Clemens Meyer/Thomas Stuber: Tatort – Angriff auf Wache 08 (ARD/HR)

Am Rande des Plagiats

23.10.2019 •

Wenn Hauptkommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) vom Landeskriminalamt Hessen sonntags Schurken nachstellt, sitzen nicht nur eingefleischte Krimi-Fans vor dem Bildschirm. Im Lauf der neun Jahre seit seinem Dienstantritt haben sich die „Tatort“-Folgen mit dem eigenwilligen Ermittler auch zu einem Pflichttermin für Zuschauer entwickelt, denen es weniger um Mord und Totschlag denn um ungewöhnliche Plots und filmisch unkonventionelle Inszenierungen geht. Und diese Fans dürften an Murots nunmehr achtem Fall ihre helle Freude gehabt haben.

Der „Tatort“-Folge „Angriff auf Wache 08“ beginnt mit dem tollpatschigen Einsatz einer SEK-Einheit, bei dem mehrere Mitglieder eines dubiosen Clans im Hinterzimmer einer Kneipe erschossen werden, weil ein Hund zur Unzeit zu kläffen beginnt. Die Hinterbliebenen der Opfer sinnen auf Rache und kurven danach mit aus dem Fenster eines Autos ragenden Gewehrläufen mehr oder minder ziellos durch die Stadt. Derweil macht sich ein Gefangenentransporter auf den Weg, mit dem drei tumbe Justizbeamte ein paar JVA-Insassen von einem Knast in einen anderen bringen sollen. Und dann ist da noch ein Vater, der mit seiner pubertierenden Tochter Jenny im Auto auf dem Weg von Berlin nach Offenbach ist, nach „O-Town“, wie die Stadt immer wieder genannt wird.

Und Felix Murot? Hat sich frei genommen und ist unterwegs, um Walter Brenner (Peter Kurth), einen Kumpel aus früheren Tagen, zu besuchen, der, obwohl noch immer im Polizeidienst, in einer Wache gelandet ist, die als eine Art Polizeimuseum betrieben wird. Damit es dort nicht ganz so einsam ist, hat man ihm mit Cynthia Roth (Christina Große) noch eine jüngere Kollegin zur Seite gestellt.

Auf mehr oder minder seltsamen Wegen landen so ziemlich alle Figuren dieser Handlungsstränge schließlich in jener Museumswache, die unvermittelt von den schwerbewaffneten Rächern im Auto angegriffen wird. Der große Rest des Geschehens spielt sich nun innerhalb des überschaubaren Gebäudes ab, in dem sich die aus Polizisten, Häftlingen und der Teenagerin Jenny bunt zusammengewürfelte Truppe gegen die Aggressoren zu verteidigen versucht. Die Welt jenseits dieser Location irgendwo im Nirgendwo wird in erster Linie durch Ecki, den Moderator eines Offenbacher Lokalradios, repräsentiert, der seine Hörer in „O-Town“ auf eine Art und Weise begrüßt, die nicht von ungefähr wie eine schlechte Imitation des legendären Adrian Cronauer (gespielt von Robin Williams) aus dem Hollywood-Film „Good Morning, Vietnam“ anmutet.

Wie schon häufiger in der Vergangenheit erweist auch dieser Murot-„Tatort“ (8,08 Mio Zuschauer, Marktanteil: 23,0 Prozent) zahlreichen Kinoklassikern seine Reverenz. Allen voran John Carpenters Film „Assault – Anschlag bei Nacht“ aus dem Jahr 1976, dessen Plot mit dem des ARD-Krimis nahezu identisch ist. Autor Clemens Meyer (der auch den Radiomoderator Ecki darstellte) und Regisseur Thomas Stuber erlauben sich kaum mehr als ein paar Änderungen. Stoppt in der Vorlage beispielsweise die Erkrankung eines Häftlings den Gefangenentransport, ist es hier ein Plattfuß des Fahrzeugs. Anders als bei Carpenter, wo die Angreifer einen Eisverkäufer und ein Mädchen erschießen, fällt hier dessen Vater den Schüssen zum Opfer. Und statt einer marodierenden Jugendbande ballern hier finster dreinblickende Erwachsene irgendeines Clans herum.

Ansonsten aber bewegt sich der fraglos als Hommage gedachte Krimi schon am Rande des Plagiats. Was auch für andere Sequenzen gilt, die an weitere Filmklassiker angelehnt sind. So etwa die Szene, in der ein Serienkiller und Kannibale namens Kermann, vorübergehend in einer Zelle der Wache untergebracht, durch die Gitterstäbe Jenny bezirzt. Auch das nahezu eine 1:1-Kopie aus „Das Schweigen der Lämmer“. Und dann ist da noch die wundersame Vermehrung der Angreifer, die sich schließlich wie Zombies langsam auf die Wache zu bewegen. Was natürlich an Gruselschocker wie „Die Nacht der lebenden Toten“ erinnert.

Immerhin weiß der „Tatort“ diese Zitathuberei zwischendurch auch immer wieder ironisch zu brechen, wenn etwa Kermann beherzt in die Hand eines Angreifers beißt, die sich mit einer Pistole durch die längst zerschossenen Fensterscheiben auf Murot richtet. Auch sonst ist der Kannibale für humoristische Einlagen gut. Als Brenner in einer Feuerpause eine Whisky-Flasche kreisen lässt, die schließlich bei Jenny landet, die einen Menschen (eines der Clan-Mitglieder, die ihren Vater ermordet habe) erschossen hat und nun in der Wache seit Stunden im Kugelhagel ausharrt, fordert der Mann mit echter Entrüstung die Einhaltung des Jugendschutzgesetzes: „Die ist doch noch zu jung!“

Spannung kann man diesem cinéphilen Verbeugungsreigen des produzierenden Hessischen Rundfunks (HR) dennoch nicht absprechen. Was jedoch bei der klassischen Anlage des Plots kaum verwunderlich ist. Ein paar Aufrechte, die sich an einem Ort ohne Kontakt zur Außenwelt gegen übermächtige Angreifer verteidigen – das ist ein klassisches Western-Motiv. Um auch diesem Genre noch die Reverenz zu erweisen, erscheint die hier sommerliche Pampa zwischen Offenbach und Frankfurt wie ein gänzlich ausgedörrter Flecken Erde. Dass Ausnahmeschauspieler wie Ulrich Tukur und Peter Kurth schon allein diesen „Tatort“ sehenswert machen, bedarf kaum der Erwähnung. Dass Brenner seinen Trommelrevolver bei all der nahezu durchgehenden Ballerei nie nachlädt und Murot, nachdem er stundenlang über den Boden der Wache gerobbt ist und schließlich noch durch einen Kanal kriechen muss, am Ende mit blütenweißem Hemd ins Freie gelangt, ist bei so viel Detailverliebtheit allerdings schon erstaunlich.

23.10.2019 – Reinhard Lüke/MK