Constance Colonna-Cesari: Die Diplomaten des Papstes (Arte)

Diskret und geduldig

30.01.2018 • Dem sowjetischen Diktator Josef Stalin wird die herablassende Frage nach den „Divisionen des Papstes“ zugeschrieben. Er hätte wissen können, dass die mögliche Macht eines Papstes weniger auf den Waffen seiner Schweizer Garde beruht, sondern sein Einfluss vielmehr in geduldiger Diplomatie und einem weltweiten Netzwerk durch Priester, Ordensleute und Gläubige besteht. Dass dies umso mehr in der aktuellen weltpolitischen Situation gilt, zeigt die 55-minütige Arte-Dokumentation „Die Diplomaten des Papstes“ von Constance Colonna-Cesari.

Nahostkonflikt, Flüchtlingskrise oder die Tauwetterpolitik zwischen den USA und Kuba, dies sind die aktuellen Arbeitsfelder der Diplomaten von Papst Franziskus. Jedenfalls sind es die Aktivitäten, von denen auch die übrige Welt weiß. Denn absolute Diskretion ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Vermittlung päpstlicher Diplomaten. Dabei geht es – so jedenfalls der Anschein, den die für den Film befragten hochrangigen Mitarbeiter aus dem Staatsekretariat des Vatikans erwecken – nicht allein darum, den Christen etwa in Syrien, Ägypten oder dem Irak zu helfen. Darum auch. Aber es gehe hier in erster Linie um die Menschen, so wird betont, um Menschen, die der Hilfe bedürften. Wenn sie auch Christen seien, umso besser.

Papst Franziskus hat der vatikanischen Diplomatie einen neuen Stellenwert beigemessen und unterstützt dies durch die Ernennung von Kardinälen, etwa des Apostolischen Nuntius in Syrien. Erstmals ist hier mit dem Italiener Mario Zenari ein aktiver Diplomat in den Kardinalsrang gelangt, wie um die Motivation dieses Papstes für die Friedensfindung zu unterstreichen. Es gilt in diesem Fall ebenfalls, Christen zu helfen, selbst wenn das die Unterstützung des syrischen Diktators Baschar al-Assad bedeutet, dessen Regime die christlichen Gemeinden respektiert. Diese Haltung des Vatikans gegenüber Assad wird von der Autorin aber nicht weiter hinterfragt.

Umgekehrt gehört in diesen Zusammenhang auch die Frage, ob ein Verhandeln mit Russlands Präsident Wladimir Putin um einen Frieden in Syrien nicht einen „Pakt mit dem Teufel“ bedeute. Auch da antworten die Vatikan-Diplomaten, die in ihren Ansichten weitgehend von befragten aktuellen und ehemaligen Botschaftern am Heiligen Stuhl unterstützt wurden, dass es indirekt auch darum gehe, Christen im Osten zu unterstützen, in diesem Fall Mitglieder der russisch-orthodoxen Kirche. Es ist ein kompliziertes Geflecht von Forderungen, Rücksichtsnahmen und Absichten.

Jedenfalls wird deutlich, dass Papst Franziskus aktiv in die Weltpolitik eingreift. Allerdings mit Hilfe seiner Mitarbeiter so, dass die Welt es erst bemerkt, wenn belastbare Ergebnisse vorliegen. Wie etwa in den neuen Beziehungen zwischen den USA und Kuba, die jahrzehntelang vorbereitet wurden. Leise Signale an beide Seiten senden, diskret und gut informiert sein und das extrem gute Netzwerk der katholischen Kirche nutzen – das hat auch hier funktioniert. Und als US-Präsident Donald Trump 2017 den Papst besuchte, hat er dem Pontifex zum Abschied versprochen, nicht zu vergessen, was Franziskus zu ihm gesagt habe. Das nämlich war die Aufforderung an Trump, die zarten neuen Beziehungen zwischen den lange verfeindeten Staaten nicht zu stören.

Zu Beginn seines Pontifikats hat Franziskus seiner Kirche aufgetragen, an die Peripherie zu gehen, also zu den Zurückgelassenen, Unterdrückten und Armen. Er selbst lebt das vor, wenn er etwa auf Lampedusa und Lesbos Flüchtlinge besucht oder wenn er nach Kuba reist, nach Kolumbien oder nach Georgien. Auch bei der Flüchtlingskrise schaltete sich der Heilige Stuhl aktiv ein und setzte ein demonstratives Zeichen, indem der Papst selbst syrische Flüchtlinge im Vatikan aufnahm. Ihm geht es um die vergessenen Konflikte in der Welt, er will die Völker am Rand wieder eingliedern. Und auf diese Weise auch Nichtkatholiken einen Ausblick auf die Welt der Zukunft bieten. Das nicht zuletzt ist Auftrag an die Diplomaten des Papstes.

Constance Colonna-Cesari besucht mit Vatikan-Diplomaten im irakischen Kurdengebiet Erbil und Mossul, zwei Städte, die erst vor kurzem befreit wurden von der Besetzung durch die Terrororganisation, die sich „Islamischer Staat“ (IS) nennt. Die Autorin zeigt Bilder aus Kolumbien, wo der Vatikan im Hintergrund an der Aussöhnung zwischen Regierung und Rebellen mitgewirkt hat. Es ist eine Dokumentation entstanden, eher konventionell, mit kundigen Zeitzeugen und attraktiven Filmaufnahmen aus dem sonst in der Regel unzugänglichen Vatikan. Manche Information ist neu, vieles geschickt zusammengefasst. Und subtil ordnet die Autorin das Pontifikat des aus Deutschland stammenden Papstes Benedikt XVI. als „unpolitisch“ ein. Ganz im Gegensatz zum Wirken von dessen Vorgänger Johannes Paul II., dessen energisches Eintreten mithalf, den Eisernen Vorhang zwischen Ost und West zu Fall zu bringen. Und zum Wirken von Benedikts Nachfolger Franziskus, der die politische Einmischung ganz oben auf seine Agenda gesetzt hat – seine Diplomaten in aller Welt und im Vatikan tatkräftig unterstützend.

30.01.2018 – Martin Thull/MK