Daniel Vernon: Super Duper Plastic Man – Die vergessene Funk-Legende Ike White (NDR Fernsehen)

Soul, Lügen und Videotapes

17.11.2020 •

Jerry Goldstein, Jahrgang 1940, ist ein geschäftstüchtiger Komponist, Musikproduzent und Unternehmer, beruflich verbunden mit Größen wie Sly Stone, Jimi Hendrix, Eric Burdon oder Isaac Hayes. Gegen Ende von Daniel Vernons Dokumentarfilm „Super Duper Plastic Man“ treten Goldstein sichtlich Tränen in die Augen. Ein ungewöhnliches Sentiment für einen Musikmanager. Erst recht, da Goldstein auch Koproduzent dieses Films ist. Die Fragen des Interviewers können daher kaum überraschend gekommen sein.

Goldsteins Gefühlswallung entspringt der Erinnerung an einen Musiker, dem es nicht vergönnt war, in den Olymp der Rockmusik aufzusteigen: Ike White. Alias David White. Alias David Ontiveros. Alias David Maestro. Die Lebensgeschichte dieses musikalisch und künstlerisch hochbegabten Mannes liefert reichlich Stoff für mögliche Hollywood-Melodramen.

Geboren wurde Ike White 1945 in Chicago. Nach Whites Darstellung spielte sein Vater Keyboard in Ella Fitzgeralds Band (was sich auf Anhieb nicht verifizieren ließ) und seine Mutter übte mit ihrem Sohn Chopin am Klavier. Der frühe Tod des Vaters, die Finanznot der Familie und gewalttätiger Rassismus warfen den 16-Jährigen aus der Bahn. Der junge Schwarze schloss sich Gangstern an, bei einem ihrer Raubüberfälle fiel ein Schuss, ein Laden­besitzer starb. Das Urteil für den 19-jährigen White: lebenslänglich.

Im Gefängnis machte er weiter Musik, komponierte, unter anderem als Mitglied der San Quentin Prison Band. Der Musikproduzent Jerry Goldstein hörte davon, erkannte Whites Talent und verfolgte die (gewiss auch werbewirksame) Idee, mit einem eigens gebauten mobilen Aufnahmestudio innerhalb der Gefängnismauern ein Album mit Ike White einzuspielen. Trotz vieler Widerstände gelang das Vorhaben. Ergebnis war das 1974 erschienene Soul-Funk-Album „Changin’ Times“ – wenig bekannt, aber in Musikerkreisen hochgeschätzt, von heutigen HipHop-Stars häufig gesampelt. Auch Stevie Wonder erfuhr von dem Ausnahmetalent, vermittelte einen Anwalt, Ike White kam frei. Branchenkenner prophezeiten ihm eine große Zukunft. Doch nach über zehn Jahren in einer brutalen und auch mörderischen Umgebung war White von der Freiheit überfordert. Offenbar ließ er sich auf fragwürdige Geschäfte ein. Und verschwand von der Bildfläche.

Der britische Dokumentarfilmer Daniel Vernon wurde 2014 durch Zufall auf die „Changin’-Times“-Platte, deren Schöpfer und dessen nicht alltägliche Geschichte aufmerksam. Er machte Ike White in Kalifornien ausfindig, wo er unter dem Namen David Maestro als Bühnenunterhalter tätig war, während sich seine Ehefrau Lana Gutmann als Managerin bemühte, Maestro alias White einen neuen Plattenvertrag zu verschaffen. Beide hießen das Filmteam willkommen. Ike White war bereit, seine Geschichte zu erzählen, und überließ Daniel Vernon sein unglaublich umfassendes Archiv – Fotos, Tonkassetten und Videotapes, selbst Aufnahmen seines Anrufbeantworters. Material, das sein Leben seit seinem Verschwinden in den 1970er Jahren dokumentierte. Gegenüber dem Interviewer Vernon gab sich White als gereifter Mann, der viele Dinge bereut, aber an der Seite der gebürtigen Russin Lana seinen Frieden gefunden hat und erstmals bereit ist, über seine bewegte Vergangenheit zu sprechen.

Während einer Produktionspause, es war das Jahr 2018, erhielt Daniel Vernon daheim in England einen Anruf von Lana Gutmann: Ike White war tot. Er hatte sich selbst das Leben genommen. Das Filmprojekt schien gescheitert. Doch Vernon erwartete eine weitere Wende. Gemeinsam mit Lana Gutmann ordnete er Ike Whites Nachlass. Und sie entdeckten Zeugnisse eines Vorlebens, das White seiner Ehefrau gegenüber unterschlagen oder über das er gelogen hatte. Gutmann und Vernon entschieden, die Dreharbeiten fortzusetzen. Mit Lana Gutmann als Protagonistin, die die Vergangenheit ihres verstorbenen Ehemanns erforscht. Die Reise führte nach Arizona, dann nach Las Vegas. Wie sich zeigte, hatte der ruhelose White, der dreimal seinen Namen wechselte, zuvor schon andere Ehefrauen und zahllose Affären, war Vater mehrerer Kinder. Er hatte versucht, ein bürgerliches Familienleben zu führen, aber immer wieder scheiterte er an seiner gebrochenen Persönlichkeit, die Züge einer Borderline-Erkrankung aufweist.

Der Dokumentarfilm „Super Duper Plastic Man“, der nun spät nachts im Dritten Programm NDR Fernsehen ausgestrahlt wurde, ist eine Koproduktion der britischen BBC mit dem Norddeutschen Rundfunk. Bei der deutschen Ausstrahlung gibt es noch den Untertitel „Die vergessene Funk-Legende Ike White“. Der internationale Titel des 80-minütigen Films lautet „The Changin’ Times of Ike White“ und er bezeichnet sehr treffend den Inhalt. Ike White, der sich auch als bildender Künstler betätigte, hinterließ seinem Biografen Vernon eine wahre Schatztruhe, eine Überfülle an Material. Daraus hätte ein retrospektiver Bilderbogen nach geläufigem Muster werden können, unterbrochen von Zeitzeugen- und Expertenaussagen. Solche Interviewszenen gibt es auch in „Super Duper Plastic Man“ – der deutsche Haupttitel zitiert einen Song von White –, aber sie folgen keinem vorgefertigten Drehbuch, lassen keine Absprachen erkennen, sondern bescheren den Beteiligten und damit zugleich dem Publikum ständig neue und unerwartete Erkenntnisse.

Daniel Vernon, der hier selbst die Kamera führte, und die Cutter Paul Dosaj und Adam Finch wissen das Archiv- und das neu gefilmte Material so meisterlich zu montieren, dass die Zuschauer dem zeitlebens erratischen Ike White und seinen Lebensumständen näherkommen, als man es von vergleichbaren Musikerporträts, deren Autoren häufig zur Hagiografie tendieren, ansonsten gewohnt ist. „Super Duper Plastic Man“ ist weit mehr als ein konventionelles dokumentarisches Stationendrama. Wie nebenbei illuminiert dieser Film den US-amerikanischen Rassismus, der Ike Whites Jugend prägte und für die unangemessen hohe Gefängnisstrafe verantwortlich war, gegen deren Aus- und Nachwirkungen er den Rest seines Lebens zu kämpfen hatte. Bis er am Ende kapitulierte. Ein Verlust, der selbst den Musikmogul Jerry Goldstein zu Tränen rührte. („Super Duper Plastic Man – Die vergessene Funk-Legende Ike White“ ist noch bis zum 29. Dezember 2020 in der NDR-Mediathek abrufbar.)

17.11.2020 – Harald Keller/MK

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