Clemens Riha/Katja Riha: V-Mann-Land – Spitzel im Staatsauftrag. Reihe „Die Story im Ersten“ (ARD/RBB/NDR)

Mehr Schaden als Nutzen

02.05.2015 •

Die Berliner Filmautoren Clemens und Katja Riha haben sich jüngst durch ihre Dokumentationen zum letzten Buback-Prozess (2012) und über die Aktivitäten des US-Auslandsgeheimdienstes NSA („Land unter Kontrolle – eine Überwachungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland“, 2014) einen Namen gemacht, die sie für 3sat/ZDF produziert haben. Jetzt haben sie für die ARD-Reihe „Die Story im Ersten“ eine Dokumentation über V-Leute in rechtsextremistischen Milieus gedreht. Am Tag der Ausstrahlung des 45-minütigen Films gab es auch einen kurzen Filmbericht zu diesem Thema in der 3sat-„Kulturzeit“, der ebenfalls von dem Autorenduo stammte und der sich wie eine Kurzfassung der später in der ARD gesendeten Dokumentation „V-Mann-Land – Spitzel im Staatsauftrag“ ansah.

Aktuell ist die Thematik, weil der Umstand, dass die rechtsextreme Szene von V-Leuten durchsetzt ist, spätestens seit dem Scheitern des ersten Verbotsverfahrens gegen die NPD vor dem Bundesverfassungsgericht (2001 bis 2003) auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist. Die gegenwärtige Berichterstattung vom Prozess in München gegen Beate Zschäpe von der Terrorzelle NSU und über die mit diesem Fall beschäftigten parlamentarischen Untersuchungsausschüsse liefern zudem immer mehr Hinweise, dass es im Umfeld des NSU-Trios (von dem zwei Mitglieder tot sind) zahlreiche V-Leute des Verfassungsschutzes gegeben haben muss. Im derzeit anstehenden zweiten NPD-Verbotsverfahren hat nun das Bundesverfassungsgericht eine Frist bis zum 15. Mai dieses Jahres gesetzt, bis zu der die Kläger weitere Belege für die verfasssungswidrige Tätigkeit der NPD vorlegen sollen und auch dafür, dass nun keine V-Leute mehr auf der NPD-Führungsebene aktiv sind.

Die Thematik der ARD-Dokumentation „V-Mann-Land“ ist daher weder neu und unerwartet noch exklusiv. Der Film bringt allerdings einige ehemalige V-Leute und andere Beteiligte dazu, erstmals vor einer Kamera über ihre Tätigkeit zu reden. Einer der Interviewten sagt, dass V-Leute im Auftrag des Staates andere dazu gebracht hätten, Straftaten zu begehen. Die ehemaligen V-Männer reden vor der Kamera überwiegend anonym, teilweise sogar bis zur völligen Unkenntlichkeit maskiert.

Zu den wenigen, die sich offen zeigen, gehört Michael von Dolsperg. Er war, so erzählt er vor der Kamera, als Jugendlicher in der rechtsextremen Szene aktiv, wollte aber 1994 aussteigen und hatte deswegen an das Bundesinnenministerium einen Brief geschrieben. Statt einer Antwort kamen Beamte vom Verfassungsschutz und überredeten den damals 20-Jährigen, als V-Mann weiterzumachen. In dieser Eigenschaft veranstaltete er dann Kameradschaftsabende in Dorfgasthöfen und Skinhead-Konzerte. Und er gründete unter anderem die rechtsextremistische Zeitschrift „Sonnenbanner“, die so radikal war, dass sich selbst Neonazis wunderten, dass sie nicht verboten wurde und von Dolsberg wegen der Inhalte, die dort geschrieben standen, nicht im Gefängnis landete. Von Dolsberg behauptete im Film, dass seine Aktivitäten stets in Absprache mit dem Verfassungsschutz erfolgt seien und die Verfassungsschützer auch alle Ausgaben der Zeitschrift vorab zur Lektüre bekommen hätten.

Dann erzählt er, dass er – wie das heißt – „abgeschaltet“ wurde, weil er enttarnt worden sei, ohne dass ihn die Behörde danach weiter geschützt habe. Seitdem ist er dabei, ein Buch über sein Leben als V-Mann zu schreiben. Obwohl Michael von Dolsperg erst gegen Ende des Films zu Wort kommt, gehört sein Anliegen vermutlich zu den Umständen, die diese Filmproduktion initiiert haben. Um seine Person herum ist offenbar diese Dokumentation gedreht worden. Von Dolsperg war sogar bei der Pressevorführung des Films im ARD-Hauptstadtstudio anwesend. Auch in dem am frühen Abend des gleichen Tages auf 3sat gesendeten „Kulturzeit“-Beitrag stand von Dolsperg im Zentrum. Über ihn gibt es allerdings schon eine längere Berichterstattung in der Presse; über seinen Fall schrieb der „Spiegel“ bereits im vorigen Jahr (Ausgabe Nr. 9/2014).

Von Dolsperg will offensichtlich seine Geschichte an die Öffentlichkeit bringen. Die ARD-Dokumentation hinterfragt seine Aussagen nicht auf ihren Wahrheitsgehalt, stellt sie allerdings betont in den Zusammenhang mit den Geschichten, die andere Zeugen aus dem rechtsextremen Milieu und dem Kreis seiner Beobachter zu erzählen haben und die allesamt von Dolspergs Aussagen stützen und plausibel machen. So ist es nicht das Ziel der Dokumentation (1,22 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,3 Prozent), die Glaubwürdigkeit dieses Zeugen kritisch zu hinterfragen. Auch geht es den Filmemachern nicht in erster Linie um eine Hintergrundberichterstattung zum aktuellen NSU-Prozess in München. Vielmehr steht eindeutig die zwielichtige Rolle von V-Leuten in der rechtsextremen Szene im Vordergrund. Letztlich sammelt die Dokumentation Beweise dafür, dass V-Leute, also „Spitzel im Staatsauftrag“, hier mehr Schaden angerichtet als Nutzen erbracht haben. Somit handelt es sich um einen engagierten Thesenfilm im Kontext des derzeit vor dem Bundesverfassungsgericht laufenden NPD-Verbotsverfahrens, ohne dass diese Absicht explizit erwähnt wird.

02.05.2015 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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