Christian Wölfel: Lampedusa im Pfarrhof – Von der Flucht ins Kirchenasyl. Reihe „Stationen – Dokumentation“ (Bayerisches Fernsehen)

Schicksale erhalten Gesichter

16.10.2015 •

Manchmal ist ein Kirchenasyl die letzte Chance für Flüchtlinge, denen bei einer Abschiebung im „Zielland“ Gefahr an Leib und Leben droht. In Deutschland waren Ende September 297 solcher Kirchenasyle gemeldet: 452 Personen, darunter etwa 95 Kinder, warten in dieser Situation auf einen Bescheid des Bundesamts für Migration und auf die Einstufung als Härtefall. Zumeist sind es sogenannte Dublin-Fälle, bei denen eine Abschiebung in andere EU-Länder droht.

Wer sich ausschließlich aus den Nachrichtensendungen informiert, dem entgehen oft die Einzelschicksale. Verdienst dieses Beitrags, der jetzt im Dritten Programm Bayerisches Fernsehen innerhalb der Reihe „Stationen – Dokumentation“ und zugleich im Rahmen der ARD-„Themenwoche Heimat“ ausgestrahlt wurde, ist es, den insbesondere über die sogenannte Balkanroute kommenden Flüchtlingsmassen exemplarisch Gesichter zu verleihen, die Gesichter vier junger Menschen. Sie haben in Bayern vorübergehend Zuflucht gefunden, in Tutzing in der katholischen und in Immendorf in der evangelischen Gemeinde.

Seit gut sechs Monaten wohnt Ali aus Afghanistan in Tutzing auf dem Gelände der katholischen Pfarrgemeinde Sankt Joseph. Er nutzt das Kirchenasyl, eine Abschiebung nach Ungarn wäre unmenschlich, finden die Verantwortlichen der Gemeinde. Mit Ali wohnen noch zwei Syrer in einem Haus der Pfarrei, Hussam und Diar. Jeder Ausflug jenseits der Grenzen des Kirchengeländes könnte die Abschiebung bedeuten.

In Immenstadt bringt Shahinas im evangelischen Pfarrzentrum arabischen Kaffee. Ein einziges Zimmer ist ihr Wohnraum. Auf ihrem Weg über die Türkei nach Italien lebte sie tagelang auf der Straße, erlebte sexuelle Belästigung. Sie gelangte nach Deutschland, von wo aus die Behörden sie wieder zurück nach Italien schicken wollten. Die evangelische Gemeinde bot ihr Schutz.

Shahinas, Ali, Hussam und Diar sind die Beispiele, die Christian Wölfel für seinen Film „Lampedusa im Pfarrhof – Von der Flucht ins Kirchenasyl“ ausgewählt hat. Er stellt nicht nur deren Schicksale vor – immer wieder ergänzt durch Fetzen von zum gehörenden Nachrichtenbeiträgen, teilweise optisch verfremdet –, sondern er erläutert auch die bürokratischen Bedingungen, die erfüllt werden müssen. Niemand kann einfach in eine Kirche gehen und dort um „Kirchenasyl“ bitten. Es geht hier um Menschen, die eigentlich dem Dublin-Abkommen entsprechend aus Deutschland in ein EU-Land wie Bulgarien, Ungarn oder Italien abgeschoben werden müssten – Länder, die mit den hohen Flüchtlingszahlen überfordert sind, die Menschen nicht versorgen wollen oder können, die sie manchmal auch misshandeln.

Im Kirchenasyl erlernen sie einerseits die deutsche Sprache und machen sich anderseits mit kleinen Hausmeisterdiensten (den Rasen mähen, die Kirche putzen) oder mit Büroarbeiten nützlich. Doch es ist für die Betroffenen, daran lassen sie selbst wie auch ihre Betreuer wie Angelika Puffendorf oder Michael Immler keinen Zweifel, eine Art Gefangenschaft, in der Langeweile zu dominieren droht. Denn das Gelände der Kirchengemeinde dürfen sie überhaupt nicht verlassen. Sechs Monate müssen sie meist ausharren, bis sie dann in Deutschland Asyl beantragen können. Die Kirchengemeinden handeln dabei nicht gegen geltende Gesetze. Wie Pfarrer Peter Brummer aus Tutzing erläutert, wolle man ganz im Gegenteil dafür sorgen, dass die schwer traumatisierten jungen Menschen ein faires Verfahren erhielten und dass weiteres Unrecht verhindert werde.

In den Gesprächen vor der Kamera wird deutlich, dass die Flüchtlinge genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft haben. So wollen sie die Sprache immer besser lernen und eine Ausbildung machen. Vor allem aber wollen sie ihre Traumata überwinden, die beispielsweise darin bestehen, die Flucht ergreifen zu wollen, wenn ein Flugzeug über den Ort donnert, oder bei Ali in dem Umstand, dass ihn die in Bayern unvermeidlichen Berge an die Gebirge Afghanistans und damit die Schikanen der Taliban erinnern. Und dass die Flüchtlinge, die Muslime sind, auch am christlichen Gottesdienst teilnehmen und sogar Fürbitten vortragen – für den Pfarrer inzwischen eine Selbstverständlichkeit.

Eine 30-minütige Fassung des Films wurde am 27. September (Sonntag) bereits im Ersten Programm der ARD im Rahmen der Reihe „Gott und die Welt“ ausgestrahlt. Keine schlechte Entscheidung, verbindet der Film doch die Schilderung der menschlichen Schicksale im Kirchenasyl mit Erklärstücken, die dem bis dahin wenig informierten Zuschauer die Komplexität der Problematik deutlich machen können. Und durch den Weg auch ins Erste hat der Film das ihm zu wünschende Publikum noch erweitert.

16.10.2015 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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