Christine Rütten/Jochen Schmidt/Sönke Hebestreit: Wendepunkte hessischer Geschichte. 2-teilige Dokumentation (HR Fernsehen)

Wenn Hessen 70 wird

12.12.2016 •

Hessen wird 70 Jahre alt, am 1. Dezember 1946 war die Verfassung des Bundeslandes in Kraft getreten. Das Jubiläum feierte der landesverbundene Hessische Rundfunk (HR) natürlich mit einigen Sendungen, darunter am 1. Dezember mit dem 45-minütige Beitrag „Hessen wird 70. Der große Festtag“, in dem zur Primetime ab 20.15 Uhr im Dritten Programm HR Fernsehen über die offizielle Festveranstaltung in der Landeshauptstadt Wiesbaden ohne Angst vor Provinzialismus berichtet wurde.

Christine Rütten, Jochen Schmidt und Sönke Hebestreit nahmen das Jubiläum zum Anlass, um auf „Wendepunkte hessischer Geschichte“ zurückzuschauen. Ihr zweiteiliger Beitrag ist eine enorme Fleißarbeit. Die Autoren verbrachten sicher beeindruckend viel Zeit im Archiv, um Fernsehbilder aus sieben Jahrzehnten zu sichten und zu gliedern.

Der Rückblick beginnt mit einem kurzen Kommentar der hessischen Verfassung, gemäß der tatsächlich bis heute die Todesstrafe verhängt – aber aufgrund der Höherwertigkeit des Bundesgesetzes nicht vollstreckt – werden kann, und er endet mit Streiflichtern zur Flüchtlingskrise. Dazwischen wird eine Menge teils hochinteressanter, teils aber auch banaler Fakten abgespult. Um das Gefühl einer haltlos vorbeihuschenden Datenmenge etwas abzupuffern, werden die einzelnen Stationen der Historie von prominenten Hessinnen und Hessen kommentiert. Unter anderem Bestseller-Autorin Susanne Fröhlich und Pastorin Margot Käßmann, HR-Fernsehmoderator Holger Weinert und HR-Börsenexperte Frank Lehmann geben ihren Senf dazu.

Durch diese individuelle Perspektive werden abstrakte geschichtliche Ereignisse zu einem individuell nachvollziehbaren Erlebnis. Zuweilen funktioniert das außerordentlich gut. Besonders dann, wenn Henni Nachtsheim, eine Hälfte des hessischen Komikerduos ‘Badesalz’, als begnadeter Kommentator historische Ereignisse förmlich dekonstruiert. Ein Highlight des „Wendepunkte“-Zweiteilers war Nachtsheims ganz persönliche Erinnerung an die turbulente Zeit der Frankfurter Hausbesetzungen. Der spätere Kabarettist steuerte damals ein großes, schneeweißes Betttuch mit der roten Aufschrift „Besetzt“ bei. Dummerweise kam seine Mutter vorbei, die an der Fassade des okkupierten Hauses ihr bestes Laken wiedererkannte – und den Revoluzzer-Sohn daraufhin gehörig zusammenfaltete.

Solche Höhepunkte bleiben im Gedächtnis. Geschichte wird hier aus einer originellen Perspektive nachvollziehbar gemacht und dabei auf eine sympathische Weise auch ein klein wenig umgeschrieben. Dazu zählte ebenso das freimütige Bekenntnis von Johnny Klinke, der die Archivfilme zur Räumung des Hüttendorfs an der Startbahn West im Jahr 1981 mit erfrischender Deutlichkeit konterkarierte: „Ich bin für den Flughafen.“ Klinke, der Linke, betreibt nämlich ein exklusives Frankfurter Varieté, den „Tigerpalast“, zu dem Ausnahmeartisten aus aller Welt „nicht mit dem Fahrrad anreisen“.

Solche liebeswürdigen Verwerfungen, in denen aufblitzte, dass Frankfurt und Hessen ein stilbildendes Versuchslabor für politische Streitkultur in all ihrer Widersprüchlichkeit sind, waren aber leider in der Minderzahl. Zwar waren die Rückblicke auf die „Documenta“ oder das Handeln des sogenannten „Pillenpfarrers“ Wilhelm Reinmuth – der 1966 in einer evangelischen Kirche bei Frankfurt die Antibabypille auf den Altar legte und vor seiner Gemeinde als „Geschenk Gottes“ pries – durchaus interessant und zuweilen sehr anregend; aufgrund der Formatvorgabe, durch die die heterogenen Ereignisse zu einem allzu homogenen Bilderfluss gebändigt wurden, stellte sich jedoch bald das Gefühl jener Fernsehroutine ein, die den Zuschauer bei den unvermeidlichen Jahresrückblicken ereilt oder bei den ewiggleichen Rankingformaten à la ‘Die 25 besten Was-auch-immer’, in denen Prominente über das superlativ Präsentierte plappern. Und wenn dann wie in dem HR-Rückblick Fußballweltmeisterin Nia Künzer, eine junge Frau Mitte 30, etwas zur Bodenreform aus dem Jahr 1947 sagen soll – wozu ihr verständlicherweise nichts einfällt –, dann dominiert der telegene Leerlauf. Hat man die eineinhalbstündige Dokumentation auf zwei Sendetermine zu je 45 Minuten gesplittet, um der zwangläufigen Ermüdung des Zuschauers vorzubeugen?

Am Ende dominiert das Gefühl, dass die beeindruckende Materialfülle, an deren Gestaltung noch fünf weitere im Abspann genannte Autoren mitwirkten, ein wenig verschenkt wurde. Zwar wurden zahlreiche Perlen aus dem Fernseharchiv ausgegraben; so kommentiert beispielsweise der damalige Moderator den Staatsbesuch des einstigen US-Präsidenten Kennedy im Jahr 1963 mit den unnachahmlichen Worten: „Frankfurt, die Heimat Goethes und der Familie Hesselbach, begrüßt John F. Kennedy“. So ist Hessen. Und der Moderator war Hanns Joachim Friedrichs. Solche skurrilen Momente gingen allerdings leider im vorbeifliegenden Bilderfluss unter. Man hätte sich etwa gewünscht, dass die heute surreal anmutenden Cartoons mit dem HR-„Fernsehhund“ Onkel Otto, der durch die sich wie ein Darm aufblähende Leitung in den Apparat kriecht, etwas pointierter herausgestellt worden wären. Man hätte sich ebenso gewünscht, dass Persönlichkeiten wie der durch die Show „Der blaue Bock“ (ARD/HR) bundesweit berühmt gewordene Heinz Schenk – laut ‘Badesalz’ „der hessische David Bowie“ – in ihrer Einzigartigkeit subtiler gewürdigt worden wären. Stattdessen dominierte die illustrative Nutzung des Bildmaterials.

Zudem war der Zweiteiler weitgehend politisch korrekt und unter dem Strich etwas bieder. Angeeckt wurde so gut wie gar nicht. Nur ganz am Rande etwa erwähnte Holger Weinert die Schattenseite des hessischen „Herrenreiters“ Josef Neckermann, der „jüdische Geschäfte aufgekauft“ hatte. Mit den „Wendepunkten hessischer Geschichte“ gelang dem HR ein streckenweise interessanter Rückblick auf die bewegte Historie des Landes, der aufgrund der Machart jedoch wie ein pointillistisch anmutendes Stakkato der Ereignisse anmutete.

12.12.2016 – Manfred Riepe/MK