Claus Singer: Papst Franziskus und die Revolution im Vatikan. Reihe „Stationen – Dokumentation“ (Bayerisches Fernsehen)

Als Papst ein Pfarrer bleiben

05.02.2016 •

Papst Franziskus macht von sich reden, ohne Zweifel. Und er ist im besten Sinne ein „Menschenfischer“. Die vielschichtigen Szenen, die Claus Singer für seine im Dritten Programm Bayerisches Fernsehen ausgestrahlte Dokumentation „Papst Franziskus und die Revolution“ zusammengestellt hat, vermitteln dieses Bild eindrucksvoll. Und sie zeigen, dass dieser Papst aus Argentinien ein Gefühl nicht nur für Menschen, sondern auch für Bilder hat. Konnte man dem aus Polen stammenden Papst Johannes Paul II. anmerken, dass er Theatererfahrung hatte und einen Sinn für Bildkompositionen, so trifft dies auch auf seinen Nachnachfolger zu. Wie Franziskus etwa an der Sperrwand zwischen Israel und den Palästinenser-Gebieten innehält und ein Gebet spricht, wie er an anderer Stelle auf Menschen zugeht, wie er stets mit den Augen lacht, als halte er das alles für nicht wirklich – das macht Eindruck und ist gewinnend.

Doch man mag dies für Äußerlichkeiten halten – wichtiger sind Franziskus sicher seine theologischen, spirituellen und politischen Statements. Und die zeigen in den Zitaten wie in den Kommentaren der im Film vorkommenden publizistischen und theologischen Zeugen eine Offenheit für die Welt, in der die Katholiken auf den unterschiedlichen Kontineten leben. Er zeigt Verständnis für Lebensumstände, die dem Anschein nach in vielen offiziellen Verlautbarungen des Heiligen Stuhls in der Vergangenheit ausgeklammert schienen. Papst Franziskus freilich redet nicht nur, er handelt auch. Indem er etwa an die Ränder der Gesellschaft geht und mit den dort lebenden Armen spricht und ihnen glaubhaft seine Zuneigung versichert. Er lässt Fragen zu, auch Zweifel, und er vermittelt den Eindruck, als wolle er nicht nur Trost spenden, sondern auch etwas verändern. Dabei ist sicher, dass er Mitstreiter braucht.

In der 45-minütigen Dokumentation waren einige dieser Mitstreiter zu sehen, wie zum Beispiel mehrere Jesuitenkollegen, zwei Theologinnen und Marco Politi, der Journalist und Vatikanexperte. In der Kurie selber gibt es sicherlich Widerstände, ihre Protagonisten aber kamen hier nicht persönlich zu Wort, wollten sich vermutlich auch nicht vor einer Kamera zeigen. Lediglich das Bonmot „Der Papst geht, die Kurie bleibt“ kann verdeutlichen, dass es das katholische Kirchenoberhaupt nicht leicht hat, seine Vorstellungen umzusetzen. Diese werden eher in Andeutungen deutlich, wenn Franziskus etwa über den Respekt vor Homosexuellen redet oder die Nöte von wiederverheirateten Geschiedenen anspricht. Doch sind dies keine lehramtlichen Äußerungen, sondern Bemerkungen eher nebenbei und ohne jede Verbindlichkeit. Sie machen den Papst allerdings sympathisch, weil sie den Eindruck hinterlassen, dass er besser als viele seiner Kardinäle weiß, wie die Welt außerhalb der Vatikanmauern beschaffen ist.

Denn wenn Franziskus – bildlich – meint, der Hirte müsse den Geruch der Schafe haben, dann ist das eine scharfe Kritik an den Würdenträgern, die den Kontakt zu den Gläubigen lieber meiden. Claus Singer zeigt in seinem Film, dass dieser Papst handelt, wie er redet. Und so versteht der Zuschauer, dass Franziskus im Kleinen handelt wie ein Pfarrer, wenn er Kinder von Mitarbeitern tauft oder im Petersdom die Beichte abnimmt. Er ist auch dann glaubwürdig, wenn er im Obdachlosenquartier des römischen Bahnhofs Termini die „Tür der Barmherzigkeit“ öffnet, Symbol für das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“. Und die Türöffnung am Alltagsgebäude Bahnhof geschieht einen Tag bevor er das gleiche in großer Zeremonie im Petersdom vollzieht. Ganz praktisch des Papstes Hinweis an die Pilger, nicht skrupellosen Geschäftsmachern aufzusitzen, die behaupten, das Durchschreiten der Petersdom-Pforte koste Geld. „Jesus ist gratis“, ruft Papst Franziskus den Tausenden auf dem Petersplatz zu.

Claus Singer hat umfangreiches Material zusammengetragen, für eine konventionelle Dokumentation, die ein wohl zutreffendes Bild von Papst Franziskus Papstes liefert. Manches ist bekannt (und wieder vergessen), wie etwa seine erste Reise nach Lampedusa. Deutlich wird, dass er eine große Linie verfolgt und sich nicht allein um die Regelung der innervatikanischen Probleme kümmert. Er versucht, die weltweite Autorität zu nutzen, um den Benachteiligen in allen Gesellschaften Hoffnung zu geben. Ist der Kirchenmann deshalb ein „Revolutionär“, wie der Untertitel des Films glauben machen will? Die Tübinger Theologin Johanna Rahner stimmt dem zu, „wenn die Wahrnehmung des menschlichen Gewissens als Instanz von der Kirche anerkannt wird“. Leicht gesagt, aber schwer umzusetzen.

05.02.2016 – Martin Thull/MK