Christian Schnalke/Oliver Dommenget: Duell der Brüder – Die Geschichte von Adidas und Puma (RTL) / Christian Bock: Die Sportsfeinde aus Herzogenaurach – Adidas gegen Puma (RTL)

Disparater Eindruck

31.03.2016 •

Adi Dassler, der Gründer des Sportartikelunternehmens Adidas, saß 1954 beim 3:2-Erfolg der bundesdeutschen Auswahl im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Ungarn, auf der Bank des Siegers direkt neben Bundestrainer Sepp Herberger. Die Kunststoffschraubstollen, die Dassler mit dabei hatte, erwiesen sich auf dem zunehmend nasseren Rasen des Wankdorfstadions in Bern als Vorteil gegenüber den mit weniger wetteradäquatem Material ausgestatteten Ungarn. Mit dem „Wunder von Bern“, das für Adidas einen wichtigen Schritt zur Weltfirma markierte, beginnt und endet der für RTL produzierte Spielfilm „Duell der Brüder“. Der Sieg von Adidas war gleichzeitig eine Niederlage für die von Adis Bruder Rudi geführte Firma Puma. Rudi hatte sich mit Herberger, den Christoph Gareisen im Film als windigen Typen vom Stamme Nimm gibt, überworfen.

Sechs Jahre vor dem WM-Sieg der deutschen Mannschaft um Fritz Walter hatten die einander in wachsender Abneigung verbundenen Dassler-Brüder ihre gemeinsame Firma im fränkischen Herzogenaurach aufgespalten. „Duell der Brüder“ erzählt, wie diese Feindschaft entstanden ist – beziehungsweise: entstanden sein könnte. Im Film von Regisseur Oliver Dommenget geht es um Intrigen und Ideenklau, Hintergehungen und Denunziationen – und die Rollen, die die beiden Ehefrauen dabei spielten. Bei der Zeichnung der Figuren nimmt sich Drehbuchautor Christian Schnalke einige Zuspitzungsfreiheiten heraus: Der kreative Sportschuster Adi (Ken Duken) und seine Ehefrau Käthe (Pico von Groote) sind eher Sympathieträger, der Kaufmann und Schwerenöter Rudi (Torben Leibrecht) und Gattin Friedel (Nadja Becker) werden dagegen – inklusive einer Affinität zum Nationalsozialismus, der hier zu einem innerfamiliären Streitfaktor unter vielen reduziert wird – negativ gezeichnet.

Der Streit, der die Familie zerrüttete, fesselt in Dommengets Inszenierung teilweise durchaus. Diese Qualität wird allerdings durch eine Ballung von Unplausibilitäten geschmälert, die auch dann stört, wenn man der Meinung ist, ein Event-Spielfilm aus dem Genre Historytainment müsse nicht übermäßig realistisch sein. Die beiden weiblichen Hauptfiguren zum Beispiel, die Ehefrauen der Dasslers, altern über die Erzählzeit von mehr als drei Jahrzehnten gar nicht; bei Adi Dassler sind am Ende wenigstens ein paar graue Strähnen zu sehen. Pico von Groote spielt Käthe zwar auf einnehmende Weise, die von ihr verkörperte Figur unterscheidet sich aber nicht von manchen Frauen aus den Werbeblöcken im RTL-Programm.

Auch die Dialoge klingen teilweise zu sehr nach heutiger Zeit. Dass sich in den 1920er Jahren fremde Menschen auf dem Bahnhof duzten – wie hier Rudi Dassler bei seiner ersten Begegnung mit seiner späteren Ehefrau –, ist wenig wahrscheinlich. Desgleichen, dass jemand wie Rudi in einer Szene zu seinem stets an noch besseren Schuhen tüftelnden Bruder in den frühen 1930er Jahren gesagt hat: „In deiner Arroganz perfektionierst du vollkommen am Bedarf vorbei.“ Der teilweise dezent rockige Soundtrack von Frederic Wiseman („Son of Batman“, „Justice League: The Flashpoint Paradox“) trägt ebenfalls nicht dazu bei, Zeitkolorit zu schaffen.

Eine besonders groteske Szene erlebt der Zuschauer am Ende, als das WM-Finale von 1954 in die Spielhandlung eingebaut wird. Man hört „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen“ – den berühmten Ausruf des Radioreporters Herbert Zimmermann –, zu sehen ist dann jedoch, wie jemand keineswegs aus dem Hintergrund schießt, sondern von der rechten Seite des Fünfmeterraums den Ball ins Tor stochert. Gewiss, es ist schwer, Spitzenfußball mit Schauspielern nachzustellen – so jämmerlich und slapstickhaft wie in „Duell der Brüder“ (Produktion: Zeitsprung Pictures und G5 Fiction) sollte es dann aber doch nicht aussehen. Die Macher des geplanten zweiteiligen ARD-Spielfilms „Die Dasslers“, der noch keinen Sendetermin hat, werden sich an dieser Stelle hoffentlich mehr Mühe geben.

Eine wichtige Randfigur in „Duell der Brüder“ (4,94 Mio Zuschauer, Marktanteil: 14,9 Prozent) ist Adis Sohn Horst Dassler. Die Vermutung, er sei in Wahrheit das Ergebnis einer Affäre zwischen Rudolf und Schwägerin Käthe, befeuert den Zwist innerhalb der Familie. Der reale Horst Dassler wurde später zu einer Schlüsselfigur des Weltsports, er schuf Seilschaften zu allen wichtigen Verbänden, insbesondere zum Fußballweltverband FIFA und zum Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Horst Dassler installierte, verkürzt gesagt, Sepp Blatter an der Spitze der FIFA und schuf damit die Grundlage für jenes Korruptionssystem, das im Mai vergangenen Jahres erschüttert wurde, als Ermittlungen des FBI zu Verhaftungen hochrangiger FIFA-Funktionäre führte.

Die historische Bedeutung Horst Dasslers kommt in dem Spielfilm dieses Adidas-gegen-Puma-Themenabends am Karfreitag bei RTL nicht mehr vor. Dafür griff dies Christian Bock in der anschließenden Dokumentation „Die Sportsfeinde aus Herzogenaurach“ auf. Dieser Film hinterließ einen ähnlich disparaten Eindruck wie der Spielfilm. Manche Details sind aufschlussreich. Das gilt für die Ausflüchte des heutigen Adidas-Vorstandsvorsitzenden Herbert Hainer, der sagt, der langjährige FIFA-Präsident und frühere Adidas-Mitarbeiter Sepp Blatter habe „auch Gutes für den Fußball getan“. Man kann dem Autor Christian Bock auch Anerkennung dafür zollen, dass er den 76-jährigen Gerd Dassler überzeugt hat, an dem Film mitzuwirken. Der Sohn des Puma-Gründers hatte bisher keine Interviews zur Familiengeschichte gegeben. Nichtsdestotrotz ist „Die Sportsfeinde aus Herzogenaurach“ (3,73 Mio Zuschauer, Marktanteil: 16,4 Prozent) eine krude Mischung.

Ein Element des Films ist die Promi-Reportage: Bock begleitet die Werbeträger Lothar Matthäus (Puma) und Manuel Neuer (Adidas) bei Besuchen in ‘ihren’ Firmen. In diesen Passagen unterscheidet sich die Dokumentation kaum von einem Werbefilm. Erschwerend hinzu kommen einige die Schmerzgrenze überschreitende Formulierungen: So lässt Christian Bock uns zum Beispiel wissen, Lothar Matthäus sei ein „waschechter Franke“, ein Adidas-Model namens Lena Gercke sei „glaubwürdig“ und Uwe Seeler „einer der ersten Popstars des Fußballs“ gewesen.

Geradezu hanebüchen wirkt die Idee, die männlichen Hauptdarsteller des Spielfilms, Ken Duken und Torben Leibrecht, in die Dokumentation einzubeziehen. Sie erwecken den Eindruck, als wüssten sie selbst nicht, was das soll. In diesen Passagen erfahren wir auch, dass der Pressesprecher von Adidas „für die Schauspieler des RTL-Movies eine Ausnahme macht“, indem er ihnen ein firmenhistorisches Exponat zeige, das die Öffentlichkeit nicht zu sehen bekomme. Adidas-Chef Herbert Hainer sagte nach der Ausstrahlung, die Dokumentation habe „eindrucksvoll unterstrichen, wie stolz wir auf unsere Historie sind und dass dennoch unser Blick stets nach vorne gerichtet ist. Unsere Leidenschaft für den Sport war jederzeit spürbar.“ Das kann der Autor eines Dokumentarfilms schwerlich als Lob auffassen.

31.03.2016 – René Martens/MK

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