Christina Zühlke: Der Kardinal und die Missbrauchs-Akten – Erfahren die Betroffenen endlich Namen? (WDR Fernsehen)

Woelkis Gutachten

08.04.2021 •

Auf den ersten Blick hatte es den Anschein, als würden an diesem 18. März im Dritten Programm WDR Fernsehen zwei Dinge aufgearbeitet. Zum einen eine WDR-Angelegenheit, nämlich jene Ausgabe der einstündigen Talksendung „Die letzte Instanz“, in der in den ersten 15 Minuten auf unsägliche Weise über Thema Rassismus geredet worden war. Das gesamte Hauptabend-Programm des WDR Fernsehens war deshalb am 18. März diesem Thema vorbehalten, in Gesprächsrunden und Einspielfilmen – und unter dem seltsam anmutenden Titel „Freiheit, Gleichheit, Hautfarbe!“. Viel guter Wille, der zeigen sollte: Wir sind gar nicht so. Wirklich? Erst die Praxis in der Zukunft wird zeigen müssen, ob die guten Vorsätze auch in die Tat umgesetzt werden.

Aufgrund des Themenabends zu Rassismus verschob sich die ursprünglich für 23.00 Uhr vorgesehene Dokumentation „Der Kardinal und die Missbrauchs-Akten – Erfahren die Betroffenen endlich ihre Namen?“ um 20 Minuten nach hinten. Es ging um das von Kardinal Rainer Maria Woelki in Auftrag gegebene zweite Gutachten „Pflichtverletzungen von Diözesanverantwortlichen des Erzbistums Köln im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen und Schutzbefohlenen durch Kleriker oder sonstige pastorale Mitarbeitende des Erzbistums Köln im Zeitraum von 1975 bis 2018. Verantwortlichkeiten, Ursachen und Handlungsempfehlungen“ (so der exakte Titel).

Ein erstes Gutachten dazu hatte Woelki unter Verschluss gehalten und war dafür vielfach kritisiert worden. Jetzt also das zweite Gutachten, das am 18. März auf einer Pressekonferenz in Köln publik gemacht wurde. Auch hier, wie sich zeigen sollte, der erste Versuch einer Aufarbeitung, ein Anfang – und kein Ende in Sicht. Das Thema erfuhr bundesweit große Beachtung und stand in allen Nachrichtensendungen an erster Stelle, noch vor Corona.

Die knapp 35-minütige Dokumentation von Christina Zühlke (redaktionelle Mitarbeit: Achim Pollmeier) bestand grob aus zwei Elementen. Die öffentliche Präsentation des Gutachtens durch die Anwälte Björn Gercke und Kerstin Stirner und erste Reaktionen darauf bildeten den äußeren formalen Rahmen und waren aktuell produziert. Der Mittelteil, der etwa zwei Drittel des Films ausmachte, bestand in der vorproduzierten (erneuten) Darstellung der Geschehnisse durch die in ihrer Zeit als Internatsschüler von Missbrauch betroffenen Männer Patrick Bauer und Karl Haucke, die dem Aufklärungswillen des Kardinals geglaubt hatten. Sie gehörten als Sprecher dem zehnköpfigen ersten Betroffenenbeirat in Deutschland an. Der sollte bei der Aufklärung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche helfen. Hinzu trat die Behandlung von finanziellen Forderungen der Opfer durch die Deutsche Bischofskonferenz sowie der Fall des väterlichen Freundes von Kardinal Woelki, des Pfarrers Johannes O. aus Düsseldorf, der 2017 im Alter von 88 Jahren starb. Alles mehr oder weniger bekannt.

„Nur wenn wir ehrlich und aufrichtig sind, wird uns wieder Vertrauen geschenkt werden.“ Das war der Ausgangspunkt, den der Kölner Kardinal gesetzt hatte. Aber: Das von der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl vor Jahresfrist vorgelegte erste Gutachten erschien Woelki nicht gerichtsfest und geeignet zur Veröffentlichung. Unter Druck und ohne Kenntnis der Inhalte dieses Gutachtens hatte der Betroffenenbeirat zugestimmt, dieses unter Verschluss zu halten und auf ein neues Gutachten zu warten. Im Nachhinein und nach dem Rücktritt der beiden vom Sprecherposten fühlen sich Bauer und Haucke instrumentalisiert und „über den Tisch gezogen“.

Karl Haucke sagt im Film, das habe ihn krank gemacht: „Ich schlafe kaum noch, ich habe wieder Alpträume, ich musste meine Medikation ändern. Das sind die äußerlich sichtbaren Folgen dessen, was die Bistumsleitung mit uns gemacht hat.“ Und Patrick Bauer ergänzt: „Man fühlt sich ein Stück weit so hilflos wie damals.“ Damals, als er als Kind immer wieder in das Büro des Priesters musste, ohne dass ihm jemand half.

Die persönlichen Statements der Betroffenen sind jedes Mal eindrucksvoll, im Grunde waren sie in dieser oder ähnlicher Form in den vergangenen Jahren immer wieder zu sehen und zu hören. Auch die Genese dieses zweiten Gutachtens konnte zumindest beim aufgeschlossenen Publikum vorausgesetzt werden. Der Sendungstitel allerdings suggerierte eine zumindest erste Auseinandersetzung mit dem gerade vorgestellten Gutachten. Das geschah jedoch nicht, weil wohl die Zeit dazu nicht reichte.

Dennoch, auch wenn die 915 Seiten des Gutachtens innerhalb weniger Stunden nicht ausreichend seriös zu analysieren sind, so es hätten zum Beispiel aber doch Fragen gestellt werden können. Etwa, ob das „Nichts geahnt, ab heute ist das nicht mehr möglich und denkbar“, das Woelki in einer ersten Stellungnahme äußerte, wirklich auch auf ihn zutreffen kann. Er war sieben Jahre Geheimsekretär von Kardinal Joachim Meisner, seinem 2017 verstorbenen Vorgänger, dem am meisten Beschuldigten, er war mit ihm acht Jahre Weihbischof in Köln. Selbst in einem „Schnellschuss“ hätte man für den Film auch die Frage aufwerfen können, ob Kardinal Woelki tatsächlich so frei von Pflichtverletzungen ist, wie es nach der Veröffentlichung des ihn entlastenden zweiten Gutachtens den ersten Anschein hatte. Hat auch Woelki in unmittelbarer Nähe seines Vorgängers tatsächlich „nichts geahnt“?

Hilfreich zum Verständnis wäre auch gewesen, zu erklären, dass es sich bei dem Gutachten weder um eine Anklage noch um eine Verteidigungsschrift handelt. Schon gar nicht um ein Urteil. Es wurde ein Sachverhalt dargestellt, und das unter rein juristischen Standpunkten. Dies zu erläutern, wäre hilfreicher gewesen als die erneute Erzählung der Geschichte um Pfarrer O. oder die Schilderung der Auseinandersetzung um Schmerzensgeldzahlungen an die Opfer. Immerhin wurden – man erfuhr also Namen – einige leitende Verantwortliche benannt, die die Taten vertuscht und entsprechende Akten und Verschluss gehalten hatten, statt für Aufklärung zu sorgen, und es wurden daraus erste Konsequenzen gezogen. So wurden Verantwortliche wegen Pflichtverletzungen bzw. Pflichtverstößen von ihren Aufgaben freigestellt. Wenigstens dies fand Eingang in den Film.

Es bleibt der Eindruck, dass weder der WDR die Diskussion über den Rassismus ausgestanden hat noch die Kölner Kirche die Aufklärung über den sexuellen Missbrauch und dessen Vertuschung. Die Betroffenen beklagen, dass sie als Opfer in dem Gutachten so gut wie nicht auftauchen. Wie auch? Das war nicht der Auftrag. Jedenfalls ist ein erster Schritt gemacht. Ob aber tatsächlich Hilfe etwa von der Politik kommt, die weiteren Untersuchungen zu fördern, ist sehr fraglich. Denn der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sagte im Film, dass er, als er bei den Bundestagsfraktionen entsprechend sondiert habe, dort wenig Wohlwollen gefunden habe, hier bei der Aufklärung unterstützend tätig zu werden. Eine Wiedervorlage der Thematik ist wahrscheinlich und nötig.

08.04.2021 – Martin Thull/MK

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