Das Böse im Menschen. True‑Crime‑Talk, 4‑teilige Reihe (ZDF)

Rätsel über Rätsel

19.09.2020 •

Mit seinen 44 Jahren hat Sven Voss bereits eine wahrlich erstaunliche Anzahl von Formaten und Sendungen moderiert. Das geht von den „Logo!“-Nachrichten im Kinderkanal (Kika) über die „Drehscheibe“, das Boulevardmagazin „Hallo Deutschland“ und das Wissensmagazin „Klar“ bis hin zum „Aktuellen Sportstudio“ (alles ZDF), wo er nach wie vor zum Moderatoren-Team gehört. Hinzu kommen seine Einsätze bei vielen Sportübertragungen und für Formate des Dritten Fernsehprogramms des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), etwa das Wissensmagazin „Echt“. Und für das Reality-Format „Lebensretter“ und das Ombudsmann-Magazin „Voss & Team“ steht Sven Voss für den ARD-Sender nach wie vor regelmäßig vor der Kamera. Mit Kapitalverbrechen hatte der umtriebige Mann bislang beruflich noch nichts zu tun, aber für solch einen erfahrenen Allrounder ist es natürlich kein Problem, trotzdem auch noch durch eine ZDF-Sendereihe über spektakuläre Mordfälle zu führen. Wobei führen die Sache nicht ganz trifft. Denn über die Rolle eines Stichwortgebers kommt Sven Voss in diesem Fall nicht hinaus.

Das Format heißt „Das Böse im Menschen“ und umfasst vier jeweils 30-minütige Gesprächssendungen, in denen insgesamt fünf Mörder und deren Untaten vorgestellt und analysiert werden. Dazu sitzt Voss in einem dezent ausgeleuchteten, auf Retro-Gemütlichkeit getrimmten Ministudio (zwei Ledersessel, Tischchen, Stehlampe) der Kriminalpsychologin Lydia Benecke gegenüber, die über die einzelnen Fälle referiert. Man duzt sich, aber ein Gespräch kommt dabei nicht wirklich zustande. Auch wenn Sven Voss sich zu Beginn jeder Folge nach Nennung seines Namens mit „Ich bin Journalist“ vorstellt. Was vermutlich irgendwie als Kompetenznachweis gedacht ist.

Frauen machen bekanntlich eher seltener als Männer durch Morde von sich reden. Doch die ZDF-Reihe beginnt mit einer Frau. Für die erste Episode hat man den Fall der US-Amerikanerin Gertrude Baniszewski ausgewählt, die 1965 im Keller ihres Hauses ein Mädchen zu Tode folterte, das zusammen mit ihrer Schwester als Pflegekind in die Familie Baniszewski gekommen war. Sven Voss stellt dazu die Frage: „Lydia, in was für eine Familie kamen die beiden Schwestern?“ Woraufhin die Psychologin ausführlich von kindlichen Traumata erzählt, von gescheiterten Beziehungen und finanziellen Problemen der Gertrude Baniszewski, die auch ihre leiblichen Kinder zwang, sich an Misshandlungen des Mädchens zu beteiligen. Der Fall sorgte damals international für Aufsehen und die Schriftstellerin Kate Millett verfasste ein Buch darüber („Im Basement“), in dem sie bereits über die sexuelle Komponente der Tat spekulierte. Aber dieser Faktor, weiß Lydia Benecke nun zu berichten, habe in den gerichtlichen Untersuchungen keine Rolle gespielt.

In der zweiten Folge geht es um den Serienmörder Manfred S., der in den 1990er Jahren mutmaßlich mehrere Frauen im Großraum Frankfurt am Main brutal ermordet hat. Warum der Klarname des nicht mehr lebenden Mannes hier nicht angegeben und sein Gesicht auf einem Foto verpixelt ist, wird nicht erklärt. Womöglich hat es damit zu tun, dass einige Ermittlungen noch immer andauern. Der Name des Mörders ist jedenfalls öffentlich bekannt (es gibt auch einen langen Wikipedia-Eintrag über ihn). Als Täter geriet der Hesse erst unter Verdacht, als eine Tochter nach seinem Ableben 2014 in einer Garage auf Leichenteile stieß, die er als Trophäen gesammelt hatte. Auch diesmal stellt Sven Voss wie in jeder der vier Folgen irgendwann eine seiner Standardfragen: „Lydia, warum haben die Nachbarn nie etwas bemerkt?“ Worauf die Psychologin ihm bescheinigt, dass die jeweilige Frage „sehr gut“, „interessant“ oder „sehr spannend“ sei und in diesem Fall auf die schauspielerischen Qualitäten von Serienkillern verweist.

In der dritten Folge wird dann in gleicher Manier der Fall von Howard Holmes besprochen, der in den USA in den 1890er Jahren mindestens 27 Menschen tötete. Man hätte als historischen Serienkiller auch Jack the Ripper nehmen können, aber das erschien den Machern der Reihe womöglich doch zu naheliegend. In der abschließenden Folge stehen dann mit Jürgen Bartsch und Erwin Hagedorn gleich zwei deutsche Serienmörder im Fokus des Interesses. Womöglich wollte man mit dieser Dopplung einem Ost-West-Proporz Genüge tun. Das Ganze wird dann aber auch noch unter der Überschrift „Der Fall Erwin Hagedorn und Jürgen Bartsch“ verhandelt, obwohl es sich um zwei ganz ungleiche Fälle handelt. Und die Unterschiede werden vor allem in der Umgangsweise mit den Straftaten der beiden mehr als deutlich. Während im Fall Hagedorn die DDR-Behörden kaum umfangreiche Untersuchungen zu dessen Biografie und Psyche durchführten und nur ein Jahr nach seiner Verhaftung die Todesstrafe an ihm vollstreckten, sind Leben und Taten des Jürgen Bartsch in der Bundesrepublik bis in kleinste Detail untersucht und analysiert worden. Unter anderem von Lydia Beneckes Ex-Ehemann, dem forensischen Biologen Mark Benecke.

Unter dem Strich wirft das vom ZDF als „True-Crime-Talk“ bezeichnete Format gleich eine ganze Reihe von Fragen auf, die nicht kriminalistischer Natur sind. Zum einen die, welche Rolle im einer Gesprächssendung Autoren zukommt. Hier zeichnen Miriam Weinandi und Bernd Reufels, beide zugleich Geschäftsführer der Produktionsfirma Kelvinfilm, für Buch und Regie verantwortlich. Reduziert sich für die beiden die Autorschaft auf Recherche oder haben sie den beiden True-Crime-Talkern auch die kompletten Texte geschrieben? Bei Lydia Benecke kaum vorstellbar, bei den dürftigen Fragen von Sven Voss durchaus.

Nicht minder rätselhaft ist der Ausstrahlungsmodus der Reihe. Warum werden alle vier Folgen im ZDF-Programm nächtens von 1.20 bis 3.20 Uhr hintereinander gezeigt? Dann kann man das Ganze auch gleich ausschließlich für die Mediathek produzieren. Wo die einzelnen Episoden ja nach wie vor weiterhin zu sehen sind. Wobei allerdings drei von vier Folgen aus Jugendschutzgründen nur zwischen 22.00 und 6.00 Uhr abrufbar sind, so man sich gegenüber dem ZDF nicht als mindestens 16-Jähriger ausgewiesen hat. Nur die Episode über den Fall Holmes ist rund um die Uhr abrufbar. Dabei sind alle Folgen komplett gleich gestrickt sind und auch hinsichtlich der Brutalität der verhandelten Taten ist eigentlich kein Unterschied auszumachen.

Am Ende war dieser Vierteiler womöglich aber auch nur ein Aufwärmprogramm für Sven Voss und Lydia Benecke. Da das ZDF weiterhin auf der True-Crime-Welle reiten will, stehen die beiden derzeit für die neue Reihe „Tod in...“ vor der Kamera. In diesem Format, das ebenfalls von Kelvinfilm produziert wird, soll echten Verbrechen an echten Tatorten nachgespürt werden soll. Sendetermine dafür gibt es noch nicht.

19.09.2020 – Reinhard Lüke/MK

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Die einzelnen Folgen der Reihe „Das Böse im Menschen“

• Ausstrahlung aller vier Folgen am Programmtag 27. Juli 2020 im ZDF:

1.20 bis 1.50 Uhr: Der Fall Gertrude Baniszewski – Die Macht über Leben und Tod (205.000 Zuschauer, Marktanteil: 4,3 Prozent)

1.50 bis 2.20 Uhr: Der Fall Manfred S. – Serienmörder und Familienvater (157.000 Zuschauer, Marktanteil: 4,0 Prozent)

2.20 bis 2.50 Uhr: Der Fall Howard Holmes – Vom Hochstapler zum Serienmörder (184.000 Zuschauer, Marktanteil: 5,4 Prozent)

2.50 bis 3.20 Uhr: Der Fall Erwin Hagedorn und Jürgen Bartsch – Junge sadistische Mörder (119.000 Zuschauer, Marktanteil: 3,7 Prozent)

19.09.2020 – MK

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