Dagmar Stöckle: Umtausch-Weltmeister Deutschland – Die Kosten des Retourenrauschs. Reihe „Exakt – Die Story" (MDR Fernsehen)

Kann sich nicht recht entscheiden

27.07.2015 •

Deutschland ist Fußball-Weltmeister. Das weiß jeder. Weniger bekannt ist, dass Deutschland auch „Umtausch-Weltmeister“ ist. Mit dieser sperrigen Formulierung überschreibt und charakterisiert Dagmar Stöckle ihre Reportage, die von Süddeutsche TV produziert und vom Dritten Programm MDR Fernsehen im Rahmen von dessen Reihe „Exakt – Die Story“ ausgestrahlt wurde. Das Thema ist nicht uninteressant, weil hier sehr unterschiedliche Aspekte ineinandergreifen. Es geht um Mediennutzung ebenso wie um die Wirtschaftlichkeit großer Online-Versandhändler. Arbeitsbedingungen in diesen Betrieben zählen ebenso zu diesem Themenbündel wie die tagtäglichen Probleme von Paketboten und die Psychologie des Kunden – der in Deutschland offenbar ein etwas anderes Verhältnis zu seinen Bestellungen hat, als es in den Nachbarländern der Fall ist.

Wie wir im Film erfahren, schicken deutsche Käufer nämlich doppelt so viele Sendungen wieder zurück wie in anderen europäischen Ländern. Am meisten bestellen Frauen mittleren Alters aus den neuen Bundesländern. Die Hälfte der erhaltenen Waren, meist Modeartikel wie Schuhe und Kleidung, wird retourniert. Das ist sogar intendiert, denn die Anbieter werben auf ihren Webseiten damit, dass die Rücksendung kostenlos ist. Sie forcieren damit das, was im etwas unglücklich formulierten Untertitel der Reportage „Retourenrausch“ genannt wird. Dagmar Stöckle wittert hier ein verstecktes Problem: die Kosten. Um der Frage auf den Grund zu gehen, wer die Flut der Rücksendungen eigentlich zahlt, lässt die Filmemacherin vor der Kamera von Testkäufern Online-­Bestellungen aufgeben. Das ist lebendig dargestellt, denn man sieht hier, wie fünf junge Studenten konsumieren, was sie dabei erleben und wie sie darüber reflektieren.

Der Film verfolgt die Bestellungen weiter bis in Europas größtes In riesigen Lagerhallen, die bis zu 30 Meter hoch sind, holen flinke Roboterarme die bestellten Waren aus dem Regal. Die Bilder sind beeindruckend. Menschen, die hier auch beschäftigt sind, arbeiten im Akkord. Komisch nur, dass eine interviewte Arbeiterin genug Zeit zu haben scheint, um der Reporterin Rede und Antwort zu stehen.

Als nächstes tritt der Hermes-Bote auf den Plan, der die Päckchen just in der Zeitspanne an die Kunden auszuliefern versucht, in der erwerbstätige Menschen aufgrund ihrer Beschäftigung nicht zu Hause sind. Der „Götterbote“ kennt das Spiel und drängt das Päckchen dem Nachbarn auf – der natürlich genau dann nicht da ist, wenn man seine erwartete Sendung bei ihm abholen will. Dieses Ärgernis jedoch, das jeder schon einmal selbst erlebt hat, zeigt der Film ganz bewusst nicht. Die Reporterin hat nämlich die Paketfahrer als Leidtragende des „Retourenrauschs“ ausgemacht: „Schon beim Abgeben ist dem Paketboten klar, dass er einen Großteil der Sendungen wieder zurückbekommen wird.“ Mit derartigen Off-Kommentaren wird suggeriert, dass der Bote nicht seinen Job, sondern eine Sisyphusarbeit verrichtet. Außerdem, so erfahren wir, sind nur etwa zehn Prozent der Fahrer fest angestellt. Die Arbeitssituation in der Logistikbranche ist sicherlich verbesserungswürdig. Doch beim Zusehen fragt man sich hier, was genau das mit den Rücksendungen zu tun hat, die ja schließlich ein Teil des Jobs der Fahrer sind.

Um die Problematik auf die Spitze zu treiben, zeigt der Film, wie die Testkonsumenten ihre bestellten Kleider vor der Retoure beschmutzen, eines wird sogar mit einem Brandloch versehen. So will man herausfinden, wie weit man gehen kann und ab welchem Benutzungs- oder sogar Beschädigungsgrad die Händler mit dem Kunden Kontakt aufnehmen. Vor der Kamera erklärt der Verantwortliche eines Online-Versandhandels, dass bis zu fünf Prozent der zurückgesendeten Waren tatsächlich unbrauchbar sind. Ein Psychologe und ein Wirtschaftswissenschaftler kommentieren die Sachlage. Unterdessen beklagt sich vor der Kamera ein Einzelhändler, dass Kunden sich von ihm ausführlich beraten lassen würden, um das Produkt hinterher billiger über das Internet zu kaufen.

Das alles ist nicht uninteressant, bleibt aber trotz ausführlicher Hintergrundrecherche irgendwie ziemlich vage und in der Themenzentrierung etwas diffus. Der halbstündige Film kann sich nicht recht entscheiden, ob er die Ausbeutung von Paketboten kritisiert oder eine fragwürdige Konsummoral anprangert, zu der Kunden ursächlich durch das Angebot einer kostenfreien Retoure verführt würden. Sind die Online-Anbieter die Bösen? Wird hier ein bestimmtes Geschäftsmodell angeprangert oder der Sittenverfall verantwortungsloser Konsumenten? Oder geht es gar um Kapitalismuskritik im Allgemeinen?

Die Frage, wer letztlich die Kosten für die Gratisretoure trägt, bleibt offen. Zudem ist der kommentarlastige Film mit nerviger, ablenkender Dudelmusik unterlegt. Offenbar kommt es der Macherin bzw. den Verantwortlichen, die dieses Format befürworten, nicht so sehr darauf an, dass man den entfalteten Gedanken konzentriert folgt. Auf der eigenen Webseite wirbt Süddeutsche TV für seine Produktionen zwar mit dem Slogan „Qualitätsfernsehen seit 1993“; doch dieser Beitrag war eher durchschnittliches Infotainment-Gebrauchsfernsehen. (Die Reportage ist über die Internet-Seite des MDR noch abrufbar.)

27.07.2015 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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