Christopher Schier/Magdalena Grazewicz/Thomas Gerhold: Dead End. 6‑teilige Krimiserie (ZDFneo)

Die Kapitale der ungewöhnlichen Todesarten

04.04.2019 •

In früheren Jahren war es eher die Regel als eine Ausnahme, dass Fernsehserien, auch solche mit Fortsetzungscharakter, von Kritikern anhand von nur einer oder zwei Episoden bewertet wurden. Was nicht selten krasse Fehlurteile zur Folge hatte. Mitschuldig waren die Sender, die selten mehr als zwei Folgen als Rezensionsmaterial verschickten. In der Regel aber bekam man auf Anfrage weiteres Material zur Verfügung gestellt.

Inzwischen sind Serien ein Modethema, die Arbeitsansätze haben sich geändert, auch dank der technischen Entwicklung, die es den Sendern ermöglicht, via Internet mehrere Serienfolgen oder gleich eine ganze Staffel vorab bereitzustellen. Dennoch sind die vorschnellen Urteile noch nicht ausgestorben, wie sich am Beispiel der ZDFneo-Serie „Dead End“ belegen ließe. Vielleicht sorgte schon die Eröffnungssequenz für eine einschlägige Konditionierung: Die Landschaft Brandenburgs, ein Nahverkehrszug, ein Haltepunkt in der Provinz, Cowboystiefel auf dem Bahnsteig, eine Kapuzengestalt, eine öde Dorfstraße. Die Kopfbedeckung wird gelüftet. Emma Kugel (Antje Traue) schaut in die Kamera und seufzt.

Solche Western-Paraphrasen hat man schon oft gesehen und meistens verbinden sie sich mit einer komödiantischen Erzählhaltung. Auch die Anschlussszenen deuten bei „Dead End“ in diese Richtung. Verena Thalbach (Kathrin Angerer), Inhaberin eines Fitness-Studios, steigt nach Feierabend noch aufs Laufband. Das lässt sich alsbald nicht mehr stoppen. Thalbach wird herumgeschleudert und bleibt bewusstlos liegen. Etwas voreilig wird der örtliche Leichenbeschauer Peter Kugel (Michael Gwisdek) gerufen. Die Sportlerin hat überlebt.

Peter Kugel ist Emmas Vater. Anlässlich seines 75. Geburtstags ist sie aus den USA angereist, wo sie als Rechtsmedizinerin arbeitet. Und sie bleibt erst einmal in ihrem Heimatörtchen Mittenwalde, denn sie beobachtet bei ihrem Vater Anzeichen, die auf eine beginnende Demenz deuten. Leichenteile im Kühlschrank, nächtliche Ausflüge, diverse Verwirrungen. Fortan praktizieren Vater und Tochter gemeinsam. Denn Mittenwalde ist ein Brennpunkt des Verbrechens, die Kapitale der ungewöhnlichen Todesarten. Mal hängt ein toter Gleitschirmpilot in den Bäumen, mal stirbt auf offener Bühne das Schneewittchen bei einer Aufführung der örtlichen Laienspielschar.

Es gibt aber noch einen anderen Grund für Emma Kugels verlängerten Aufenthalt, wie peu à peu enthüllt wird. In den USA muss etwas vorgefallen sein. In Folge 3 erscheint überraschend ihr amerikanischer „Verlobter“ Kevin (Nikolai Kinski). Emma, inzwischen etabliert als sybillinische, untersensibilisierte, humorfreie Person, weist ihn zurück, meidet ihn, aber er stellt ihr hartnäckig nach, konfrontiert sie mit unbestimmten Vorwürfen. Dieser Handlungsstrang verdichtet sich bis zum Finale in Episode 6 und endet mit einem unerwarteten Cliffhanger.

Wer nach der Ouvertüre auf eine Kriminalkomödie im Stil der früheren ARD-Marke „Heiter bis tödlich“ eingestimmt war, wird zwangsläufig enttäuscht, und wer hier zu früh ein Urteil fällt, könnte damit ziemlich falschliegen. Es gibt makabre Todesfälle, die Sub- und Episodenplots aber sind eindeutig im dramatischen Fach angesiedelt. Zum wiederkehrenden Personal gehört Ortspolizistin Betti Steiner (Victoria Schulz). Deren Sorge gilt ihrer betagten taubstummen Mutter, die ihr eigenes Leben beenden möchte. Und Betti ist anfangs heimlich, dann offen in Emma verliebt. Immer häufiger ermitteln die beiden Frauen gemeinsam, in Todesfällen, die sehr häufig mit ausgesprochen tragischen Begleitumständen verbunden sind.

Einen gewissen Mut kann man der zuständigen ZDF-Redaktion nicht absprechen. „Dead End“ (Produktion: Real Film) ist bewusst uneindeutig angelegt. Die Autoren Christopher Schier, Magdalena Grazewicz und Thomas Gerhold spielen mit der Erwartungshaltung der Zuschauer, unterlaufen und konterkarieren sie. Lässt man sich auf dieses Spiel ein, entwickelt „Dead End“ durchaus einige Reize, gewinnt ab der dritten Folge merklich an Dynamik und endet gar in einer Weise, die auf eine Fortsetzung hoffen lässt. Man darf sich „Dead End“ vorstellen wie britische Procedurals in der Manier von „Inspector Barnaby“ oder „Death in Paradise“, nur wurde deren unterschwellig humorvoller Appeal hier durch die Tendenz zur Tragik ersetzt.

Noch mutiger wäre es gewesen, diese sehr ernsthaften Themen und Geschichten einmal nicht im Krimigewand zu erzählen. Andererseits wusste schon Gilbert K. Chesterton („Father Brown“): „Der Kriminalroman ist nicht nur eine vollkommen berechtigte Form der Kunst, sondern er hat gewisse bestimmte und tatsächliche Vorteile, weil er etwas zum allgemeinen Besten beiträgt.“

Allerdings plädierte Chesterton auch ausdrücklich für den guten Kriminalroman. Diesbezüglich könnte die Serie „Dead End“ noch gewinnen. Verständlich, dass Emma Kugel geheimnisvoll bleiben soll; aber in der Darstellung durch die international erfahrene Antje Traue – die ähnlich rätselhafte, unterkühlte Charaktere in deutschen Serien wie „Weinberg“ (TNT Serie; vgl. MK 25/15) und „Dark“ (Netflix; vgl. MK 2/18) verkörperte – und unter der Regie von Christopher Schier erhält die Figur denn doch zu wenig Profil. Die Kriminalfälle werden häufig abrupt und nur dialogisch zu Ende geführt; das wirkt nachlässig bis lieblos und muss genregewohnte Zuschauer – und wer ist das nicht? – enttäuschen.

Bisweilen kommt der Eindruck auf, David E. Kelleys ähnlich unkonventionelle, epische Kleinstadtserie „Picket Fences“ (CBS, 1992 bis 1996; in Deutschland bei Sat 1) habe hier als Vorbild gedient – vergleiche die Schneewittchen-Folge mit dem „Picket-Fences“-Pilotfilm. Selbst wenn nicht – dort kann man beobachten, wie kopfgeborene Kunstfiguren vor der Kamera zu menschlichen Charakteren werden, wie sich galliger Humor mit bitterer Tragik kombinieren lässt und wie bizarre Fabeln durch die Einflechtung von Sozialgefühl und Lebensrealität an Wirkung gewinnen können. Ganz so weit ist ZDFneo mit „Dead End“ dann doch noch nicht.

04.04.2019 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 10/2020

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