlich der Rolle, die die Medien bei alldem gespielt haben. Denn bei der zweieinhalbtägigen Flucht, die sie von Gladbeck unter anderem nach Bremen, Holland und Köln führte, werden die Bankräuber Jürgen Rösner und Dieter Degowski mit ihren Geiseln nicht nur von der Polizei verfolgt, sondern auch von Presse, Hörfunk und Fernsehen. Das insgesamt 54-stündige Geschehen findet gleichsam vor laufenden Kameras statt, Live-Interviews mit den Tätern eingeschlossen.

In Bremen besetzen die Täter einen Linienbus und ein Pressefotograf verhandelt hier – anstelle der Polizei – mit den Geiselnehmern. Die erschießen später einen der Fahrgäste, den 14-jährigen Jungen Emanuele De Giorgi, um auf diese Weise Rösners in der Zwischenzeit von der Polizei verhaftete Freundin Marion Löblich freizupressen. Später, nach einem Stopp in Holland, setzen die Täter ihre Flucht mit einem von der niederländischen Polizei bereitgestellten Wagen fort, sie nehmen dabei zwei junge Frauen, die als Fahrgäste in dem Bus waren, als Geiseln mit auf die Fahrt. Mit dem Auto geraten die Täter dann bis in die Fußgängerzone der Kölner Innenstadt, wo der Wagen, in dem sich auch noch Marion Löblich und die beiden Geiseln befinden, von unzähligen Zuschauern und Medienleuten so dicht umringt wird, dass ein Eingreifen der Polizei unmöglich ist. Bei der dann doch von der Polizei schlussendlich durchgeführten gewaltsamen Beendigung der Flucht auf der Autobahn in der Nähe von Bad Honnef kommt mit der 18-jährigen Silke Bischoff eine der Geiseln ums Leben.

Amerikanische Medienverhältnisse

Das brutale Vorgehen der Täter, die Fehlentscheidungen der Polizei und die Grenzüberschreitungen der Medien bei der Berichterstattung sind die besonderen Merkmale dieses Falls. Im Nachhinein sprach man von „amerikanischen Medienverhältnissen“, die sich dabei erstmals in Deutschland deutlich gezeigt hätten. Infolge der Etablierung des dualen Rundfunksystems hatte in den 1980er Jahren das Konkurrenzdenken der Medien untereinander um die spektakulärsten Sensationen, die schnellsten Bilder und Informationen erheblich zugenommen, ebenso wie auch Voyeurismus und Gaffermentalität auf Seiten des Publikums gefördert worden waren. Polizei und Medien haben inzwischen längst aus dem schrecklichen Verlauf des damaligen Geiseldramas ihre Lehren gezogen. So ergänzte der Deutsche Presserat seinen Pressekodex um Grundsätze zur Sensationsberichterstattung, unter Ziffer 11.2 heißt es in dem Kodex seither: Die Presse „unternimmt keine eigenmächtigen Vermittlungsversuche zwischen Verbrechern und Polizei. Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben.“ Dennoch dauert das Gladbeck-Trauma bis heute an, weil ihm offenbar noch immer eine latente Aktualität anhaftet.

Bereits zum 10. Jahrestag der Ereignisse hatte es zahlreiche Sendungen und Verfilmungen dazu gegeben, dann zum 20. Jahrestag wieder. Und auch 25 Jahre danach fand das Geschehen mediale Berücksichtigung. In diesem Jahr steht nun der 30. Jahrestag an, Mitte August. Die ARD widmete dem Gladbecker Geiseldrama bereits jetzt zwei Schwerpunktabende im Ersten Programm: Neben dem zweiteiligen, insgesamt 180 Minuten langen Spielfilm „Gladbeck“, der am 7. und 8. März jeweils von 20.15 bis 21.45 Uhr ausgestrahlt wurde, war am Mittwochabend (7.3.) „Gladbeck“ auch Thema in der Talkshow „Maischberger“ (22.45 bis 0.00 Uhr). Am Donnerstag (8.3.) wurde im Anschluss an den zweiten Teil des Spielfilms noch eine von Radio Bremen neu produzierte Dokumentation gesendet, Titel: „Das Geiseldrama von Gladbeck – Danach war alles anders“ (21.45 bis 22.30 Uhr).

Der neue ARD-Spielfilm „Gladbeck“, eine Koproduktion von Degeto und Radio Bremen, zu dem Holger Karsten Schmidt das Drehbuch verfasste und Kilian Riedhof Regie führte (Produktion: Regina Ziegler), ist die dritte bedeutende Fernsehverfilmung dieses Stoffs. Zum 10. Jahrestag beispielsweise sendete RTL am 19. August 1998 das Doku-Drama „Wettlauf mit dem Tod“ von Geronimo Beckers (vgl. FK-Artikel), bestehend aus nachgestellten Szenen, Material aus dem Fernseharchiv und Augenzeugen-Interviews; dieser Film setzte sich auch bereits kritisch mit der Rolle der Polizei auseinander. Der ein halbes Jahr später im ZDF ausgestrahlte zweiteilige Fernsehfilm „Ein großes Ding“ von Bernd Schadewald (vgl. FK-Heft Nr. 11/99) fiktionalisierte dagegen den Stoff stark, indem er das Geiseldrama mit veränderten Namen und Orten rekonstruierte. Hier lag der Schwerpunkt vor allem auf der psychologischen Seite des Verhaltens von Täter und Opfern im Umgang miteinander.

Das Anti-Doku-Drama

Der jetzt ausgestrahlte neue ARD-Zweiteiler benennt alle Beteiligten und Orte bei ihren realen Namen und ist dennoch kein Doku-Drama, etwa in der Tradition von Heinrich Breloer. Man könnte diese Produktion sogar als Anti-Doku-Drama bezeichnen, denn von dem in den Fernseharchiven doch reichlich vorhandenen Original-Filmmaterial macht er so gut wie keinen Gebrauch (abgesehen von einigen kurzen Einblendungen etwa von Schwarzweiß-Fotos). Alle gezeigten Szenen sind eigens für den Film gedreht, dem ein genaues Script zugrunde liegt. In der Darstellung der Ereignisse befolgt er zwar eine strenge Chronologie, aber bei der Übermittlung von Emotionen herrscht keine (epische) Distanz, vielmehr wird der Zuschauer emotional nah ans Geschehen herangeführt. Indem der Film gerade das Nichtstun, das Unterlassen und Herausschieben von Entscheidungen mit dramaturgischer Spannung erzählt, beweist er ein hohes Maß an Kunstfertigkeit. Quälend und zermürbend wirken dabei manche Spielszenen auf den Zuschauer, in einem anderen Moment trifft dann ein gellender Schrei seinen Nerv.

Und dennoch wird auch in der Fiktion das 54 Stunden andauernde Geiseldrama von damals akribisch und detailreich rekonstruiert. Die Physiognomien der die Täter und Opfer spielenden Schauspieler ähneln auffallend ihren realen Vorbildern. Für die aus heutiger Sicht falschen Entscheidungen der Polizei werden – in Teils recht wortlastigen Filmpassagen – Gründe vermittelt, die diese Entscheidungen dennoch plausibel machen. Regie und Drehbuch bemühen sich um eine historisch genaue Wiedergabe der 1980er Jahre nicht nur in der Ausstattung des Films, sondern auch hinsichtlich der dargestellten Mentalität aller Beteiligten. Und das gibt wiederum diesem Film, der partout kein Doku-Drama sein will, die Authentizität des Dokumentarischen.

Auffallend ist jedoch der Kontrast zwischen der realistischen Rekonstruktion des Tatgeschehens und denjenigen Filmpassagen, die sich mit den beiden Opfern Emanuele De Giorgi und Silke Bischoff beschäftigen. Sie, denen im unmittelbaren Geschehen nur eine weitgehend passive Rolle gegeben ist, sollen dadurch im Filmgeschehen an Bedeutung gewinnen. Erstmals finden sich solche Szenen, die die Lebenswelten der beiden Opfer in einer eigenen Filmsprache widerspiegeln, in der zweiten Hälfte des ersten Teils. Im zweiten Teil des Films nehmen sie dann einen bedeutenden Platz ein. Sie sind sofort als rein fiktiv erkennbar, weil sie optisch verfremdete, gleichsam weichgezeichnete Szenarios mit einem veränderten Erzähltempo darstellen.

„Dieser Film musste radikal, elliptisch, fragmentarisch, instabil werden, um die Unberechenbarkeit dieser Geiselnahme und die damit verbundene ständige Gefahr und Überforderung von Opfern und Polizei für den Zuschauer körperlich erlebbar zu machen.“ So charakterisiert Regisseur Riedhof seine Arbeitsweise bei diesem Zweiteiler. Es gehe darum, „die innere, psychische Realität dieses Verbrechens in seiner düsteren Sakralität zu fassen“. Das sind starke Worte, die erst verständlich werden, wenn man sie auch als entschiedene Abgrenzung gegen die älteren Verfilmungen des Geiseldramas versteht. Die früheren Versionen hätten überwiegend die Täter ins Zentrum ihrer Darstellung gerückt, meinte denn auch Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt, weshalb man nun bewusst ein größeres Gewicht auf die Darstellung der Opfer habe legen wollen. Schmidt hat den Fall noch einmal recherchiert und dazu unter anderem die Berichte der Landtagsuntersuchungsausschüsse zu den Vorgängen in Bremen und Köln herangezogen; Drehbuchautor Riedhof hat persönliche Gespräche mit Zeitzeugen geführt. Diese erneute Verfilmung des Geiseldramas ist zweifellos die am besten gelungene.

Gladbeck dokumentarisch

Dennoch bleibt beim Zuschauer gerade hinsichtlich dieser Form der Verlebendigung der Opfer ein Unbehagen, weil man sie dennoch als unbefriedigend empfindet. Das wurde erst durch die im Anschluss an den zweiten Teil des Fernsehfilms ausgestrahlte Dokumentation von Nadja Kölling aufgehoben. So beginnt sie – wie das auch der zweite Teil des Fernsehfilms tut – mit den Vorgängen im Bremer Linienbus; vom eigentlichen Banküberfall wird erst im Anschluss daran berichtet. Der Schwerpunkt der 45-minütigen Dokumentation liegt auf dem Geschehen in Bremen, weil auch für Kölling die aus Bremen stammenden Geiseln und nicht die Täter im Vordergrund stehen sollen.

Die Autorin befragt Angehörige der Opfer und Zeitzeugen des Geschehens nach ihrer heutigen Sicht auf die Ereignisse und dazu, welche Folgen das Geiseldrama für sie hatte. Unter den Zeitzeugen befindet sich auch jener Pressefotograf, der in Bremen zum Vermittler zwischen den Geiselnehmern und der Polizei wurde. Insbesondere beeindrucken die Gespräche mit der Mutter von Silke Bischoff und der jüngeren Schwester von Emanuele De Giorgi. Sie vermitteln mehr über die jeweilige Persönlichkeit der beiden getöteten Geiseln, als dies den so kunstvoll fiktionalisierten Spielszenen im vorangegangenen Fernsehfilm gelingen konnte.

Nadja Kölling hat im Übrigen aus Anlass des 20. Jahrestags des Geiseldramas schon einmal eine Dokumentation zu diesem Thema erstellt, nämlich den Film „54 Stunden – Das Geiseldrama von Gladbeck“, ausgestrahlt am 10. August 2008 bei RTL als Schwerpunktsendung des „Spiegel TV Magazins“ (vgl. FK-Kritik). Darüber hinaus hat es bereits zahlreiche weitere rein dokumentarische Aufarbeitungen des Falls gegeben. So erinnerte beispielsweise der Fernsehsender Vox zum 10. Jahrestag mit der Reportage „54 Stunden Angst – Das Geiseldrama von Gladbeck“ und anschließender Diskussionsrunde an das Geschehen (vgl. wiederum diesen FK-Artikel). Neue Fernsehdokumentationen zum Fall Gladbeck wurden dann wieder anlässlich des 20. Jahrestags im August 2008 ausgestrahlt, beispielsweise am 13. August im Dritten Programm WDR Fernsehen Michael Grambergs 90-minütiger Film „Gladbeck – Dokument einer Geiselnahme“ (vgl. wiederum diese FK-Kritik). Gramberg hatte bereits 2006 eine kürzere Dokumentation über dieses Thema für die ARD gemacht. Das ZDF bedachte am 11. August 2013 den 25. Jahrestag mit einer Dokumentation innerhalb seiner Reihe „ZDF-History“ („Das Geiseldrama von Gladbeck“ von Uli Weidenbach).

Von Lebach über Gladbeck nach München

Das Geiseldrama von Gladbeck erinnert mit seinen weitreichenden Folgen auch und gerade für die Mediendebatte hierzulande an einen Fall aus den Zeiten vor der Einführung des kommerziellen Rundfunks, den Fall Lebach. Es ging dabei um den Überfall eines Waffendepots der Bundeswehr im Jahr 1969, bei dem drei Soldaten ums Leben kamen. Die beiden Haupttäter wurden 1970 zu lebenslanger Haft verurteilt. 1972 produzierte das ZDF dazu ein zweiteiliges Dokumentarspiel, dessen Ausstrahlung durch das Bundesverfassungsgericht im sogenannten Lebach-Urteil (1973) wegen Gefährdung der Resozialisierung der Täter verboten wurde. Es war ein auch für die Medienpolitik folgenreiches Urteil, maßgebend für ein neues Verhältnis von Rundfunkfreiheit und Persönlichkeitsrecht angesichts der gewachsenen Bedeutung der Medien. So wurde das ZDF-Dokumentarspiel nie öffentlich gesendet. 1996 produzierte dann Sat 1 die Dokumentation „Der Fall Lebach“, die erst im Januar 2005 nach einem längeren juristischen Streit ausgestrahlt werden konnte (vgl. FK-Heft Nr. 50/04). In der ARD wurde 2001 innerhalb der Reihe „Die großen Kriminalfälle“ die Dokumentation „Soldatenmord – Die Schüsse von Lebach“ gesendet; hier rekonstruierte die Autorin Inge Plettenberg den Fall vor allem aus der Perspektive der Kriminalpolizei und der Prozess-Berichterstatter.

Seit dem Lebach-Urteil gelten im Zusammenhang mit Kriminalfällen strengere Regeln für die Medien hinsichtlich einer notwendigen Anonymisierung von Tätern. Bei der jetzigen Verfilmung des Gladbecker Geiseldramas wurden nunmehr alle Beteiligte beim Klarnamen genannt. Allerdings hat einer der Täter, Dieter Degowski, der, fast zeitgleich mit der Ausstrahlung des ARD-Zweiteilers nach über 30 Jahren, als mittlerweile 61-Jähriger Mitte Februar aus der Haft entlassen wurde, das Recht erhalten, einen neuen Namen anzunehmen. Jürgen Rösner, der andere, noch in Haft sitzende Täter, hat erfolglos gegen die Verfilmung geklagt.

Gehört der Fall Lebach aus heutiger Sicht quasi zur Steinzeit der Mediengeschichte, so hat auch das Gladbecker Geiseldrama längst historische Patina angenommen. In der Dokumentation von Nadja Kölling weist beispielsweise einer der befragten Polizisten darauf hin, dass es bis zu jenem Zeitpunkt „noch nie einen Toten bei einer Geiselnahme gegeben“ habe. Die deutsche Polizei sei damals auf einen solchen Verlauf des Geiseldramas nicht vorbereitet gewesen. Im Staunen über diese Feststellung kommt zu Bewusstsein, in welchen Maß man sich inzwischen an brutale Verbrechen und die Berichterstattung darüber ‘gewöhnt’ hat. Seit am 11. September 2001 das World Trade Center in New York Ziel eines islamistischen Terroranschlags wurde, der viele Menschen in den Tod riss, haben zudem solche Medienereignisse zumeist auch eine politisch-ideologische und globale Dimension.

Im Vergleich dazu erscheint Gladbeck heute nur noch als Ort eines rein kriminellen, nicht politisch motivierten Geschehens, dessen Nachwirkungen auf Deutschland beschränkt blieben. Ebenso gibt es längst eine neue ‘Qualität’ in der Live-Berichterstattung der Medien von einem Verbrechen, wie sie sich besonders 2016 bei dem Attentat von München im Olympia-Einkaufszentrum gezeigt hat. Hier wurden Polizei und Öffentlichkeit offensichtlich durch Falschmeldungen in den sozialen Medien zu falschen Schlussfolgerungen verleitet. So könnte es gut sein, dass dieser 30. Jahrestag des Gladbecker Geiseldramas auch der letzte gewesen ist, der von so großer medialer Aufmerksamkeit begleitet wurde.

 

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Die Zuschauerzahlen: Der zweiteilige Spielfilm Gladbeck, der von der ARD exzessiv durch Einblendungen in laufende Sendugen beworben wurde (so dass man fast glauben konnte, das Erste sei durch Rudfunkbeitragsgelder finanziertes Privatfernsehen), hatte folgende Einschaltquoten: Teil 1 am Mittwoch, 7. März 2018: 5,01 Mio Zuschauer, Marktanteil: 15,3 Prozent; Teil 2 am Donnerstag, 8. März 2018: 4,04 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,9 Prozent (jeweils 20.15 bis 21.45 Uhr).

Die ARD-Talkshow Maischbeger, in der am 7. März 2018, das Gladbecker Geiseldrama Thema war, hatte 1,42 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 8,9 Prozent (22.45 bis 0.00 Uhr).

Die Dokumentation Das Geiseldrama von Gladbeck – Danach war alles anders, die am 8. März 2018 direkt im Anschluss an den zweiten Teil des Spielfilms ausgestrahlt wurde, hatte 3,77 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 13,0 Prozent (21.45 bis 22.30 Uhr).

24.03.2018 – MK

Print-Ausgabe 13/2018

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