Daniel Hernandez: FC Barcelona – Das Jahr der Entscheidung (Arte)

Der richtige Kick

03.06.2005 •

Die Geschichte ist wie gemacht für eine spannende Dokumentation: mit Stars, großen emotionalen Momenten und grellen Klischees. Eine Gruppe gutsituierter, erfolgsgewohnter Manager, alle um die 40, übernimmt am 15. Juni 2003 die Führung des traditionsreichen Fußballklubs FC Barcelona. Seit Jahren hat der Verein keine Titel und Pokale mehr geholt, ist aber dafür extrem hoch verschuldet und eigentlich schon mit der Insolvenz auf Tuchfühlung. Dennoch ist „Barça“ einer der größten Fußballklubs der Welt, dessen 100 000 Mitglieder im Prinzip alle gleichzeitig in Europas größtem Stadion Platz finden könnten. Bereits die Hubschrauber-Kamerafahrt auf Barcelona zu und der Blick aus der Vogelperspektive in die vollbesetzte Arena Nou Camp, womit Daniel Hernandez’ deutsch-englisch-spanische Koproduktion (Arte/ZDF/BBC/Alea TV/Gebrüder Beetz Filmproduktion) beginnt, verdeutlichen die gigantischen Dimensionen.

„FC Barcelona“, so der (Haupt-)Titel dieser Sport-Doku, erzählt nicht nur ein Fußballmärchen. Der Autor und Regisseur beleuchtet die komplexen Beziehungen zwischen den konservativen Strukturen in der katalanischen Enklave, für die Fußball einen wesentlicher Integrationsfaktor darstellt, und den wirtschaftlichen Erfordernissen der modernen Unterhaltungsbranche. Aus dieser Spannung heraus erklären sich auch Machart und Inhalt des knapp 55-minütigen Films, der ein „Jahr der Entscheidung“ (so der Untertitel) in der Geschichte dieses Klubs beobachtet. Denn im Gegensatz zur abgewählten Führungsriege, die sich traditionellerweise nie in die Karten schauen ließ, haben die neuen Jungmanager um den Anwalt Joan Laporta ihr Ehrenamt angetreten unter der Prämisse totaler Transparenz. Erstaunt sind daher nicht allein die Radioreporter, bei denen Laporta und seine Führungsriege völlig offen über Finanztransaktionen und die marode Lage des Vereins berichten. Auch der Fernsehzuschauer ist überrascht über die intime Nähe, mit der sich die Manager bei ihrer nicht immer einfachen Arbeit über die Schulter schauen lassen. Wann hat man schon einmal hautnah miterlebt, wie der Vertrag mit einem Superstar wie Ronaldinho zustande kommt? Wie einem solchen, 30 Mio Euro teuren Kicker vorgelesen wird, dass ihm Sportarten wie Fallschirmspringen vertraglich untersagt sind? Und wie die Sekretärin noch in letzter Sekunde am PC Details in das Vertragsdokument einfügen muss?

Im Gegensatz zur Bayern-München-Doku von Thomas Schadt, der zu sehr auf die Psyche der „Millionarios“ abhob, und zu Dokumentationen über Fans (wie „Solo Ultra“ von Erik Winker) oder Alexander Rogenhagens Studie „The Final Kick“, die Fußball als Medienphänomen im „Global Village“ beschreibt, ist Daniel Hernandez erstmals ein Film über die Strukturen des Geschäfts mit dem rollenden Leder geglückt. Ein Glücksfall für die Produktion ist die dabei abenteuerliche Saison 2003/04 in der ersten spanischen Liga, deren Verlauf als dramaturgischer (Spannungs-)Bogen dieser Mischung aus Reportage und Doku-Soap erst den richtigen „Kick“ verleiht. Denn ähnlich wie in einem einschlägigen Sportlerfilm aus Hollywood geht für das neue Management zunächst alles schief, was schiefgehen kann. Trotz Ronaldinhos Zaubertoren verlieren die hochbezahlten Fußballer um den noch unerfahrenen neuen Trainer Frank Rijkaard zunächst Spiel um Spiel. Sehr genau zeigt der Film unterdessen, wie das notwendige Geld zur Konsolidierung der drückenden Schulden aber ausschließlich durch sportliche Erfolge erzielt werden kann. Die Kamera ist während mehrerer Krisensitzungen dabei und zeigt, wie das junge Management immer wieder um Problemlösungen ringt und permanent versucht, die Mitgliederzahl weiter zu steigern und damit den Grundstock für die Vereinseinnahmen zu sichern.

Als der sportliche Erfolg sich noch immer nicht einstellt, wittern die abgesägten Altmanager ihre Chance. Gewaltbereite Hooligans, die in der Vergangenheit Schutzgelder und freien Eintritt erpressten, werden engagiert, um Präsident Laporta einzuschüchtern – eine Geschichte, die man nicht erfinden kann. Der Fall geht durch die Presse, und Laporta geht gestärkt aus dieser Konfrontation hervor. Die fußballerische Talfahrt jedoch setzt sich fort, und man hält mit diesen jungen Managern, die der Film geschickt zu Protagonisten aufbaut, den Atem an. Als einer aus der Führungsriege heiratet, kommt sogar der Priester in der Kirche nicht umhin, sich in seiner Predigt auf „Barça“ zu beziehen. Eine unglaubliche Serie mit 17 Siegen in Folge bringt endlich die Wende. Der FC Barcelona wird noch Vizemeister und allein durch die damit erreichte Teilnahme an der Champions League fließt aufgrund der daran geknüpften Medienverträge das Geld in die Kassen, mit dem der Verein den drohenden Konkurs endgültig abwenden und den neuen Kurs beibehalten kann.

Obwohl für eine Dokumentation relativ viele Ausschnitte aus Fußballspielen zu sehen sind, liegt der Schwerpunkt stets auf den Ereignissen hinter den Kulissen. Im Zentrum des Geschehens stehen Manager Laporta und sein Sinn für den, wie er sagt, „Barcelonismus“. Zu verstehen ist darunter eine regionale kulturelle Identität, die sich vor allem in fußballerischem Erfolg ausdrückt. Differenziert dokumentiert der Film, wie Laporta es mit seinem Team auf demokratische Weise schafft, den quasi-mafiösen Stil der Ex-Führung zu überwinden. Dabei ist Hernandez’ Film selbst ein Teil des Umstrukturierungsprozesses, in dem die Ware Fußball sich wandelt von einem rein patriarchalischen Wochenendvergnügen zu einem komplex vermarkteten Medienprodukt. (Dass „FC Barcelona“ trotz allem ein Film bleibt, bei dem allein Männerherzen höherschlagen, muss am Rande auch erwähnt werden.)

Obwohl Joan Laporta unaufhaltsam zum Medienstar avanciert und die angestrebte basisdemokratische Gleichberechtigung in seinem Managerteam dabei teilweise auf der Strecke bleibt, hebt er nicht ab und sucht stattdessen immer wieder die direkte Nähe zu den Fans. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber beim Schauen des Films ist mit Händen zu greifen, dass Laporta durch sein bescheidenes Selbstverständnis den Fans etwas zurückgibt, was die vorherige Führung arglos verspielt hat. Er verkörpert so etwas wie die Figur eines Vaters, der nach außen stets präsent ist und damit permanent demonstriert, dass er sich auch an die Regeln hält, unter denen er angetreten ist: Genau das hat, wie der Film zeigt, die Banken am Ende ebenfalls überzeugt.

Auf mitreißende Weise macht der Film so deutlich, dass von einem modernen Fußballkonzern, der seine Umsätze im Rampenlicht der Medien macht, erwartet wird, dass die Manager sich ebenso ins Zeug legen wie die Spieler auf dem Rasen. Nicht zufällig sind Laporta und sein Team, erstmals in der Vereinsgeschichte, noch jung genug, um sich selbst die Fußballstiefel zu schnüren und auf dem Rasen gegen ihre eigenen Angestellten zum Freizeitkick anzutreten...

Dass der FC Barcelona in der Saison 2004/05 soeben den Meistertitel holte, ist eine über den filmisch dokumentierten Zeitraum hinausgreifende Fortsetzung des Fußballmärchens, das in dieser Dokumentation erzählt wird, die – nebenbei bemerkt – auch durch geschickten Einsatz der Musik und gelungene Zeitrafferszenen überzeugt. Am Ende bleiben eigentlich kaum Fragen offen. Da der Film aus Laportas Perspektive gedreht ist, hätte man vielleicht noch gern ein klein wenig mehr über seinen Werdegang als Anwalt erfahren. Außerdem wäre es doch wirklich interessant zu wissen, was ein Autokrat wie Uli Hoeness, der Manager des FC Bayern München, zu dem hier vorgestellten progressiven Fußballmanagement sagen würde.

03.06.2005 – Manfred Riepe/FK

• Text aus Heft Nr. 22/2005 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

03.06.2005 – FK

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