Claudia Drexel: Abschied vom Islam – Wenn Flüchtlinge Christen werden. Reihe „Gott und die Welt“ (ARD/NDR)

Neugierig auf neue Erfahrungen

05.08.2016 •

Auf den ersten, flüchtigen Blick sieht es aus wie eine fröhliche Gartenparty. Weißgekleidete Menschen in guter Stimmung auf grüner Wiese. Tatsächlich aber werden im See des Hamburger Stadtparks rund 70 Erwachsene getauft. Die Besonderheit: Es handelt sich ausnahmslos um Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Iran. Das heißt, sie sind in ihren Heimatländern als Muslime aufgewachsen und haben nach ihrer Flucht nach Deutschland zum Christentum gefunden. Mehrere hundert Flüchtlinge will Pastor Albert Babajan von der persischsprachigen Pfingstgemeinde in Hamburg in diesem Jahr christlich taufen, wie er in der Reportage „Abschied vom Islam – Wenn Flüchtlinge Christen werden“ erzählt.

Die Motive der Täuflinge lassen sich nicht eindeutig festlegen. Vor der Kamera weisen die Protagonisten den Verdacht zurück, sie wollten auf diese Weise die Aussichten für ihren Asylantrag verbessern. Und die Vertreterin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge bestreitet auch einen solchen Automatismus. Tatsache ist jedoch, dass getaufte Muslime bei einer möglichen Abschiebung in ihr Heimatland als „Ungläubige“ mit dem Tod bedroht sind. Dann wiederum könnte die Taufe den Asylantrag stützen. Aber ist es zulässig, über die Motive von Menschen, sich taufen zu lassen, zu richten, während hierzulande die Säuglingstaufe als Selbstverständlichkeit gilt?

Wichtiger ist die Frage, ob und wie sich Gemeinden verändern werden, wenn die Zahl der „Übertritte“ zunimmt. Die freikirchliche Pfingstgemeinde in Hamburg, so entsteht der Eindruck in diesem Film, wirbt offensiv um diese neuen Mitglieder, missioniert also. Die in der Reportage von Claudia Drexel zu Wort kommenden Vertreter der protestantischen Kirche sind in dieser Frage zurückhaltender. Kirsten Fehrs, Bischöfin für Hamburg und Lübeck, bezweifelt, ob man die Motive der neuen Christen ernsthaft prüfen könne: Wer wolle sich in Glaubensdingen so etwas anmaßen? In diesem Fall sei dann „auch zu akzeptieren, dass ich vielleicht als Fragender nicht alles verstehe“. Die evangelische Kirche in Deutschland bezweifle im Zusammenhang mit der Beurteilung von Glaubensübertritten die Sachkompetenz der Behörden, heißt es im Film. Bischöfin Fehrs sagt mit Blick auf die Gemeinden selbst, sie sehe hier grundsätzlich Chancen für neue Erfahrungen.

Zu diesen Erfahrungen könnte vielleicht auch gehören, das eigene Bild von Christen und deren Handeln in der Gesellschaft zu überprüfen. Wenn die Neugetauften davon sprechen, dass das Gottesbild des Islams ihnen ein Gefühl der Angst vermittelt habe, der christliche Gottesglaube aber Liebe und Güte beinhalte, dann mag das den Emotionen des Augenblicks geschuldet sein. Und wenn Gemeindemitglieder dem Täufling Glück wünschen und ihn ausdrücklich willkommen heißen, dann geht dies in Richtung Idylle. Nach einem Jahr zu erfahren, wie es den neuen Christen dann ergangen ist, wäre sicher aufschlussreich.

Der katholische Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, berichtet in der Momentaufnahme, die diese 30-minütige Reportage darstellt, wie sehr ihn die Erzählungen syrischer Christen beeindruckt hätten. Diese seien bereits im Heimatland Repressalien ausgesetzt worden, die in Europa weitgehend unbekannt seien. Sie hofften nun, in europäischen Ländern ihren Glauben geschützt leben zu können.

Schon in den Flüchtlingsunterkünften fühlen sich viele Neuchristen kritisiert, bedrängt und zuweilen auch bedroht, wenn sie in der Bibel lesen. Denn diese vorübergehenden Aufenthaltsorte sind stark von Muslimen und deren Gewohnheiten geprägt. Und das auch dann, wenn laut Hausordnung Religion in jeglicher Form keine Rolle spielen darf. Nach der Flucht aus dem Heimatland ist die Taufe nicht unbedingt die „Flucht“ in eine neue spirituelle Heimat. Vielleicht emotional, der Alltag konfrontiert die neuen Christen offenbar mit für sie neuartigen Konflikten.

Spannend wird sein, wie die neuen Gemeinden – weniger die Freikirchen als jene in den herkömmlichen Strukturen – mit den neuen Mitgliedern umgehen. Vielleicht ist von den jüdischen Gemeinden etwas zu lernen, in denen in den letzten Jahrzehnten jüdische Russlanddeutsche nicht nur für zahlenmäßigen Zuwachs gesorgt haben, sondern mit ihrer Sprache und ihren Traditionen auch neue Akzente setzten. Insgesamt bot diese im Rahmen der ARD-Reihe „Gott und die Welt“ gesendete Reportage (960.000 Zuschauer, Markanteil: 6,1 Prozent) einen ersten Eindruck; eine Langzeitbeobachtung zu dem Thema wäre wünschenswert.

05.08.2016 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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