Daniel Kehlmann/Karl Markovics: Das letzte Problem (Arte)

Der seltsame Kommissar Horak

04.02.2020 •

Welches Zimmer sein Assistent Freitag bewohnt in dem Berghotel, in dem sie seit Tagen eingeschneit sind? Kommissar Horak (Karl Markovics) hat keine Antwort auf diese Frage. Und das, wo er doch „sonst immer alles weiß“, wie der speichelleckerische Freitag (Stefan Pohl) dem altgedienten Ermittler gerne sagt, um ihm mal wieder Honig ums Maul zu schmieren. Diesmal aber tritt Freitag fordernder, diabolischer, selbstbewusster auf als sonst: „Wenn Sie wüssten, warum Sie nicht wissen, wo es ist – das wäre das letzte Problem.“ Heißt: das letzte Problem, das der alte Kommissar zu lösen hätte. Horak ahnt, dass mit der Lösung dieser Frage das ganze Kartenhaus seiner Existenz, sein Selbstbild einstürzen würde – und wirft sich eine Überdosis Tabletten ein.

Der bei Arte zu sehende Film „Das letzte Problem“ (Produktion: Superfilm) aus der „Landkrimi“-Reihe des Österreichischen Rundfunks (ORF) ist kein gewöhnlicher Krimi, sondern das Psychogramm eines abgehalfterten, geschassten, einst erfolgreichen Ermittlers, den Hybris und Eitelkeit in den Wahnsinn treiben. Zunächst aber sieht alles nach einem klassischen Whodunit à la Agatha Christie aus. Ein tief verschneites Familienhotel in den Bergen, abgeschnitten von der Außenwelt. Ein ebenso rätselhafter wie perfekter Mord. Eine Hotelchefin (Maria Fliri), die, um keine Panik unter den zahlreichen Wintergästen auszulösen, den Vorfall geheimhalten will (was natürlich misslingt). Ein zufällig anwesender Kommissar (eben Horak), der die Ermittlungen übernimmt. Kurz darauf ein zweiter, ebenso unerklärlicher Mord. Man erwartet eine Story etwa im Stile des Agatha-Christie-Romans „Und dann gab’s keines mehr“, bei dem sich die Zahl der (lebenden) Anwesenden an einem geschlossenen Schauplatz immer weiter reduziert.

Doch dann biegt der von Bestsellerautor Daniel Kehlmann geschriebene und von Hauptdarsteller Karl Markovics inszenierte Film von seinem scheinbar vorhersehbaren Pfad ab, in Richtung einer psychologisch vertrackten Persönlichkeitsstudie und Gespenstergeschichte. Zunehmend seltsamer verhält sich der Ermittler. Und diese Veränderung fällt zusammen mit dem Auftauchen der jungen Dorfpolizistin Landner (Julia Koch), die sich nach einem anonymen telefonischen Hinweis auf den beschwerlichen Weg zum Hotel gemacht hat. Von deren Selbstbewusstsein und ermittlerischem Instinkt ist Horak überrascht – und herausgefordert. Weshalb seine herrischen, größenwahnsinnigen Tendenzen immer stärker zutage treten, was vor allem Assistent Freitag zu spüren bekommt.

Dessen Name verweist natürlich auf den sogenannten „Wilden“, dem Daniel Defoes Romanheld Robinson Crusoe einst den Namen „Freitag“ gab (für den Tag, an dem Crusoe ihm das Leben rettete) und ihm damit, jedenfalls in der kolonialistischen Logik des Romans, sozusagen überhaupt erst eine Existenz verschaffte – eine, die qua Namen auf ewig mit ihrem „Erschaffer“ verknüpft ist und damit auch ein Hierarchieverhältnis beschreibt. Ähnlich verhält es sich nun mit Horaks Assistent Freitag, dessen einzige Existenzberechtigung darin zu liegen scheint, mit der eigenen Begriffsstutzigkeit die Genialität seines Gegenübers umso mehr leuchten zu lassen. Kehlmann und Markovics übertragen diese Meister-Diener-Konstellation (Achtung, Spoiler!) stimmig in unsere Zeit und Breitengrade: Freitag entpuppt sich als Wahnvorstellung Horaks, als das letzte Problem des Kommissars.

Diese zentrale Erzählung des Films wird grundsätzlich geschickt entwickelt und schließlich aufgelöst, gerät aber in der konkreten Umsetzung zu zäh. Regisseur Karl Markovics legt den Fokus allzu stark auf den Wahn der von ihm selbst gespielten Hauptfigur. Was – trotz der hier gezeigten großen Schauspielkunst – zu langatmigen Dialogen zwischen Horak und Freitag führt und in der Konsequenz auch zu einer Vernachlässigung der weiteren Figuren. Bis auf Ausnahmen (die Dorfpolizistin, die Hotelchefin und ihr von Max Moor gespielter Bruder) gewinnen diese Figuren zu wenig Profil und bleiben eher Staffage. So wirkt dann in diesem Film ein Schauspieler wie Marc Hosemann als Hotelgast völlig verschenkt und auch die Tochter der Hotelchefin bleibt trotz gar nicht so geringen ‘Spielvolumens’ ihrer Darstellerin Laura Bilgeri gänzlich blass.

Tatsächlich zeigt „Das letzte Problem“ die seltene Eigenart, dass es nicht selten mehr Spaß macht, im Nachklapp über einen Film nachzudenken, als ihn zu sichten. Was ja nicht wenig ist! Als psychologische Gedankenspielerei jedenfalls überzeugt der atmosphärische, vom Setting her starke Krimi, der auch über einen schönen leisen Humor verfügt. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass hier Karl Markovics mit einer übermäßigen Betonung der eigenen Rolle doch ein wenig der eigenen Eitelkeit aufsaß – durchaus analog zu seiner Figur Horak.

04.02.2020 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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