Christine Rütten: Mörderisches Finale – Deutschland 1945. Reihe „Geschichte im Ersten“ (ARD/HR)

Endphasenverbrechen

02.05.2015 •

Eine historische Dokumentation sagt zwangläufig auch immer etwas aus über die Zeit, in der sie entsteht. In diesem Zusammenhang muss man einen Satz sehen, den Christine Rütten, Autorin des Films „Mörderisches Finale – Deutschland 1945“, über eine in ihrem Beitrag vorkommende Zeitzeugin sagt: „Hannelore K. will nicht erkannt werden, weil sie Angst vor Neonazis hat.“ Hannelore K. saß im Frühjahr 1945 als 14-Jährige kurzzeitig in Dortmund-Hörde in Gestapo-Haft, ihre Mutter, eine Kommunistin, die eine Jüdin versteckt hatte, wurde noch kurz vor Kriegsende exekutiert und in einem Massengrab verscharrt. Die Bitte der Zeitzeugin wirft auch die Frage auf, was es über unsere Gesellschaft aussagt, wenn Opfer von Nationalsozialisten im Fernsehen ihre Identität zu verbergen versuchen.

Es gibt eine weitere Person, die nicht erkannt werden möchte: einen Täter. Im Auftrag des örtlichen Bürgermeisters hat Hans-Dieter R. im April 1945 in Beerfelden (Odenwald) Heinrich Becker ermordet, einen Übersetzer der US-Armee. Christine Rütten erzählt insgesamt vier Fälle solcher sogenannten Endphasenverbrechen: Schauplätze sind neben Dortmund und Beerfelden das Dorf Wetterfeld im Landkreis Gießen und Brettheim im Norden Württembergs. Mit Hilfe von Ermittlungsakten und Interviews mit Verwandten rekonstruiert die Filmemacherin das Leben der Opfer; außerdem kommen Zeitzeugen zu Wort, die als Kinder öffentliche Hinrichtungen miterlebten – etwa in Brettheim, einem der Orte, an denen der später von mehreren bundesdeutschen Gerichten freigesprochene SS-Offizier Max Simon seinen ganz persönlichen Endkrieg führte.

Die Empathie für die Opfer erhöht Rütten, indem sie immer wieder rekapituliert, wie sich die Kriegssituation zwischen Ende März und April verändert. Der Frieden und das Ende der NS-Herrschaft sind nah, auch für den Soldaten Herbert Kreuzburg, der sich in Beerfelden kurzzeitig unerlaubt von der Truppe entfernt hat, um seiner Verlobten eine Nachricht zu überbringen. In Darmstadt zum Beispiel, nur 50 Kilometer weit weg, baut die US-Armee bereits ihre Militärverwaltung auf. Doch das hilft Kreuzburg nicht mehr, er wird zum Tod durch Erhängen verurteilt und hingerichtet. Besonders tragisch ist die Geschichte Herbert Beckers: Er hat ein Außenlager des KZ Buchenwald überlebt und vermutlich hat er sich gerade sicher gefühlt, als der aufgehetzte Teenager Hans-Dieter R. ihm ins Genick schießt, denn zwei Wochen zuvor waren die amerikanischen Truppen bereits in Beckers Heimatort Wetterfeld einmarschiert.

Um die Dramatik der Ereignisse hervorzuheben, hat sich Christine Rütten dafür entschieden, chronologisch zu erzählen, also nicht jeweils einen Fall en bloc. So springt der Film immer wieder von Ort zu Ort. Das bringt es mit sich, dass die Autorin (die ihren Film auch selbst spricht) bestimmte Informationen wiederholen muss, damit der Zuschauer den Faden wieder aufnehmen kann. Optimal ist das nicht, möglicherweise lässt es sich aber auch nicht besser lösen.

Gekonnt bricht Rütten in „Mörderisches Finale“ (Redaktion: Sabine Mieder/HR) große Geschichte sehr weit runter aufs Lokale. Man kann die vier Episoden auch als Miniatur-Heimatdokus sehen, die im Übrigen davon profitieren, dass als Zeitzeugen sehr einfache Leute auftreten, die vorher noch nie in eine TV-Kamera gesprochen haben dürften. Die Dokumentation ist gestalterisch abwechslungsreich. Rütten setzt – einige wenige – sparsam inszenierte Spielszenen ein und bei der Schilderung des Mordes an Herbert Becker Zeichnungen. Die bei Krimiserien abgeschaute Idee, einzelne Rechercheschritte noch einmal zu verdeutlichen, indem man Fotos neu auftauchender Personen an einer Bürowand befestigt, hat Rütten zurückhaltend umgesetzt. Andere Autoren hätten in diesen Szenen womöglich wichtigtuerisch in die Kamera geblickt, sie ist dagegen nur von hinten zu sehen.

Am Ende ufert der Film etwas aus, da reißt Rütten einige Aspekte rund um die unzureichende juristische Aufarbeitung der Endphasenverbrechen nur an. Der Sohn eines alten Nazis, der im ersten „Brettheim-Prozess“ Verständnis für die angeklagten Verbrecher entwickelte, kommt kurz zu Wort, auch der Großneffe eines SS-Mannes. Wer den Film nicht in der Mediathek gesehen hat, sondern zu nachtschlafender Zeit im linearen Fernsehen, wird kaum sämtliche Informationen verarbeitet haben können. „Mörderisches Finale“ hatte in puncto Sendetermin noch den Nachteil, dass die Ausstrahlung des Films sich kurzfristig nach hinten verschob. Eigentlich war sie für 23.30 Uhr vorgesehen, aufgrund der Programmänderungen, die die ARD am Tag der Ausstrahlung anlässlich des Todes von Günter Grass vornahm, lief der Film aber noch 55 Minuten später als geplant; er hatte trotz der Ausstrahlung weit nach Mitternacht noch 420.000 Zuschauer (Marktanteil: 6,4 Prozent).

02.05.2015 – René Martens/MK

Exekutionen kurz vor Kriegsende: Ein Film, der das Leben der Opfer rekonstruiert

Foto: Screenshot


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